Der Osten

von Andrzej Stasiuk

€ 23,60
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Übersetzung: Renate Schmidgall
Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 297 Seiten
Erscheinungsdatum: 08.02.2016


Rezension aus FALTER 11/2016

Im Osten steht die Sonne hoch

„Der Osten“ ist für Andrzej Stasiuk keine Himmelsrichtung, sondern eine Haltung – und die Zukunft

In Kosch-Agatsch, im äußersten Osten Russlands, nahe der Grenze zur Mongolei und Kasachstans, erinnert sich Andrzej Stasiuk plötzlich daran, dass er vor gar nicht langer Zeit zwischen Chicago und New York unterwegs war. Eigentlich wollte er dorthin zurückkehren, kreuz und quer durch die USA reisen, wie so viele andere Leute auch.
Nun aber wusste er mit einem Schlag, dass er nie wieder nach Manhattan fahren sollte. „Ich würde keinen Groschen dafür ausgeben und keinen Tag opfern, um dorthin zu gelangen. Ich war ein Loser und liebte die Endzeit. Das Scheitern in kosmischer Größenordnung gefiel mir. Ich saß vor der Kneipe mit dem Namen Transit und schaute, wie das Dritte Rom das Ohr an die Steppe hielt und nach China lauschte.“
Für Stasiuk ist der Osten nicht einfach eine von vier Himmelsrichtungen. Der Osten ist ihm eine Kategorie der Erfahrung, in der auf magische Weise Raum und Zeit ineinander übergehen. Wenn man 1960 in Polen geboren wurde, dann wusste man im Osten jene riesige Sowjetunion, die nach eigenem Selbstverständnis die Zukunft der Menschheit vorwegnahm.
Der Weg dorthin führt durch die Vergangenheit, durch die von Timothy Snyder kartierten Bloodlands, das Zentrum erst des bolschewistischen, später des nationalsozialistischen Terrors.

Wer sich heute wie Stasiuk von Polen aus auf den Weg macht nach Osten, über den Bug nach Weißrussland und Russland, weiter über den Ural nach Sibirien und in die Mongolei, um schließlich nach der Durchquerung der Wüste Gobi in Peking anzukommen, der durchreist noch einmal das 20. Jahrhundert mit seinen Versprechungen des besseren Lebens. Doch von denen sind hier oft genug nur Industrieruinen, heruntergekommene Plattenbauten, staubige Straßen und holprige Eisenbahnstrecken übrig geblieben.
Während sich die Moderne in ihrer kapitalistischen Version im Westen als unanfechtbarer Sieger der Weltgeschichte präsentiert, verschwindet die kommunistische Variante im Staub der ostrussischen Steppen.
Stasiuk hat den Raum zwischen Warschau und Peking auf mehreren Reisen durchquert, mit dem Auto, mit dem Zug, mit dem Flugzeug, immer auf der im Grunde sehr privaten Suche nach dem inneren Kern seiner Existenz.
Der Osten ist Familienthema, seine Großeltern wurden als Opfer des Hitler-Stalin-Pakts aus Ostpolen nach Westen vertrieben. Aus dem Osten kam der Kommunismus, gegen den Stasiuk als junger Mann in Polen kämpfte. Der Osten blieb aber trotzdem auch Verheißung, dort lagen etwa die Schätze Samarkands und Chinas, von denen er als Kind träumte. Im polnischen Osten, in einem Dorf in den Niederen Beskiden, hat sich Stasiuk vor Jahren niedergelassen.

Als Mitteleuropäer neigt man dazu, das Ende des Ostens irgendwo am Ural zu vermuten. Von Stasiuk lernen wir, dass es dort erst richtig losgeht. Da öffnet sich eine Landmasse, in der die Orientierung schon auf der Landkarte schwer fällt, menschenleere Steppen, riesige Gebirge, endlose Straßen und Flüsse.
Die Größenmaßstäbe, die wir von der Mitte Europas kennen, gelten nicht mehr. Hitze und Kälte erreichen Extreme, die uns unerträglich vorkommen. Und je weiter Stasiuk nach Osten reist, desto weniger kann er sich auf die Gewohnheiten und Konventionen verlassen, die anderswo das Reisen auch dort noch ermöglichen, wo man die Landessprache nicht beherrscht.
In einer chinesischen Provinzstadt ist kein Hotel darauf vorbereitet, spontan ein paar Polen zu beherbergen, die einfach nur so auf Reisen sind. Da wird sogar der herbeigerufene Polizist nervös – und ist vermutlich erleichtert, wenn die rätselhaften Gäste am nächsten Tag wieder das Weite suchen.
Eine Anekdote wie aus einem ganz normalen Reisebericht – doch gerade den wollte Stasiuk nicht schreiben. Er nennt sein Buch denn auch einen Roman, gönnt es sich, mit der Chronologie recht frei umzugehen, manches offenzulassen oder nach Lust und Laune weiter auszubreiten.

Wer seiner Route folgen will, sollte bei der Lektüre einen ziemlich guten Atlas zur Hand oder Zugang zum Internet haben. Aber man kann sich genauso gut vorstellen, losgelöst von der realen Topografie zu lesen, einfach einem Strom zu folgen, der durch das Bewusstsein mäandert, Gerüche, Bilder, Geräusche mit sich zieht: „Ich habe das Gefühl, dass ich mich bis heute an den Geruch der Körper, der Kleidung, der Abgase von damals erinnere. Tabak, Bier und Benzin. Und jetzt gehe ich, immer wenn ich den Bug sehe, in der Zeit zurück.“
Irgendwann wird der Erzähler mit dem Osten eins, memoriert Ortschaften, als ginge es um ein Mantra: „Immer wieder lesen: Tokmok, Kemin, Toruajgyr, Tscholponata, Grigorewka, Korumdu, Kuturga, Tüp, Kyzylsuu, Darchan …“
Für ein paar Zeilen verwandelt sich der Osten in reine Lautpoesie. Aber er wird sich nicht darin auflösen. Denn am geografischen Ende von Stasiuks Reise, in China, macht sich ein neuer Osten daran, die Welt neu zu erschaffen. Die Demografie ist das eine, die niedrigen Löhne das andere. Auf Chinaflohmärkten und in Supermarktregalen: Überallhin ergießt sich die Flut der schrillen Armbänder, Püppchen, des Nippes. Der Westen erscheint angesichts dieser ungeheuren Vitalität und Produktivität recht müde und schwer.
Damit ist Stasiuks Erzählstrom, der zunächst so viel Vergangenheit mit sich getragen hat, in der Zukunft angekommen. War das nun ein Roman? Oder doch eher ein Essay? Egal. Ganz große Prosa auf jeden Fall, die ein fahles Licht auch auf den Westen wirft.

Tobias Heyl in FALTER 11/2016 vom 18.03.2016 (S. 17)


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