Tumult

von Hans Magnus Enzensberger

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Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 287 Seiten
Erscheinungsdatum: 20.10.2014


Rezension aus FALTER 41/2014

Sprung vom Zug zur großen Erzählung

Zu seinem 85. Geburtstag legt Hans Magnus Enzensberger das autobiografische Werk "Tumult" vor

Hans Magnus Enzensberger ist in die Jahre gekommen. Das muss aus dem Mund eines Autors, der mit ihm in die Jahre gekommen ist, nichts Böses bedeuten. Im Gegenteil, so viel Leichtigkeit auch noch mit 85 exemplarisch vorzuführen, dazu bedarf es eiserner Disziplin und resoluter Eleganz.
Der junge Enzensberger berührte einen als Lyriker, den man dem Deutschprofessor entgegenhalten konnte. Mit seinem "Baukasten zu einer Theorie der Medien" konnte man sogar nach dem "Kapital"-Arbeitskreis punkten, die von ihm herausgegebene Zeitschrift Kursbuch stand als Impulsgeber – wie ihr Herausgeber selbst – zugleich am Rand und im Mittelpunkt der 1968er-Revolte. Und die Bände der Anderen Bibliothek trafen mit ihrem Bestehen auf Druckkunstgewerbe den Nerv einer sich selbst ­digitalisierenden Branche.
Auch ordnete Enzensberger wirtschaftlichen Erfolg stets entschlossen dem inhaltlichen unter. Außerdem schreibt er nicht nur Lyrik und Essays, sondern Hörspiele, Drehbücher, Theaterstücke und Prosa, literarische wie wissenschaftliche. Sein bestverkauftes Buch handelt von Mathematik: "Der Zahlenteufel. Ein Kopfkissenbuch für alle, die Angst vor der Mathematik haben".

Enzensbergers große Essays über die Sprache des Spiegel oder über das Fernsehen als Nullmedium bleiben wichtig. Seine Reportagen zählen zum Besten, was man über Europa und auch die Dritte Welt lesen konnte. Mit Recht hat das Marburger Literaturarchiv zu seinem 80. Geburtstag das Symposium "Hans Magnus Enzensberger und die Ideengeschichte der Bundesrepublik" abgehalten. Der Germanist Kraushaar ging dort unter dem Titel "Tumult" dem Thema Enzensberger und 1968 nach.
Den Titel "Tumult" hat Enzensberger mehrfach verwendet. Jetzt setzt er ihn über sein neues Buch, eine Art Autobiografie in Fragmenten. Mit Peter Lau hat er längst einen kompetenten Biografen. Umso spannender ist es zu sehen, wie er selbst sich seiner Vergangenheit stellt und sich ihr zu entwinden sucht. Das gelingt dem Diderot-Verehrer in einem Dialog, den der junge und der alte Enzensberger über die Tumultjahre führen. Es ist spannend zu lesen, wie Enzensberger immer wieder vom Zug zur großen Erzählung abspringt. Für den Lauf der Zeit hat er einmal das schöne Bild des Blätterteigs verwendet, in dem durch immer neues Drehen und Schichten ein Verlauf entsteht, der jeder Linearität spottet.
Enzensbergers "Zickzack" (auch das der Titel eines seiner Bücher) durch die eigene Biografie ist die einzige Konstante des Buchs. Den Trick, er habe im Keller zufällig zwei Kisten mit alten Dokumenten, Briefen, Fotos gefunden, kann man dem Autor abnehmen oder nicht. Er erklärt vielleicht die Zufälligkeiten im Leben eines Anarchisten.

Es beginnt mit einer feinen Reportage vom Besuch einer Schriftstellerdelegation in der poststalinistischen Sowjetunion. Der junge deutsche Lyriker findet im russischen Starlyriker Jewgeni Jewtuschenko eine Art Doppelgänger: "Ich habe das Pech, in manchen Zeitungen mit ihm verglichen zu werden – und es scheint, als gelte das auch umgekehrt. Es ist das Klischee vom angry young man." Dann werden Teile der Delegation zu Chruschtschow auf dessen Sommersitz nach Sotschi eingeladen, Enzensberger ist dabei, Jewtuschenko nicht. Die Charakterisierung Chruschtschows ist ebenso lapidar und treffend wie arrogant: "In den Grenzen seiner Gemeinplätze ist er unsicher, also belehrbar. Von seiner größten politischen Leistung ahnt er nichts. Sie liegt in der Entzauberung der Macht."
Eine zweite Reise durch die Sowjetunion bringt die Begegnung mit Enzensbergers zweiter Frau Mascha, seinem "russischen Roman". Die leise Selbstironie dieser Klassifizierung darf nicht täuschen: Enzensberger gibt zu erkennen, wie sehr diese Frau sein Leben bewegt hat. Sie ging seinetwegen in den Westen, um ganz neu zu beginnen. Als sie erkannte, dass er nicht neu beginnen wollte, sondern mitten im Berliner Tumult der Revolte steckte, machte sie ihm Vorwürfe. Er versuchte den Neubeginn an einer Uni in den USA, der Wesleyan University, was er rasch aufgab, als ihn eine Einladung nach Kuba erreichte, dem Land, dem er so lang verfallen blieb und das er mit nachwirkendem Unverständnis über diese seine Zuneigung beschreibt.

Enzensberger lässt sich durch die Welt und durch die Politik reißen, seine Ehe lässt sich auch so nicht retten. Schließlich, nach der Scheidung, begeht Mascha Selbstmord. Das alles ist mit zarter Einfühlung geschildert und nimmt dem Autor jeglichen Luftikus-Verdacht.
Man spürt trotz allen Name-Droppings, das er sich selber vorwirft, er könnte noch viel mehr Namen fallen lassen. Eine epochale Erscheinung, minus falschem Schein. Der Autor ist wieder in Berlin, Mai 1970. Ein paar Leute wollen bei ihm Unterkunft: Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof – die RAF, nach der Befreiung Baaders aus dem Gefängnis. Nach Hinweis auf den Geheimpolizisten vor dem Fenster verschwinden sie wieder. Enzensberger trocken: "Ich schließe aus dieser Episode, dass die RAF aus Versehen entstanden ist. Das einzige Ziel ihrer ersten bewaffneten Aktion bestand darin, einem Komplizen zwei Jahre Gefängnis zu ersparen."
Das Leben ist Tumult. "Als Buchhalter unserer Vergangenheit bin ich eine Fehlbesetzung", sagt Enzensberger. Und in einer Unterhaltung mit dem Mathematiker Alexander Danilowitsch Alexander in Sibirien: Wissen und moralische Fantasie seien "im besten Fall komplementär". So kann man dieses Buch auch als eine Übung lesen, seine moralische Fantasie zu schärfen, jenes Organ, das wir im Leben am meisten brauchen und doch am seltensten benützen.

Armin Thurnher in FALTER 41/2014 vom 10.10.2014 (S. 17)


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