»Weil ich nun mal ein Gerechtigkeitsfanatiker bin«
Der Fall des SS-Richters Konrad Morgen

von Herlinde Pauer-Studer, J. David Velleman

€ 26,80
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Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Biographien, Autobiographien
Umfang: 349 Seiten
Erscheinungsdatum: 10.04.2017

Rezension aus FALTER 15/2017

„Im Grunde kennzeichneten Morgen eine bemerkenswerte politische Naivität und Blindheit“

Falter: Frau Professor Pauer-Studer, wenn Konrad Morgen hier am Tisch säße, welche Frage hätten Sie noch an ihn?
Herlinde Pauer-Studer: In seinen Briefen kurz vor Kriegsende aus Krakau an seine Verlobte glorifizierte er SS-Chef Heinrich Himmler mehrfach. Ich würde ihn gerne fragen, ob er dies unter Druck geschrieben hat oder ob ihn tatsächlich noch ein Rest von Glauben an den SS-Ethikcode bewegte. Denn zu diesem Zeitpunkt galt er in der SS ja schon als „toter Mann“. Es war klar, dass seine Aktivitäten von der SS-Führung nicht mehr goutiert wurden.

Wie sind Sie auf Morgen gestoßen?
Pauer-Studer: Als Fulbright-Scholar in New York im Jahr 2006 diskutierte ich mit meinem späteren Co-Autor David Velleman immer über ganz abstrakte Fragen der analytischen Philosophie. Wir schrieben dann, aus einem geteilten Interesse am Nationalsozialismus, einen ersten Aufsatz über Verzerrungen der Normativität im NS-System. David meinte dann, sehr amerikanisch gedacht: Wir brauchen einen Charakter, eine Story. Nach einem Vortrag am Fritz Bauer Institut in Frankfurt am Main machte mich der damalige Direktor, Raphael Gross, auf den Nachlass Konrad Morgens aufmerksam, den das Institut bekommen hatte. David Velleman und ich haben ziemlich rasch bemerkt, dass Morgens Tätigkeit als SS-Richter überaus spannend ist, und beschlossen, dem Thema ganz genau in allen verfügbaren Archivmaterialien nachzugehen. Die Beschäftigung mit Morgen hat uns fast acht Jahre lang begleitet.

Von den NS-Historikern wurde er bis jetzt vernachlässigt. Warum?
Pauer-Studer: Morgen war Zeuge zur Verteidigung der SS beim Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg. Dadurch wurde er in der Nachkriegszeit kurz prominent, aber auch notorisch. Die Historiker verurteilten ihn pauschal als potenziellen Nazi, der möglicherweise auch Täter war. In der Tat war seine Zeugenaussage in Nürnberg problematisch, denn Morgen war ja in Nürnberg ein Zeuge der Verteidigung der SS. Möglicherweise stand er unter Druck. Nachdem er sich den Amerikanern gestellt hatte, wurde er verhaftet und gemeinsam mit jenen SSlern, die er verfolgt hatte, inhaftiert. Wir zeichnen, nach Sicht aller Quellen, nun ein differenzierteres Bild Morgens.

Vielleicht ist auch jetzt erst die Zeit reif, so widersprüchliche NS-Fälle darzustellen?
Pauer-Studer: Wir haben immer gesagt, es braucht zwei Autoren, um dieses Buch zu schreiben. Wir haben uns immer wieder gegenseitig korrigiert und ausbalanciert. Wir wollten Morgen nicht zu viel Credit geben, seine Bemühungen aber auch nicht wegwischen. Jeden Satz des Buches sind wir gemeinsam durchgegangen. Wichtige Protokolle und Aussagen haben wir immer wieder überprüft und abgeglichen.

Wie sind die Reaktionen auf Ihr Buch?
Pauer-Studer: Sie spiegeln die Ambivalenz des Falls wider. Manche finden, wir geben ihm zu viel Credit, andere meinen, wir geben ihm zu wenig, schließlich hat er sich persönlich doch sehr exponiert. Zwei Mal lagen Befehle von Himmler vor, ihn in ein Konzentrationslager einzuweisen. Es rettete ihn am Ende nur die in Resten noch vorhandene Anlehnung an rechtsstaatliche Prinzipien in der SS-Gerichtsbarkeit. So galt etwa die Unabhängigkeit des Richters. Und das Hauptamt SS-Gericht ließ Himmler als den obersten Gerichtsherren wissen, dass er Morgens Urteile aufheben, Morgen als Richter aber nicht bestrafen könne.

Was macht die Faszination Morgens aus?
Pauer-Studer: Für David Vellemann und mich war es unglaublich spannend zu sehen, dass die abstrakten Fragen und Theorien, mit denen wir uns in der Moral- und Rechtsphilosophie beschäftigen, Anwendung finden können. Der Philosophie wird ja oft vorgeworfen, weltfremd zu sein. Aber dem ist nicht so. Das Buch ist ein Fall angewandter Ethik. Wir decken die normative Identität einer Person unter totalitären Bedingungen und deren moralisches Selbstverständnis auf. Morgen war zum einen Richter, der sich den rechtsstaatlichen Prinzipien seiner Ausbildung verpflichtet sah. Zum anderen war er ein Richter, der sich mit dem SS-Ethos identifizierte. Er erkannte nicht, dass die konstitutiven Bedingungen, um Gerechtigkeit durchzusetzen, innerhalb der SS, ja innerhalb Nazi-Deutschlands, nicht mehr gegeben waren. Diese Einsicht hatte er nicht. Im Grunde kennzeichneten ihn eine bemerkenswerte politische Naivität und Blindheit.

Wäre er ohnedies zum Zyniker geworden?
Pauer-Studer: Morgen versuchte, sich bis zum Schluss über seine berufliche Tätigkeit zu stabilisieren und seiner Tätigkeit Sinn zu geben. Selbst Weihnachten 1944 schrieb er in einem Brief an seine Verlobte, wie begierig er sei, wieder an die Arbeit zu gehen, und es „schon wieder in höchste Regionen“ gehe. Dass der Krieg verloren war, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das „Dritte Reich“ zusammenbrechen würde, blendete er aus. Er funktionierte einfach immer weiter. Ähnliches wissen wir von den Exekutoren der Massenerschießungen. Das Grauenvolle wird auf den unmittelbaren Kontext heruntergebrochen. Man definiert sich über ein funktionales Rollenverständnis und versucht so, seinen Alltag zu normalisieren.

Sind Juristen aufgrund ihrer Ausbildung anfälliger für politische Naivität?
Pauer-Studer: Wenn man Jurist ist, gewinnt man aus dieser Rolle sehr leicht eine ethische Selbstzufriedenheit, die einem wiederum bestätigt, dass alles in Ordnung sei, denn man bewegt sich ja im normativen Raum positiver Rechtsnormen. Aber auch als Jurist muss man sich fragen: Wie schaut die politische Realität aus, in die diese Rechtsstandards eingebettet sind? Ich habe in meinem früheren Forschungsprojekt die Originaltexte der NS-Juristen analysiert. Es ist verblüffend, wie Juristen sich in den Dienst des NS-Regimes stellten und diesem eine Fassade der Legalität und der Scheinlegitimität verliehen.

Wie konnte sich ein Stand so pervertieren?
Pauer-Studer: Nur zwei Monate nach Hitlers Machtergreifung wurde das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ geschaffen, das die Entlassung jüdischer Beamten aus dem Staatsdienst ermöglichte. Junge Juristen, die sich dem Regime andienten, übernahmen die Professuren jüdischer Rechtsgelehrter der Weimarer Republik. Es war wohl eine Mischung aus Karrierismus und innerer Überzeugung.

Was lernen wir daraus im Umgang mit illiberalen Demokratien der Gegenwart?
Pauer-Studer: Ein demokratisches System ist nicht in Stein gemeißelt. Die strategische Planung zur Umgestaltung einer Gesellschaft in Richtung Autoritarismus geschieht auf der politischen Ebene. Die juridische Ebene ist so gesehen Mittel zum Zweck, Mittel zur Umsetzung dieser politischen Absichten. Deswegen muss man so früh wie möglich politisch gegensteuern. Dazu gehört für mich auch die Verantwortung der Medien als der sogenannten vierten Macht im Staat, den öffentlich-politischen Diskurs nicht als permanente Krise zu inszenieren. Diese Verkehrung der für Demokratien konstitutiven Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Meinungen und Standpunkten in eine Form der „unergiebigen persönlichen Konflikte“ durch die Medien ist eine gefährliche Entwicklung, die leider derzeit auch in Österreich beobachtbar ist.

Zurück zu Morgen: Was war er persönlich für ein Mensch?
Pauer-Studer: Wir kennen ihn aus seinen Vernehmungen, seinen offiziellen Berichten und seinen Briefen. Wir haben aber bewusst nicht den Kontakt zu noch lebenden Menschen gesucht, die Konrad Morgen persönlich kannten. Uns ging es darum, den Fall aus der Perspektive der Philosophie zu sehen und zu analysieren. Darum haben wir eine Grenze zum Persönlichen gezogen. Unser Buch ist eine moralische Biografie – geschrieben aus der Sicht normativer Standards, auf die eine zivile und einigermaßen humane Gesellschaft nicht verzichten kann.

In einer Fußnote gehen Sie aber doch auf seine Beziehung zu Frauen ein.
Pauer-Studer: In dieser Fußnote kläre ich nur, dass Morgen die Grenzen seiner beruflichen Rolle in sexueller Hinsicht nicht überschritten hat. Für Historikerinnen und Historiker ist zweifellos der Gender-Subtext, in dem Morgens normative Bemühungen stehen, und seine Konfrontation mit Tätern, bei denen sich politische und sexuelle Gewalt vermischen, hoch interessant. Es gibt vieles aus Morgens Beziehungsleben zu seiner Verlobten, das wir ausgeblendet haben. Falls Morgens Leben je verfilmt wird, können wir dies dann dem Regisseur oder der Regisseurin erzählen.

Barbaba Tóth in FALTER 15/2017 vom 14.04.2017 (S. 12)


Rezension aus FALTER 15/2017

Hitlers Saubermann

Er sollte Korruption in den Konzentrationslagern untersuchen, stieß auf die Gaskammern und versuchte, die Verantwortlichen hinter Gitter zu bringen: Eine soeben auf Deutsch erschienene Studie widmet sich der unglaublichen Geschichte des SS-Richters Konrad Morgen

Alles begann mit einem unscheinbaren Feldpostpäckchen. Es war aus Karton, mehr lang als schmal. Vollkommen unauffällig, wäre es nicht so ungeheuer schwer gewesen. Es enthielt drei Klumpen hochkarätiges Zahngold. Absender war ein Sanitätsdienstgrad des Konzentrationslagers Auschwitz, adressiert war es an dessen Frau. Die Zollfahndung beschlagnahmte es und so landete es im Spätsommer 1943 auf dem Schreibtisch des deutschen SS-Richters Konrad Morgen.
Das „Dritte Reich“ befand sich im Krieg gegen Russland, England, Frankreich und die USA. Langsam durfte man hoffen, dass sich Adolf Hitler übernommen hatte. Das systematische Ermorden von 1,7 Millionen Juden – die sogenannte „Aktion Reinhardt“ – in den Gaskammern der drei Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka war fast abgeschlossen. Dass ab 1941 Fürchterliches auf polnischem und ukrainischem Gebiet im „Generalgouvernment“ geschehen war, konnte man innerhalb der SS zwar schon ahnen. Das Ausmaß und die Methode waren nur einem kleinen Kreis bekannt. Richter Morgens Aufgabe klingt aus heutiger Sicht wie ein böser Scherz. Er war von SS-Reichsführer Heinrich Himmler dafür abgestellt worden, Korruption innerhalb der SS zu bekämpfen. Er sollte Unrecht in einem System des totalen Unrechts ahnden. Er sollte darauf achten, dass mit Anstand gemordet wird. Wie hatte es Himmler selbst gesagt? „Wir hatten das moralische Recht, dieses Volk (gemeint sind die Juden, Anm.) umzubringen. Wir haben aber nicht das Recht, uns auch nur mit einem Pelz, mit einer Uhr, mit einer Mark oder mit einer Zigarette oder mit sonst etwas zu bereichern.“

Morgen beginnt zu rechnen. Er weiß, dass die Zahnstationen der Konzentrationslager die Goldplomben verbrannter Leichen an die Reichsbank abführen mussten. Eine Goldplombe besteht aus wenigen Gramm, nicht jeder konnte sich damals so ein kostbares Implantat leisten. Am Ende, kalkuliert Morgen, „stellte diese beschlagnahmte Sendung sozusagen den Gegenwert von Zwanzig-, Fünfzig- oder Hunderttausenden von Leichen dar.“ So viele Tote konnten nicht infolge der vielen „legalen“ Exekutionen, geschweige denn an natürlichen Ursachen umgekommen sein. Hier wurde systematisch in Massen gemordet.
Es würde in diesem Fall ein Leichtes sein, Korruption nachzuweisen, denkt Morgen. Ließen sich aber auch die Verantwortlichen für das, was wir später Holocaust nannten, verfolgen? Wir wissen: Konrad Morgen gelang es nicht, jene Handvoll Männer zum Tode zu verurteilen, die die „Endlösung“ der „Judenfrage“ organisiert hatte. Er ist nicht als Held in die Geschichte eingegangen, sein Name allenfalls Experten für das NS-Justizsystem und Moralphilosophen ein Begriff. Dafür war der Holocaust juristisch zu perfekt abgesichert. „Um gegen Himmler oder Hitler (...) vorgehen zu können, hätte ich bei Hitler selbst oder bei Himmler selbst einen Haftbefehl gegen sie selber beantragen müssen“, erklärte Morgen später vor den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen. Hitler sei „alles in einer Person: Reichskanzler, Reichspräsident, Oberbefehlshaber der Wehrmacht, oberster Gesetzgeber, oberstes Vollzugsorgan, oberster Gerichtsherr“.

Morgen war auch nicht mutig genug, sich ins Ausland abzusetzen und die Welt über das Morden der Nazis aufzuklären. Eine Nacht lang dachte er darüber nach. Wer hätte ihm, dem SS-Mann, schon geglaubt?
Aber immerhin versuchte er mit fanatischem wie naivem Arbeitseifer ab Spätsommer 1943 jene SS-Clique, die die KZs Auschwitz und Buchenwald am Laufen hielt, wegen aller möglichen Korruptions- und anderer Delikte anzuklagen. Anlässe gab es viele. Hehlerei, Unterschlagung, Diebstahl oder auch eine Liebschaft mit „andersrassigen Frauen“, was für einen SS-Mann wegen des rigiden Ehrenkodex die Todesstrafe bedeuten konnte.
Ein Wunder, dass sich noch kein Drehbuchautor dieses widersprüchlichen Charakters angenommen hat, der den brutalsten Naziverbrechern auf der Spur war. Morgens Geschichte erzählt nicht nur viel darüber, was Recht und Gerechtigkeit trennt. Er fordert auch unseren Blick auf das NS-Regime heraus. Zwischen der Welt der Täter und Opfer gibt es eine große Grauzone, Morgen lebte in ihr. Für die Historiker galt der deutsche Spitzenjurist wegen seines Auftritts als Zeuge für die SS bei den Kriegsverbrecherprozessen in Nürnberg ohnehin nur als Saubermann der SS, ein Mitläufer und eine Schachfigur in den Macht­ränken der Nazi-Bonzen.
Es brauchte eine österreichische Philosophin und einen amerikanischen Philosophen, dazu den mit 2,5 Millionen Euro dotierten ERC-Advanced-Grant der EU, um Morgens Denken und Handeln erstmals minutiös zu rekonstruieren und seine Schuld, aber auch seinen Mut auszuloten. Herlinde Pauer-Studers und David Vellemans „moralische Biografie“ mit dem Titel „Weil ich nun mal ein Gerechtigkeitsfanatiker bin“ ist diese Woche auf Deutsch bei Suhrkamp erschienen (siehe Interview).
Morgen war kein heimlicher Held in SS-Uniform, er war nicht im inneren Widerstand und er nutzte seine exponierte Position als unabhängiger Richter auch nicht, um Menschenleben zu retten wie etwa der deutsch-mährische Industrielle Oskar Schindler es tat, der während des Krieges 1200 bei ihm angestellte jüdische Zwangsarbeiter vor dem Tod retten konnte (Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ setzte ihm ein ewiges Andenken). Morgen war aber auch kein fanatischer Nazi oder Antisemit, wiewohl er sich mit den Ehr- und Tugendidealen der SS fast schon überidentifizierte.
Morgens bedingungslose Treue zur SS ist sein am schwierigsten nachzuvollziehender Charakterzug. Sie überstrahlt alles. Als Morgen sich in Auschwitz auf die Spur der drei Klumpen Gold machte, sieht er bei einer Lagerführung erstmals in seinem Leben die Gaskammern und das erschreckend banale Leben der dafür Verantwortlichen daneben. Dass hunderte Juden unter dem Vorwand der „Euthanasie“ vergast worden waren, wusste er zwar schon aus früheren Recherchen in Buchenwald. Er kannte aus seiner Zeit in Lublin auch Christian Wirth, den Planer und Architekten der „Endlösung“, der ihm möglicherweise erzählt hatte, wie die industriellen Vernichtungszentren funktionieren.
Vielleicht auch deshalb erleidet Morgen den „wirklichen Schock“ in Auschwitz nicht in den als Duschanlagen getarnten Baracken, in denen „nicht das Stäubchen auf einer Ofenarmatur“ vom Morden übriggeblieben war, sondern in der SS-Wachstube des Konzentrationslagers. Aus heutiger Sicht eine unerhörte Gegenüberstellung. Voller Abscheu erinnert sich Morgen an den schummrigen Raum mit Couchen, auf denen SS-Leute ihren Suff wegdösten, während ihnen eine Handvoll junger Mädchen, „offensichtlich Jüdinnen, orientalische Schönheiten, vollbusig, feurige Augen“, Kartoffelpuffer reichten und sich dabei auch noch duzten. „Die Männer haben eine schwere Nacht hinter sich. Sie hatten einige Transporte abzufertigen“, sagte ihm der ihm zugewiesene SS-Guide.

Hier, im SS-Salon in Auschwitz, präsentierte sich für Morgen der Beweis für seine Kerntheorie, dass es die Massenmorde sind, die „seine“ SS demoralisiert und für Korruption anfällig gemacht hätten. Den Schrecken des Hitler-Regimes als Ganzes übersieht er, auch wenn ihn die Inhumanität des Massenmordes stellenweise zu berühren scheint. Es ist, als wolle dieser Jurist, der es aus kleinbürgerlichen Verhältnissen zum Richter mit dem Ruf eines harten Korruptionsjägers gebracht hat und der sich selbst als „Gerechtigkeitsfanatiker“ lobt, nie weiter urteilen, als es ihm seine Rolle als Richter und SS-Führer gebietet.
„Morgen war ein Gerechtigkeitsfanatiker, aber in einem Sinne, der nicht so eindeutig und wohlklingend war, wie er glaubte“, ­schreiben Velleman und Pauer-Studer. „Als er seinen Vorgesetzten über die Massenvernichtungen berichtete, war seine vordringlichste Warnung, dass die SS-Männer, die die Arbeit an den Gaskammern verrichteten, darüber so korrupt würden, dass sie später als normale Soldaten oder Bürger nicht mehr brauchbar wären. Das Dritte Reich zerstöre mit diesen monströsen Verbrechen seine eigenen moralischen Grundlagen.“
Vermutlich rührt Morgens Tunnelblick daher, dass er gleich zu Beginn seiner Karriere als SS-Hilfsrichter in Krakau spüren musste, was es heißt, wenn er sich mit SS-Chef Himmler persönlich anlegt. Im Jahr 1941 verfolgte Morgen den SS-Offizier Hermann Fegelein, zu diesem Zeitpunkt noch ein Protegé Himmlers, der später die Schwester Eva Brauns heiraten sollte, dann bei Hitler in Ungnade fiel und im Führerbunker kurz vor der Kapitulation erschossen wurde.

Gemeinsam mit einem anderen SS-Mann, Albert Fassbender, hatte Fegelein die „arisierte“ jüdische Pelzfirma Nathan & Apfelbaum zu einer florierenden Drehscheibe des Schwarzhandels gemacht. Die Geschichte, die nun folgt, trägt alleine einen Spionagethriller.
Tatkräftig unterstützt wurden die beiden SSler dabei von der Polin Jaroslawa Mirowska, früher Sekretärin und Geliebte des jüdischen Eigentümers, nun Gespielin des SSlers Fassbender. Sie war eine charmante, attraktive und hochintelligente Frau, die offensichtlich auch Himmler faszinierte, dem sie vorgestellt wurde und der sie zur „Volksdeutschen“ adelte, damit sie Fassbender heiraten könne.
Als Morgen die Clique eigenmächtig wegen Korruption anklagen wollte, stoppte Himmler ihn. In Wahrheit, klärte er Morgen auf, würden Fegelein, Fassbender und Mirowska nämlich die Pelzfirma als Plattform für die deutsche Kriegsspionage etablieren und seien deswegen unter seinem Schutz. Für Morgen klang dieser Plan zu gut, als dass sich die Clique das alleine habe einfallen lassen. Er vermutete die polnische Untergrundbewegung dahinter und recherchierte so lange weiter, bis er genug Beweise hatte, um die „SS-Lady“ Mirowska als Doppelspionin auffliegen zu lassen. Sie hatte tatsächlich, während sie Himmler bezirzt hatte, für den polnischen Widerstand gearbeitet. Himmler dankte es Richter Morgen nicht, im Gegenteil. Er stoppte ihn, ließ Mirowska laufen und veranlasste die Versetzung des Richters an die Ostfront, an der die Russen gerade ihren Gegenangriff auf Stalingrad gestartet hatten.
In Warschau waren Himmler Morgens Ermittlungen noch lästig. Anfang 1943 brauchte Himmler Morgens Beharrlichkeit und Unbestechlichkeit wieder, weil die Korruption innerhalb der SS immer schlimmer wurde. Er holte ihn als Sonderermittler gegen Korruption in den KZs zurück. Im Oktober des Jahres 1943 warnte Himmler die SS in einer Ansprache in Posen: „Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.“
Morgens erster Auftrag führt ihn ins KZ Buchenwald. Dort deckt er auf, dass Häftlinge verschwinden, vor allem solche, die Zeugen von SS-Korruption geworden waren. Schnell findet er heraus, dass sie vom Lagerkommandanten Otto Koch ermordet worden waren. Morgen überzeugte Himmler, in Weimar ein eigenes Sondergericht für solche Fälle zu etablieren, und klagt Koch, seine Frau Ilse, den KZ-Buchenwald-Lagerarzt Dr. Waldemar Hoven und den SS-Aufseher Martin Sommer an. Koch wird verurteilt und kurz vor Kriegsende hingerichtet, die anderen kommen frei.
Auch im Fall Auschwitz, der mit drei Goldklumpen begann und Morgen erstmals in seinem Leben mit dem Morden in Gaskammern konfrontierte, kommt er nicht viel weiter. Es gelingt Morgen nur, den Auschwitz-Gestapo-Chef Maximilian Grabner anzuklagen, weil der Häftlinge exekutieren ließ, wenn das Lager überbelegt war. Das war verboten, die Vergasungen nicht. Als Morgen Gestapo-Chef Heinrich Müller von seinem Auschwitz-Besuch berichtete, war dieser zwar „überrascht, als ich ihm über die illegalen Exekutionen in den Konzentrationslagern berichtete, also über die rechtswidrigen Tötungen, und er war auch überrascht über das Ausmaß der Verbrechen; er war aber keineswegs überrascht von der Vernichtung der Juden zu hören, also von einer unmenschlichen Behandlung, die angeordnet worden war, und er sagte ironisch zu mir. ‚Warum verhaften Sie mich nicht?‘“
Im Prozess gegen Grabner bekommt Morgen deutlich zu spüren, dass er bei Himmler wieder in Ungnade gefallen war. Grabners Prozess wird kurz vor Kriegsende vertagt. Auch Ermittlungen gegen den Lagerkommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, laufen ins Leere. Immerhin gelingt es Morgen, eine Zeugin, Höß’ Geliebte, die Wienerin Eleonore Hodys, in Sicherheit zu bringen und ihre Aussagen aufzuzeichnen. Sie befinden sich heute im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte in München. Kurz vor Kriegsende erwirkt er sogar einen Haftbefehl gegen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, weil er angeblich ein Säckchen mit Diamanten unterschlagen hätte. Ohne Erfolg.
Nach dem Krieg stellte sich Morgen den Amerikanern, die seine einzigartige Rolle als Ermittler im SS-System sofort erkannten und ihn ausführlich verhörten. Er sagte als Zeuge bei verschiedensten Kriegsverbrecherprozessen aus, das letzte Mal im Maj­danek-Prozess 1980, zwei Jahre vor seinem Tod. Nach seiner Entnazifizierung im Jahr 1951 etablierte er sich in Frankfurt als Rechtsanwalt.
In Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ aus dem Jahr 1993 sieht man, wie im berüchtigten KZ Kraków-Płaszów Lebensmittel für 10.000 Gefangene abgeladen werden, die es so nicht gab, weil sie der Lagerkommandant Amon Göth erfunden hatte, um die für sie bestimmten Essensrationen am Schwarzmarkt zu verkaufen. „Göth wird von der SS durchleuchtet“, erzählt die Stimme aus dem Off. Diese Kontrolleure gab es tatsächlich, sie standen im Auftrag Morgens. Genau das war seine Rolle. Er stoppte nicht das Morden, aber er versuchte mit aller Kraft zu verhindern, dass die SS sich dabei korrumpierte. Bisweilen tat er dabei sogar das Richtige, aber aus den falschen Motiven heraus.

Barbaba Tóth in FALTER 15/2017 vom 14.04.2017 (S. 10)


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