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Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie
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Kurzbeschreibung des Verlags:



Karl Heinz Bohrer gilt als einer der streitbarsten deutschen Intellektuellen. Wann immer er in den letzten Jahrzehnten das Wort ergriff, meist in direkter Konfrontation mit dem Mainstream – die höchste Aufmerksamkeit, häufig auch Erregung seiner Zeitgenossen war ihm sicher. Als Leiter des Literaturteils der FAZ im eigenen Haus umstritten, als Herausgeber des Merkur für Reaktionsschnelligkeit und kühne Thematik berüchtigt, als Hochschullehrer eine Gegenfigur der Linken, als Wissenschaftler mit seiner zentralen Theorie der Plötzlichkeit eine Herausforderung für alle, die es gewohnt sind, sich geschichtsphilosophische Sinnhorizonte zurechtzubiegen.

In neun Kapiteln spannt Bohrer mit Jetzt den Bogen seiner Lebensgeschichte seit den späten 60er-Jahren: vom Konflikt mit der FAZ und seiner Freundschaft mit Ulrike Meinhof über die realistisch-hochsubjektiven Erfahrungen seiner langjährigen Aufenthalte und universitären Engagements in Frankreich, England, den USA bis hin zum kompromisslosen Rundumblick auf die augenblickliche „Lage“. Scharf geschnittene Porträts von Weggefährten und Freunden, erbitterten Gegnern und geliebten Frauen wechseln mit intellektuellen Abenteuern und erotischen Eskapaden. Es ist die Sucht nach Fremdheit und „Differenz“, die den Erzähler vorantreibt, unbeirrbar in seiner Erwartung, dass die banale Gegenwart umschlägt in das phantastische Jetzt.

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FALTER-Rezension

Flachbohrungen in der Tiefe der Jahre

Der Philosoph Karl Heinz Bohrer gibt erschöpfend Auskunft darüber, wie er Karl Heinz Bohrer wurde

Karl Heinz Bohrer hat jahrzehntelang das verwegene Kunststück gemeistert, gleichzeitig eine Provokation und eine machtvolle Institution zu sein. Wer Deutschland als das Land der Empörung bezeichnete, dem es an Stil und Energie mangelte; wer den Zusammenhang von linker Selbstdarstellung und faschistischem Hintergrund ebenso thematisierte wie die Langeweile der Linken und ihres Diskurses; wer noch dazu im Ruf steht, den Begriff „Gutmensch“ erfunden zu haben – der stellt einfach eine anziehende Versuchung dar, verboten und dennoch seriös.
Dass einem Autor sowohl Theodor W. Adorno als auch Carl Schmitt zustimmende Briefe senden, ist ja tatsächlich bemerkenswert. „Surrealismus und Terror“, die Schrift, welche die Kategorie der „Plötzlichkeit“ einführte und die Gefährdung der Fantasie thematisierte, und Bohrers Ernst-Jünger-Buch über die „Ästhetik des Schreckens“ – das waren Texte, die aus dem Mainstream-Trott des intellektuellen Justemilieus herausführten und das Gefühl vermittelten, mit einem aufregend subversiven Autor gegen den Strom zu schwimmen.
Jetzt also eine Autobiografie. Ihr Verfasser kritisiert – in der Nachfolge Montaignes – Platons Dialoge, bei denen es zu lange dauere, bis endlich gesagt werde, was gesagt werden soll. Diese Einsicht hätte er wohl auch selbst beherzigen können.

Allein das Namedropping! Alfred Brendel nimmt Bohrer zu einer Party mit, die Philipp Roth und Claire Bloom veranstalten. Keine und keiner der Genannten spielt in diesem Lebensbericht eine Rolle, aber eine Dreiviertelseite ist gefüllt. Muss man dankbar sein, dass man dabei sein darf?
Vieles wird angerissen – der Algerienkrieg genauso wie Margaret Thatcher oder Angela Merkel. Bohrer setzt sich in die Mitte, kommentiert fragmentiert – und das war’s. „Den Eklat, der sich zwischen Sartre und Camus ereignet hatte, versuchte ich zuerst zu übersehen.“ „Ich“ – „Jetzt“ – ist der Mann vielleicht eitel? Der angerissenen Beispiele sind unzählige, ein Beweis für die ohnedies unbestrittene Breite des Bohrer’schen Wissens, doch leider stimmt einiges nicht.
Was hat Sophie Tuckers schöner Song „Some of These Days“ mit Sartres „Ekel“ zu tun? Das ist ein drohendes Lied einer Frau an den Ex, dem das alles noch einmal leid tun wird: „You will be sorry/ you will be sad“. Bohrer fantasiert sich in dem refrainlosen Text einen solchen, in dem es heiße, dass „etwas geschehen“ sei. Der Song würde es auf den Punkt bringen: Ein normaler Tag könnte zu einem besonderen werden. Das sei nicht bestritten, nur: Im Song geht es nicht um das Unterbrechen der konventionellen Zeit durch eine andere Zeit des Glückes.

Es ist eine schicke Kurve von Sartre zu einem populären Standard, doch der Zusammenhang zwischen dem Existenzialisten und Shelton Brooks, dem Texter und Komponisten von „Some of These Days“, existiert nicht. Und warum – noch ein Song – wird Joan Baez’ „Here’s to you“ über Sacco und Vanzetti in die Auseinandersetzung mit Baader und Meinhof eingeschoben? Auch Sacco und Vanzetti „hatten rein kriminelle Taten begangen“, heißt es. Die Qualität dieses Arguments zur Entlastung der RAF sei hier nicht diskutiert – Sacco und Vanzetti waren unschuldig, es war ein Justizmord und die beiden Anarchisten wurden 1977 vom Gouverneur von Massachusetts und Präsidentschaftskandidaten gegen George Bush, dem Demokraten Michael Dukakis, rehabilitiert.
An Kalauern mangelt es nicht: Marxens „kapitales Hauptwerk“ hat der Autor nicht gelesen. Vieles ist einfach irrelevant und folgt dem „Herr Lehrer, ich weiß etwas!“-Prinzip. Also: Im Restaurant Weppler an der Place Clichy wurde vor allem Fisch angeboten. „Das Essen war lächerlich billig, einschließlich Vorspeise 38 Francs.“ Warum wird uns das erzählt? Weil Bohrer weiß, dass der Name des Restaurants berühmt wurde, „weil hier Henry Miller seine Lieblingsprostituierten traf, mit denen er dann zu Fuß nach Clichy zog“. Und weil Bohrer zudem weiß, dass sich dort 1870/71 die Commune gegen die offiziellen Truppen verteidigt hatten.

Und so viel Tratsch! Jürgen Habermas und seine Frau bringen einen Assistenten zur Silvesterfeier mit. Bohrer trägt einen „schönen altmodischen grauen Zweireiher“, die männlichen Gäste tragen Smoking. Und der namenlose Assistent hat Bluejeans und Pullover nicht gewechselt, bezeichnet die beiden Smokingträger als „Pinguine“, „Arschlöcher“ und „Ausbeuter“ und deren Gattinnen als „Huren“. Er reißt dem Privatdozenten die Fliege vom Hals, erhält vom Rechtsphilosophen einen Faustschlag ins Gesicht und flüchtet. Und Habermas kommentiert lakonisch: „Das alles gibt es.“ Aber ist alles, was es gibt, auch wert, erzählt zu werden?
Für den Ästheten Bohrer, der den Anspruch erhebt, das Leben als Ereignis zu leben und der Plötzlichkeit deren eigene Ewigkeit zu geben, gehört eine Autobiografie – „Jetzt!“ – offensichtlich dazu. Als Autor ist man souverän, als Leserin und Leser ebenso.
Also: Wo liegt der Lektüregewinn – „Jetzt!“? Natürlich enthält der Text interessante Sätze und kluge Beobachtungen wie jene, dass Friedrich Schlegels Aufsatz „Über die Unverständlichkeit“ mit „enigmatischen Provokationen ein frühes Beispiel öffentlich wirksamer Ironie gegenüber den perplexen Reaktionen der ernsten Geister von damals“ war. Aber reicht das?
Als Schuljunge, so kann man lesen, habe sich Karl Heinz Bohrer den Naturwissenschaften verweigert – weil diese nichts mit ihm zu tun hätten. Was aber hat diese Sammlung autobiografischer Anekdoten mit jenem Karl Heinz Bohrer zu tun, den man einstmals bewundern konnte?

Alfred Pfabigan in Falter 11/2017 vom 17.03.2017 (S. 9)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783518425794
Erscheinungsdatum 06.03.2017
Umfang 542 Seiten
Genre Belletristik/Romanhafte Biografien
Format Hardcover
Verlag Suhrkamp

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