Die große Heimkehr
Roman

von Anna Kim

€ 24,70
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Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 558 Seiten
Erscheinungsdatum: 15.01.2017


Rezension aus FALTER 11/2017

Der Hase, der kein Hasenkostüm braucht

Mit der Gefrierschnittmethode erstellt Anna Kim ein beeindruckendes Panorama der koreanischen Tragödie

Der gemeine Mitteleuropäer denkt wohl an Nordkorea, wenn er an Korea denkt, und vor seinem inneren Auge entsteht das düstere Bild eines märchenhaften Albtraumlandes. Anna Kims Roman bettet das allzu wahre Klischee in ein vielfarbiges, fein schattiertes Panorama, das die ganze koreanische Tragödie umfasst.
Vor dieser Folie erhält eine Nachricht wie jene vom vermuteten Auftragsmord an Kim Jong-uns Halbbruder auf dem Flughafen von Kuala Lumpur eine erhöhte Plausibilität. Sehr gut hätte sich eine solche Geschichte in dieses Buch gefügt, in dem man zum Beispiel lesen kann, wie König Kojongs Gemahlin Min 1895 wegen ihrer antijapanischen Haltung auf Betreiben ihres Schwiegervaters in ihrem Palast ermordet wurde. Das Modell „absolute Macht durch vollkommene Isolation“ ist alt: „Kim Jong-un ist kein Kommunist, geschweige denn Politiker, sondern lediglich ein Erbe.“

König Kojong, der Vorletzte der Joson-Dynastie, bemühte sich eher täppisch um die Etab­lierung westlicher Errungenschaften: Vom Telefon, dem ersten in Korea, versprach er sich Kontakt zu Menschen, „die in der Ferne weilen“, und war dann bitter enttäuscht, dass er nicht mit seinen Ahnen sprechen konnte. Der Bau einer Straßenbahnstrecke zwischen Palast und Palastgarten wurde zum Desaster, weil die müden Untertanen die Schienen als Bettstatt benutzten.
Anna Kim erzählt die Vorgeschichte zum eigentlichen Romangeschehen aber nicht nur anekdotisch, sondern bis zum Koreakrieg und der mörderischen Kommunistenhatz danach im umfassenden Überblick, den sie ihrem Binnenerzähler Yunho in den Mund legt. So kann sie, dramaturgisch plausibel, wiederum ihre Leser belehren. In der Rahmenhandlung empfängt der alte Yunho in seinem Haus in Seoul die eigentliche Ich-Erzählerin, die junge Übersetzerin Hanna, die als Vierjährige zu ihren Adoptiveltern nach Deutschland kam und dank Kinderfrau und Studium Koreanisch spricht. Nun begibt sie sich auf die Suche nach ihren Wurzeln – und wohl auch nach ihren Eltern.
Zu Beginn vermeldet der Brief aus den USA, den sie für ihren Gastgeber übersetzt, den Tod einer gewissen Eve Moon, Yunhos großer Liebe. Von Eve, der Femme fatale, und Yunhos Freund Johnny, ihrem Liebhaber, handelt die an dramatischen Umschwüngen reiche Geschichte des „Archivars“, wie man den Alten nennt. Erotische Dreiecks- und Spionageverwicklung gipfeln in den Ereignissen des Jahres 1959 in ­Seoul, als sich die Opposition gegen den autokratisch regierenden Präsidenten Syng­man Rhee (seine Frau war Österreicherin) formiert, ehe die mit brutalen Mitteln gefälschten Wahlen im Jahr darauf zu dessen Abdankung führen.
Yunho gehört einer vom kommunistischen Norden gelenkten Untergrundgruppe an, Johnny einer von Rhee unterstützten Schlägertruppe, und Eve laviert irgendwo dazwischen. Als Johnny im Straßenkampf einen Mann tötet, flüchten alle drei nach Japan. Dort, in Osaka, finden sie sich als Bürger ohne Bürgerrechte wieder. In einem Land, in dem auch der Fußgänger ein Tempolimit zu beachten hat, sind die „Zainichi“, die „vorübergehend in Japan Weilenden“, zur Unsichtbarkeit verdammt. Zuletzt bringt die von Kim Il Sung unter Vorspiegelung paradiesischer Verhältnisse ausgerufene „Große Heimkehr“ nach Nordkorea die drei Freunde in Bedrängnis: Die unbeirrbar zur Ausreise entschlossene Tochter ihres Quartiergebers ist verschwunden, Johnny wird verdächtigt, seine Finger im Spiel zu haben.
Auch wenn mancher historische Exkurs allzu breit ausgepinselt und die Handlung mitunter ziemlich verwirrend ist: Anna Kim hat ein beeindruckendes Porträt einer paranoiden Gesellschaft gemalt, in der „überzeugen“ ein anderes Wort für „töten“ ist und Gewalt und Willkür, Lüge und Verrat in die privaten Verhältnisse diffundieren. Als Leitmotiv fungiert eine Sängerin, die Yunho liebt, ohne das Gesungene zu verstehen: Billie Holiday mit ihrem Album „Solitude“: „In my solitude / You taunt me / With memories / That never die.“ Leider wird sie sonst zumeist deutsch zitiert.

Vor dem kühl resümierenden Auge der Erzählinstanz zerschmilzt jeder eherne Begriff von Wahrheit, Heimat und Identität, nimmt sich hüben wie drüben die große Sache, für die so mancher seinen besten Freund ans Messer geliefert hat, erbärmlich klein aus.
Der arglose Yunho aber ist für Eve und Johnny der Hase, der kein Hasenkostüm braucht – eines von vielen koreanischen Sprichwörtern im Text. Als Demonstrant gegen Rhee an der Seite der Studenten hat Yunho das Gefühl, „das Richtige“ zu tun, später erscheint es ihm „flüchtig und trügerisch zugleich in seiner Eindeutigkeit“. Geschichte, erkennt er, gehört dem, „der sich Gehör verschafft“. Viele Akteure, die da „im Netz der Gegenwart“ zappeln, sind im Rückblick geschrumpft; manche Erinnerungen erscheinen bloß noch als „gefrorene Bilder, die einst Erinnerungen waren“.
Diese Methode des literarischen Gefrierschnitts ist ebenso charakteristisch für die österreichische Autorin wie ihr bohrendes Interesse für die Systematik von Kriegen und Diktaturen. In „Die gefrorene Zeit“ (2008) hat Kim den jugoslawischen Bürgerkrieg seziert, in „Der sichtbare Feind“ zuletzt die Technik des Verhörs.
Anna Kim hat auch noch den Umweg über Grönland („Anatomie einer Nacht“, 2012) genommen, ehe sie sich mit Hanna ihrer Familiengeschichte gestellt hat. Das koreanische „Kohyang“ meint Heimat als Herkunft und als Schicksal. Einer der Organisatoren der Schülerproteste im Roman heißt Kim, er studiert später Malerei und wandert in den Westen aus. Wir kennen ihn wohl aus Anna Kims Debüt „Die Bilderspur“: Es ist ihr Vater.

Daniela Strigl in FALTER 11/2017 vom 17.03.2017 (S. 21)


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