Die ungleiche Welt
Migration, das Eine Prozent und die Zukunft der Mittelschicht

von Branko Milanovic

€ 25,70
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Übersetzung: Stephan Gebauer
Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Umfang: 312 Seiten
Erscheinungsdatum: 10.10.2016


Rezension aus FALTER 3/2017

Globale Ungleichheit und „Branko’s Elephant“

Der Ökonom Branko Milanović polarisiert mit der Idee, Migranten als Profiteure der globalen Ungleichheit weniger zu fördern

Branko Milanović, einer der bekanntesten Ungleichheitsforscher weltweit, legt mit seinem neuen Buch „Global Inequality“ eine spannende Geschichte über den Zusammenhang zwischen der Globalisierung der Weltwirtschaft und der Einkommensentwicklung vor.
Milanović hat eine interessante Biografie: Geboren in Serbien, schrieb er 1990 seine Dissertation zur „Ungleichheit in Jugoslawien“ an der Universität Belgrad. Kurz danach emigrierte er in die USA, wo er mehr als 20 Jahre bei der Weltbank arbeitete, bevor er 2014 an die City University of New York wechselte. In seiner Zeit bei der Weltbank hat Milanović einen unschätzbaren Datensatz über die Einkommensverteilung auf Haushaltsebene in über 150 Ländern aufgebaut.
Auch sein neues Buch basiert auf diesem Datens(ch)atz. Dabei ist Milanović mit seiner Grafik über die globale Einkommensentwicklung eine brillante und medienwirksame Darstellung gelungen, die inzwischen als „Branko’s Elephant“ bekannt ist. Dieser Elefant zeigt drei interessante Entwicklungen. Die höchsten Einkommenszuwächse zeigen sich zwischen dem 25. und 65. Perzentil. Dort befindet sich vor allem die chinesische Mittelschicht, zum Teil auch jene von Indien, Thailand, Vietnam, Indonesien und anderen BRICs.
Die geringsten Einkommenszuwächse finden zwischen dem 70. und dem 90. Perzentil statt: also bei der großen Mittelschicht in den Industriestaaten, die somit zu den Verlierern der Globalisierung gehört. Die tatsächlich höchsten Einkommenszuwächse hingegen weisen die obersten zwei bis drei Perzentile auf, die „globale Elite“ in den USA, Europa und Japan, aber auch in China, Indien oder Russland.
In der Elefantengrafik nicht sichtbar ist, dass 60 Prozent des globalen Einkommenszuwachses auf die obersten zehn Prozent der Weltbevölkerung entfielen. Somit bleibt das wahre Drama der globalen Einkommensentwicklung – die extreme Konzentration des absoluten Einkommenszuwachses auf eine kleine globale Elite – in der „Elefantengrafik“, und somit auch in der öffentlichen Diskussion, unterbelichtet.

Ungleichheit in OECD-Staaten steigt
Milanović zeigt, dass die Entwicklung der globalen Ungleichheit in den vergangenen drei Jahrzehnten auf zwei gegenläufige Faktoren zurückzuführen ist: Während sich die Ungleichheiten zwischen den Ländern – insbesondere durch das große Gewicht von China und Indien – weltweit verringerten, stiegen die Ungleichheiten innerhalb der Länder, insbesondere in den OECD-Staaten.
Ein weiteres zentrales Ergebnis der Analyse von Milanović ist, dass zwei Drittel der Einkommensdifferenzen weltweit allein durch die Herkunft erklärt werden können. Während Menschen, die in reichen Ländern geboren werden, eine „citizenship premium“ erhalten, bekommen jene in den armen Regionen der Welt eine „citizenship penalty“. In seiner Diskussion der „globalen Chancen(un)gleichheit“ von Menschen kommt Milanović zu der Schlussfolgerung, dass diese „Ungleichheit der Geburt“ auch durch Migration ausgeglichen werden könne.

Umstrittene Migranten-These
Allerdings ist seine Argumentation hier etwas eigen: Da Migranten „die größten Nutznießer von Migration“ seien, könne auch eine Ungleichbehandlung gegenüber Inländern/Inländerinnen gerechtfertigt sein. So stellt Milanović unter anderem eine höhere Besteuerung, geringere Sozialleistungen sowie temporäre Arbeitsverhältnisse für Migranten zur Diskussion.
Nicht berücksichtigt wird hingegen, dass möglicherweise auch Arbeitgeber, Wohnungsinhaber und andere Personen durch die Diskriminierung von Migranten hohe Gewinne erzielen – und dass von Migration insbesondere jene „reichen“ Länder profitieren, deren Bevölkerung schrumpft.
Dieser Teil des Buches ist – auch international – höchst umstritten. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Milanović (an anderer Stelle des Buches) Robert Solow mit der Feststellung anführt, dass die Globalisierung insbesondere aufgrund der geänderten Macht- und Verhandlungsverhältnisse zugunsten der Arbeitgeber eine Umverteilung von Arbeits- zu Kapitaleinkommen bewirkt hat. Es wäre erhellend gewesen, hätte diese Argumentation auch in Zusammenhang mit dem Thema „Migration“ stärkere Beachtung gefunden.
Im abschließenden Kapitel vier nimmt Milanović auf der Basis seiner historischen Analyse der globalen Ungleichheit eine Abschätzung der Entwicklung für das kommende Jahrhundert vor. Im Zentrum dieses Kapitels stehen dabei die Gefahren, die sich durch die Zunahme der Einkommens­ungleichheit innerhalb von Ländern für die demokratische Grundordnung ergeben können.
Dabei diskutiert Milanović zwei zentrale Probleme: die Entwicklung hin zu plutokratischen Gesellschaften sowie die populistisch-nationalistischen Tendenzen, die vor allem in Europa an Bedeutung gewinnen. Milanović zeigt, dass steigende Ungleichheit einhergeht mit einer Zersetzung von demokratischen Grundstrukturen.
Die ökonomisch Mächtigen gewinnen zunehmend an Einfluss auch auf politische Entscheidungen, gleichzeitig nimmt aber auch die Bedeutung populistisch-nationalistischer Gruppierungen, die in Form einer stärkeren ökonomischen Abschottung ihrer Länder eine Lösung der steigenden nationalen Ungleichheiten suchen, zu – beides sehr aktuelle und beunruhigende Entwicklungen.
Das Buch ist zweifelsohne höchst aktuell und sicherlich lesenswert. Jedoch ­bleiben viele Fragen offen, und manche Stellen provozieren zu offenem ­Widerspruch. Aber dies mag im Sinne der Sache sein.

Wilfried Altzinger in FALTER 3/2017 vom 20.01.2017 (S. 18)


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