Versuch über den Pilznarren
Eine Geschichte für sich

von Peter Handke

€ 19,50
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Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 217 Seiten
Erscheinungsdatum: 09.09.2013


Rezension aus FALTER 41/2013

Suchbefehl: Graublättriger Schwefelkopf

In seinem "Versuch über den Pilznarren" durchleuchtet Peter Handke die Poetik des Schwammerlsuchens

Ein erfolgreicher Mann in mittleren Jahren entwickelt eine Leidenschaft für Pilze und verfällt in der Folge dem Wahnsinn. Diesen Plot kennt der literaturaffine Pilzfreund aus Martin Suters Bestseller "Die dunkle Seite des Mondes". Aber auch wenn Peter Handke in seinem neuen Buch "Versuch über den Pilznarren" eine ähnliche Geschichte erzählt, grenzt er sich gleich am Anfang von den "sich häufenden Erzählwerken" mit mykologischem Überbau ab. In der Geschichte solle es weder um den Pilz als Mordwerkzeug noch um dessen psychotrope Potenz gehen. Im Laufe der Erzählung wird sich herausstellen: Wer Stimmen hört, muss keine Drogen genommen haben.
Handke entwickelt mit dem Anwalt, den der Ich-Erzähler aus seinem Heimatdorf kennt, eine Figur, für die das Pilzsammeln zunächst eine Ablenkung, dann eine Religion und schließlich eine Obsession darstellt. Die Suche des Pilznarren beginnt bereits in der Kindheit, als er sich mit Pilzen ein Taschengeld verdient, und endet damit, dass er Köpfe mit Pilzkappen verwechselt. Aus Suche wird Sucht.

Nach mehreren "Versuchen", etwa über die Müdigkeit (1989) und die Jukebox (1990), beschäftigt sich der Autor hier mit einem Thema, mit dem er auch als öffentliche Figur identifiziert wird: Mitunter lädt er Journalisten, die ihn in seinem französischen Landhaus besuchen, zum Pilzesuchen ein. Fotos zeigen ihn durch das Unterholz streifend, zugleich weltab- und kamerazugewandt.

Handke hat das Image eines Waldläufers in der Tradition Henry David Thoreaus und Adalbert Stifters. Nun breitet er den
Fundus jahrzehntelanger Schwammerlreflexion aus. So erfährt der Leser Wissens­wertes über die Beschaffenheit von Fundstellen, das Verhältnis zur sammelnden Konkurrenz und zur Konsistenz des Pilz­fleisches.
Die Pilznamen klingeln: Graublättrige Schwefelköpfe, Krause Glucken, Kaiserlinge; das fragile Verhältnis zwischen Wörtern und Dingen scheint hier intakt. Außerdem sind Pilze ein Fest für alle Sinne. Die Geometrie der Blickachsen zwischen Suchendem und den Objekten gehört ebenso zu der skizzierten Schwammerlästhetik wie das Rauschen und Knistern von Laub und Unterholz. In zugewachsenen Bombenkratern leuchten die Gelblinge.
Der Rhythmus des Gehens und Innehaltens spiegelt sich im Tempo der Sätze wieder, die manchmal abbrechen – was steht denn da am Wegesrand? –, manchmal in Nebensätze hineinwachsen. Kurzatmige Aufstiege folgen auf mühelose, mäandernde Weg- und Satzstrecken.
Auch wenn der Rhythmus des Textes eher an Homer und Vergil als an eine Pilzfibel erinnert, lässt die Erzählung sich auch als Ratgeber verstehen. Dabei geht es weniger um die Frage, ob Pilze aus der Erde zu reißen oder zu drehen seien, sondern um eine mit Pilzen eingeübte Lebensführung – um das rechte Zeitmaß, das Verhältnis zur Gemeinschaft, die Zügelung der Gier. Wer die Natur meint, sucht immer auch das eigene Selbst.

Der Anwalt empfindet das Pilzesuchen als ein Modell eines autonomen Lebens. Er verlässt Frau und Kind und gibt seinen Beruf auf, um in der Wildnis zum "Souverän" zu werden. Ein von ihm verfasstes Pilzbuch soll die Welt an dieser Erkenntnis teilhaben lassen, kommt aber nicht zustande. Es gehört zu den Stärken von Handkes "Versuch", dass er die großen Fragen des Lebens lediglich andeutet. Er schildert die Pilzreligion des Protagonisten als Selbstversuch, der die "Schwelle zum Grauen" überschreitet, gibt den heiteren Grundton aber nie ganz auf.
Obwohl der Autor in Sprache und Motivik auf Distanz zur sogenannten "Gegenwart" geht, erinnert der ruhelose Held auch ein wenig an die irren Manager in Rainald Goetz' Roman "Johann Holtrop" oder an jene zappeligen Web-Subjekte, die in den Wäldern des Internet den Nachweis ihrer sozialen Existenz suchen. So old school dieses Buch auf den ersten Blick scheinen mag, lässt es sich auch als Traktat über zeitgenössische Obsessionen lesen. Der Suchbefehl "Ich" kann zu giftigen Funden führen.

Matthias Dusini in FALTER 41/2013 vom 11.10.2013 (S. 18)


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