Ein empfindsamer Mensch
Roman

von Jáchym Topol

€ 25,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Eva Profousová
Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 494 Seiten
Erscheinungsdatum: 10.03.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Katze, Maulwurf, Präsident

Was haben 30 Jahre Freiheit den Tschechen gebracht? In seinem jüngsten Roman zieht Jáchym Topol Bilanz

Spelunke zum Aasgeier“, „Pension zu den drei Fratzen“, Hospiz zum Guten Wirten“, „Bordell Flottes Löckchen“ … Willkommen in Böhmen, vielleicht nicht dem wirklichen, aber jedenfalls dem mythopoetisch aufgeladenen Landstrich gleichen Namens, in dem Jáchym Topols neuer Roman „Ein empfindsamer Mensch“ spielt.Genauer geht es um Posazavi, die idyllische Gegend am Flüsschen Sazava unweit von Prag, ein Wochenendparadies für Camper, Paddler und Ferienhausbesitzerinnen. Wer Topol kennt, ahnt, dass er diese hübsche Ecke so lange durchpflügen wird, bis kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Unter seiner Hand hat sich noch jeder Schauplatz, um mit früheren Romantiteln zu sprechen, in eine „Teufelswerkstatt“ verwandelt, oder in eine „Zirkuszone“.

Für seine fröhlich-depressive Aus-, Um- und Untergrabung der heimatlichen Erde braucht Topol die Handlung nur als Vorwand. Diesmal schickt er zunächst eine tschechische Wanderschauspielerfamilie auf Reisen durch Europa. Im Vereinigten Königreich fordert man sie als „polish vermin“, also polnisches Ungeziefer, zur unverzüglichen Heimreise auf. Sie seien aber tschechisches Ungeziefer, geben die vier zu bedenken, treten dann aber dennoch den Heimweg an. Der führt sie auf turbulenten Wegen über Spanien, Frankreich, Holland, Deutschland, ein putinisiertes „Novorossiya“ und andere Stationen heim nach Tschechien, an die heimatliche Sazava.

Nachdem der Vater eine lesbische Polizistin, die ihn verhaften wollte, aus dem Auto geschubst hat, befindet er sich mit seinen kleinen Söhnen auf der Flucht; die Mutter ist unterdessen nach einem Krankenhausaufenthalt verschollen.

Handlung ist nicht wichtig, es geht ums Reden, ums ungefilterte Schwadronierenlassen, insoweit ist Topol ein loyaler Erbe seines Landsmannes Bohumil Hrabal. An der Sazava tummeln sich Typen aller Art, Inkassoeintreiber, Autofriedhofverwalter, Panzerfahrer, Puff- und Campingplatzbetreiber, alles in allem ein Pandämonium des gegenwärtigen Tschechien, wie Topol es in seinem harten Humor sieht. Präsident Zeman und seine Fans, die „Zemanoiden“, sind ebenso mit von der Partie wie Kater Mikesch oder Krtek, der „Kleine Maulwurf“.

Man kann nicht umhin, diesen Großroman, an dem Topol viele Jahre geschrieben hat und in den das politische Geschehen des letzten Jahrzehnts (die Flüchtlinge, die Krim, die neuen Nationalismen und so fort) breit eingeflossen ist, als Versuch einer Bilanzierung von 30 Jahren Freiheit nach 1989 zu lesen.

Nun ist Topol bestimmt kein Robert Menasse, der sich für eine politische Idee von Europa oder sonst ein positives Gesellschaftsmodell begeistern könnte. Auch wenn er sich über Zeman und die Deppen, die diesen gewählt haben, ausdauernd lustig macht, hat er doch an dem alkoholseligen, kleinkriminellen Mikrokosmos seines Romans viel zu viel Spaß, als dass er sich über ihn erheben wollte.

Eine „heutige Vermessung Europas“, wie sie der Verlag feierlich ankündigt, findet in diesem Roman definitiv – und fast möchte man sagen: zum Glück – nicht statt. Es leuchtet nämlich überhaupt nicht ein, wieso das völlig runtergerockte Personal dieses Romans das ganze Europa spiegeln soll.Festhalten kann man trotzdem, dass Topol eine pessimistische Vision seines Heimatlandes entfaltet. Die Leute sind, so scheint es, die Freiheit satt.

Nicht nur die Herumtreiber an der Sazava haben den Kompass verloren, sondern auch diejenigen, die sich vor 30 Jahren hinter Václav Havel versammelt hatten und heute – wo stehen? Der fremdenfeindliche und spießige Präsident Zeman ist bloß das Symptom, nicht aber die Ursache der Malaise. Diese reicht tiefer, aber Topol ist nicht der Autor, der darauf Antworten hätte. Lieber wühlt er sich noch tiefer als Maulwurf durchs Gelände.

Man versteht das Anliegen von Topols Roman und freut sich an seiner nimmermüden Spracharbeit, man bewundert auch Eva Profousová für ihre aufopferungsvolle Übertragung des böhmischen Argot (und manche selten gehörten Wörter: „Sabsch“, Klechel“, Qualster“). Man kann die Lektüre dieser 500-seitigen Textlawine aber irgendwann auch etwas zäh finden, zumal die einzelnen Episoden sich eher additiv aneinanderreihen als zu einer Story zu verschmelzen.

Wie wäre es mit einem Lektorat gewesen, das im Topol’schen Wildgarten wenigstens ein bisschen gejätet hätte? Das Undisziplinierte macht zwar den Charme von Topols Schreiben aus, aber oft verliert sich dessen Roman auch nur im Geröll des alltäglich-platten Sprachgebrauchs, fast im Comic-Stil: „Er sagt es ihr. Echt? / Hm. Hör mal. Hand aufs Herz.“

Aber gerade wenn einen die Geduld zu verlassen droht, ist Topol dann auch wieder richtig gut, etwa bei der Betrachtung einer ramponierten Mühle am Fluss: „Bis heute“, heißt es da, „wird die Mühle aber von Rigipsbauten einstiger sozialistischer Arbeiter umrankt wie eine gefallene Eiche von parasitären Schwefelporlingen. Aus dem wuchernden, stachligen Gestrüpp ragt die bis zur Taille zugewachsene Statue eines Rotarmisten mit Maschinengewehr. Zerschlagen von Steinbrocken, mit denen ihn seit Jahrzehnten gelangweilte, wenn nicht hasserfüllte Passanten bewerfen, zerschunden von Winden harrt er aus, ein geschändeter Soldat, ein vorgeschobener Posten des östlichen Imperiums im böhmischen Wald.“

Vielleicht liegt darin aber auch die Logik von Topols Erzählen: dass man sich erst durchs Gestrüpp der Banalitäten kämpfen muss, um dann hier und dort ein Geschichtszeichen zu entdecken.

Christoph Bartmann in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 16)


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