Löwenchor
Novellen

von György Dragomán

€ 24,70
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Übersetzung: Timea Tankó
Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 269 Seiten
Erscheinungsdatum: 11.02.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Singen, bis die Wohnung wackelt

In György Dragománs Storys „Löwenchor“ lassen es die Enkerln und deren Großväter mal so richtig krachen

Kinder kann er besonders gut, der ungarische Autor György Dragomán. Ihre Spiele, ihre Streiche, ihre Fantasien und Ängste, ihr magisches Denken beherrschen sein literarisches Imaginarium bis heute. Die Kinderperspektive auf die Welt ist sein favorisiertes Erzählverfahren, auch sein produktivstes. Es gestattet ihm und seinen jungen Protagonisten, die Welt der Erwachsenen auf Distanz zu halten, die Realität umzudenken und ihr Alternativen entgegenzusetzen.

Dragomán ist heute Mitte 40. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Budapest und gilt inzwischen als Autor von europäischem Rang. Bis zum 15. Lebensjahr wuchs er als Angehöriger der ungarischen Minderheit in Rumänien auf, ehe er 1988 mit den Eltern nach Ungarn emigrieren konnte. Als Kind hat er das brutale letzte Ceauşescu-Jahrzehnt mit Kälte, Hunger, Stromsperren und künstlicher Warenverknappung am eigenen Leib miterlebt.

Von diesen Erfahrungen zehren seine beiden in alle Weltsprachen übersetzten Romane „Der weiße König“ (2008) und „Der Scheiterhaufen“ (2015). In beiden fungieren Kinder – hier ein elfjähriger Bub, dort ein dreizehnjähriges Waisenmädchen – als Helden und Ich-Erzähler. Beide Romane spielten in Rumänien, der eine in den letzten Jahren der Ceauşescu-Diktatur, der andere nach dem Sturz und der Exekution des Diktatorenpaares.

In dieser rumänischen Schreckenswelt müssen sich die kleinen Helden durchschlagen und drohen bleibenden Schaden zu nehmen, sofern sie sich nicht in die Fantasie und in magisches Denken retten können.

Sie machen sich einen kindlichen Reim auf all das Undurchschaubare, Unverständliche und Grausame, dem sie ausgesetzt sind. Durch die Kinderstimmen gewinnen die Schrecknisse jener Zeit ihre besondere Unheimlichkeit.

Kinder – zumeist kleine Buben, manchmal ein kleines Mädchen – sind auch die Protagonisten und Erzähler der meisten Texte in György Dragománs neuem Band „Löwenchor“, einer Sammlung von 29 kleinen Erzählungen, die der Autor nicht zufällig seinen beiden Söhnen gewidmet hat. Was Dragomán etwas pompös „Novellen“ nennt, sind keine Novellen im klassischen Sinne, vielmehr Kurzgeschichten und längere Storys, die sich oft wiederum aus einzelnen Skizzen und Episoden addieren.

Zusammengehalten werden die Texte zumeist durch Musik und Musiker – als Leitmotiv, roter Faden oder akustische Kulisse. Reale Musikikonen werden beschworen, Carlos Gardel, Víctor Jara, Wynton Marsalis, Iron Maiden. Fast in jeder Story wird gesungen oder musiziert. Seltene, alte Schallplatten werden wie Reliquien verehrt, uralte Grammofone werden andächtig mit der Handkurbel aufgezogen.

Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, betrachtet und gehört auf Tante Ilonkas altersschwachem Fernseher mit Wackelkontakt, wird gleichwohl wie ein Hochamt zelebriert. Sogar der Platz Puerta del Sol in Madrid vibriert von Musik, weil das Stimmengewirr der flanierenden Menschenmenge „zu einer einzigen brausenden, mal leiser, mal lauter werdenden Melodie“ verschmilzt. Und diese Melodie „war alles zugleich, Tanzmusik und Trauermusik und Freudenmusik“.

Mütter oder Großmütter tauchen auf, die Chanson- oder Jazzsängerinnen waren oder gerne geworden wären. An Ella Fitzgeralds Interpretation des für sie geschriebenen Songs „Cry Me a River“ knüpft Dragomán etwas schmalzig das ganze Liebesleben einer Sängerin, von der frühreifen 14-Jährigen, die mit dem Song zum ersten Mal auftritt, bis zum letzten Auftritt der krebskranken alten Diva, klapperdürr und mit Perücke, aber immer noch bei Stimme.

Atemlos vor Begeisterung berichtet ein junger Heavy-Metal-Fan, wie er nach Katowice getrampt ist, nur um den markerschütternden Liveauftritt von Judas Priest mitzuerleben. Ein Vater peitscht seinen 13-jährigen Sohn zum Geigenspiel, indem er ihm mit dem Schreckgespenst eines dämonischen schwarzen Geigers droht, der ihm mit seinem eisernen Bogen alle Finger brechen werde, sollte der Kleine versagen. Sogar in einer Story, die eigentlich vom Berlin-Spaziergang eines zwanghaften Diebs handelt, bringt Dragomán noch Musik unter, in Gestalt einer Äolsharfe, eines Mauerstücks mit einem großen Loch, durch dessen verrostete Stahlstäbe der Wind hindurch streicht.

Am charmantesten sind jene Divertimenti, in denen ein kindlicher Protagonist gemeinsam mit einer Großvatergestalt auftritt. Die Großväter sind wundersame Spielgefährten, lauter rappelköpfige, etwas meschuggene Sonderlinge, die zu jedem Streich aufgelegt sind und die unglaublichsten Fantasieabenteuer anzetteln. Zum Entzücken ihrer Enkel wissen sie sich sogar dann zu helfen, wenn es in Ceauşescus Mangelstaat zu Weihnachten weder Pralinen noch Zucker zu kaufen gibt. Dann wird eben in Heimarbeit Sirup aus Zuckerrüben gekocht, bis die ganze Küche klebt.

Und sollte der Enkel grauenhaft unmusikalisch sein, dann kann er immer noch mit dem Großvater gemeinsam den Löwenchor grölen. Der heißt so, weil dabei die Löwenfüße von Großvaters Ohrensessel im Takt klopfen, und das Klopfen überträgt sich auf die Bodenbretter und erreicht die Mahagonikommode mit den vielen Schubladen, die im Rhythmus bis zur Hälfte heraus- und wieder zurückrutschen, wobei die Löwenköpfe an den Schubladen in knurrenden Gesang ausbrechen, bis die ganze Wohnung wackelt und „jeder sie hört, jeder im ganzen Block, im ganzen Viertel, in der ganzen Stadt“.

Sigrid Löffler in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 18)


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