Wortschatz der Nacht

von Josef Winkler

€ 15,50
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Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 109 Seiten
Erscheinungsdatum: 17.02.2013


Rezension aus FALTER 11/2013

Atemloses Onanieren im Heustadel

Josef Winklers "Wortschatz der Nacht", ein Jugendwerk des Büchner-Preisträgers aus dem Jahr 1979

Es ist die Schöpfungsszene des Josef Winkler als Mensch und Schriftsteller und er hat sie in seinen Büchern immer wieder aufs Neue variiert und beschrieben. So auch hier, in "Wortschatz der Nacht" aus dem Jahr 1979: "Drei Jahre war ich alt, als mich meine kinderlose Tante unter den Achseln fasste, hochhob und in der immergrüngeschmückten Bahre die tote Mutter meiner Mutter zeigte."
Bis zu diesem Anblick der gestorbenen Großmutter reicht Winklers Erinnerungsvermögen zurück. Das erklärt womöglich sogar, "warum ich soviel über den Tod schreiben muß". Damit setzt sein Gedächtnis ein. Es beschert ihm sein Erweckungserlebnis als bewusstes Wesen. "Mein erster Mensch ist eine tote Frau, nicht Adam oder Eva oder ein Menschenaffe."

Jetzt, zum 60. Geburtstag des Büchner-Preisträgers im März, erscheint "Wortschatz der Nacht" erstmals in einer Buchausgabe. Entstanden ist dieses 100 Seiten umfassende Jugendwerk des Autors unmittelbar nach der Veröffentlichung seines ersten Romans "Menschenkind". Noch im selben Jahr erschien es in der Grazer Literaturzeitschrift manuskripte. Winkler hat es in nur einigen wenigen Nächten geschrieben. Auch wenn kein Autorenname draufstünde, wüsste man nach wenigen Seiten, dass es sich um einen Winkler-Text handelt.
Wenig in der zeitgenössischen österreichischen Literatur ist so unverkennbar wie sein Ton: die nervenzerfetzende Aufgeladenheit der alltäglichen Dinge, die gebetsmühlenartigen Wiederholungen von Erlebnissen, Gefühlen und Beobachtungen, die Selbstgeißelung und das Aufbegehren, der wilde, hypersexualisierte Kampf gegen Sprachlosigkeit und Ritualzwänge bei gleichzeitigem grenzenlosem Fasziniertsein von Ritualen.
Damals, im Jahr 1979, als er "Wortschatz der Nacht" schrieb, war Winkler 26 Jahre alt. Er hatte mit einem Auszug aus "Menschenkind" beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gerade den Sonderpreis der Klagenfurter Jury erhalten, der Roman war als Buch erschienen und er muss wie eine Bombe eingeschlagen haben in dem kleinen Dorf Kamering bei Paternion im Kärntner Drautal, wo Winkler auf dem Bauernhof seiner Familie aufgewachsen war.
Wir wissen aus späteren Winkler-Büchern, dass ihn der allmächtige, durch die Literatur seines Sohnes schlagartig ohnmächtig gewordene Vater einen Sauhund schimpfte, der Unwahrheiten über die Dorfbewohner verbreite. Winklers erster großer Auftritt auf der literarischen Bühne muss klargemacht haben, dass da ein Besessener angetreten war, um den wortkargen, bäuerlichen Mikrokosmos seiner Herkunftsfamilie und -gegend mit den Mitteln der Sprache bis in den hintersten Herrgottswinkel auszuleuchten.
Er, "der Mädchenbube und Transvestit der bäuerlichen Dorfjugend", sah dort, wo für die anderen Wohlanständigkeit und Gottesfurcht herrschten, Religion und Sexualität eine verquere Verbindung eingehen. Jeder Kalbstrick eine Aufforderung an einen Selbstmörder, jeder Heustadel ein Austragungsort für atemloses Onanieren.
Winklers Dorfuniversum, in dessen Zentrum der Vater steht, ist überbevölkert mit Menschen- und Tierkörpern und getränkt von den Sekreten und Gerüchen, die diese produzieren. Winkler kann den Blick nicht abwenden. Er ist so tief darin verstrickt, dass man ständig Todesangst um ihn haben müsste, hätte er nicht zum Schreiben gefunden und dabei sogar seine Todesangst zu einer Angst gemacht, "die ich zum Leben brauche".
Winkler muss, als er "Wortschatz der Nacht" schrieb, unter massivem Druck gestanden sein. Mit dem vorhergehenden Erscheinen seines Debütromans "Menschenkind" hatte er mehr als deutlich literarische Stellung gegenüber seinem erzkatholischen, patriarchalischen Herkunftsmilieu bezogen. Die Verachtung von dort, die ihn gleichzeitig meilenweit missverstand und absolut folgerichtig war, muss ihm – auch aus der sicheren Entfernung seines Klagenfurter Lebens – zugesetzt haben. Sicher auch die Angst.
"Es erfüllt mich nicht gerade mit Stolz, wenn ich sagen muß, daß mehrere Menschen in diesem Dorf mit meinem Tod spekulieren", schreibt er. "Wortschatz der Nacht" mag eine erste Reaktion auf diesen Druck gewesen sein. Fiebrig ist dieser Text und wild. Wenn man so will, eine 100 Seiten lange, hochmusikalische Variation der Themen Sterben und Tod.

Winkler kommt damit allen zuvor. So elaboriert wie er selbst könnte ihm niemand anders den Tod an den Hals wünschen. Friedhöfe, Leichenhallen, Totenmasken und Selbstmörder. Hingerichtete und Aufgebahrte, geschlachtete Tiere und abgestürzte Trapezkünstlerinnen, fantasierte Todesarten. Er selbst als Erzählender oszilliert zwischen den Rollen, ist "Hexe, Hänsel und Gretel in einer Person".
Ein Mensch in tiefen Nöten hat diesen Text geschrieben. Der Josef Winkler späterer Bücher, vor allem in den letzten zehn Jahren, wirkt nicht mehr ganz so gefährdet, wenn auch ähnlich getrieben. Aber das eigentlich Faszinierende an diesem Text ist das, was Winkler insgesamt zu einem so fesselnden Autor macht. Seine Hieronymus-Bosch-artigen Tafelbilder voller in Wolllust und Schmerz verkrümmter Körper finden immer einen Rahmen in Winklers präziser Sprache.
Es mögen barocke Bilderstürme sein, regelrechte Satzkaskaden, die über einen hereinbrechen, aber jedes Wort hat seinen Platz. Es hat immer wieder geheißen: Die Zeit habe Winkler überholt, er sei in den 1970er-Jahren steckengeblieben. Das ist Unsinn. Er hat nur literarisch schon in den 1970er-Jahren eine bestürzende Wahrhaftigkeit gegenüber seinen eigenen Obsessionen an den Tag gelegt und diese seither beibehalten. Wie sollte das je überholt sein?

Julia Kospach in FALTER 11/2013 vom 15.03.2013 (S. 11)


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