Herzklappen von Johnson & Johnson
Roman

von Valerie Fritsch

€ 22,70
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Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 174 Seiten
Erscheinungsdatum: 17.02.2020


Rezension aus FALTER 11/2020

Heiseres Meer, fehlfarbene Welt

Vergangenheit, Verdrängung, Verschweigen: Valerie Fritsch trotzt einem beliebten Thema neue Facetten ab



Das experimentelle Modell dieses Romans findet sich gleich im ersten Kapitel: Die Protagonistin Alma referiert einen Laborversuch, bei dem Mäuse lernen, sich vor dem Duft von Kirschblüten zu fürchten. Ihre Jungen übernehmen diese Angst ohne die ihr zugrunde liegende Erfahrung, die Erinnerungen der Eltern „steckten ihnen in den Knochen, einem genetischen Gedächtnis gleich“.



Mit diesem Muster rückt Valerie Fritsch dem reichlich ausgebeuteten Thema des kollektiven Verschweigens nach 1945 zu Leibe und trotzt ihm neue Facetten, ja eine ganze Bilderwelt voll düsterer Opulenz ab. Schauplatz dürfte, trotz sprachlicher Uneindeutigkeit, Österreich sein. Almas Großvater, Veteran der Ostfront, ist ein „eigenartiger, sprachloser Mensch“, dem vom Morden im russischen Winter ein großes Zittern geblieben ist, ein Sich-nicht-mehr-erwärmen-Können für das Leben.



Almas Eltern respektieren und kultivieren das Schweigen, streiten bloß nachts hinter verschlossenen Türen. Es ist ihre laute, ungeduldige Tochter, die vom Krieg träumt, der nur in verstörenden Bruchstücken und Phrasen zu ihr gedrungen ist. Im Alter kündigt die Großmutter den Familienkontrakt auf und beginnt stellvertretend für ihren Mann, vom Unerhörten zu erzählen. Man darf vermuten, dass der Phantomschmerz der Enkelin, ihr Schuldgefühl ohne Erinnerung, eine Erfahrung der Autorin spiegelt: das Staunen darüber, „wie irgendjemand jemals annehmen konnte, dass ein so mächtiges Unglück, das in seiner Maßlosigkeit keinen Zeitgenossen verschont hatte, gerade ihn nicht betraf“.



Dem Auflösungsprozess einer Familie setzt Fritsch die Ordnung der Komposition entgegen. Exakt in der Mitte des Romans wird Emil geboren, der Vertreter der nächsten Generation, in dem die dicht geflochtenen Motivketten von Schuld, Schweigen und Schmerz eine symbolisch zwingende Lösung erfahren: Almas Sohn ist sozusagen der Indianer, der tatsächlich keinen Schmerz kennt; ein Gendefekt hat ihn unempfindlich gemacht, und die Erzählinstanz erklärt uns alsbald, was das im Referenzsystem der Geschichte bedeutet: „Es war, als litte er an einer Körpersprachlosigkeit, die zu den schlimmen Dingen schwieg.“



Das Motiv des monströsen Kindes verweist immer schon auf alles, was aus den Fugen ist. Der lebensgefährlich unerschrockene Bub wiederholt zudem das mondsüchtige Draufgängertum seiner Großmutter, Almas Mutter. Mit neun hat Emil „einen Veteranenkörper, übersät mit Schrammen und Vernarbungen“, und gleicht damit seinem Urgroßvater, der im Krieg wiederum als das „schreckliche Kind“ seiner Mutter auftrat, Kamikazepiloten der Existenz sie alle.



Ob das Ergötzen der Philologin an derlei Finessen vom gemeinen Leser durchwegs geteilt wird? Fritschs Neigung zum metaphorisch-mythischen Sprechen, zur Abstraktion, ihr Verzicht auf Dialoge, ihr sparsamer Gebrauch von Absätzen strapazieren die Geduld ebenso wie eine Epitheton-Verliebtheit, die von sich selbst gar nicht genug bekommt. So ist ein verfallenes Sanatorium nicht nur „Schauobjekt der Abwesenheit“, sondern auch eine „hippokratische Ruine, eine fehlfarbene Welt“.



Da und dort schlägt die Hyperpräzision in Ungenauigkeit um. Wenn zum Beispiel die Tochter ihre schlafwandelnde Mutter nächtens nackt am Klavier sitzen sieht, „mit großen Augen und Gänsehaut auf den Brüsten, die Beine weit gespreizt“, dann erstaunt ihr Teleskopblick; aber sie bemerkt ja auch „die Gänsehaut über der haarlosen Scham“ der Großmutter in der Badewanne.



Dennoch liegen die Stärken des Textes gerade in der Mikrostruktur der Beobachtung, in konkreten Bildern wie jenem des Großvaters, der der inwendigen Kälte nur mit einem heißen Bad und fast kochend heißem Tee entkommt. Oder auch in den poetischen Zuspitzungen, etwa über die Liebe zwischen Alma und dem stillen Fotografen Friedrich, den sie sich Stück für Stück „erarbeitet“: „Alma hielt Ausschau nach einem Schmerz, einer Sehnsucht, jenem Schlüsselloch im Menschen, in dem der andere sperrte.“ Im Zusammenleben bleibt die zu erwartende Profanierung aus: „Die Liebe richtete sich ein zwischen den Wänden als ein unordentliches Gefühl, das ihnen die Widersprüchlichkeit abverlangte, gleichzeitig zu brennen und über das Feuer nachzudenken.“



So gründlich befindet Valerie Fritsch über die Befindlichkeiten ihrer Figuren und dreht die parabolische Schraube bis zum Anschlag. Wo es um Schmerz als eine Conditio humana geht, ist Pathos naturgemäß legitim, Kitsch jedoch nicht. Der Titel wirkt wie eine Versicherung dagegen: die metallenen „Herzklappen von Johnson & Johnson“; das Herz des Großvaters als schlecht reparierte Maschine, nicht als lyrisches Versatzstück, das sich auf Schmerz reimt. Ganz vertraut die Erzählstimme dem Abwehrzauber nicht und verschluckt sich an einem Bildknäuel: „Das Meer war grau und grün und voller Möwenschreie, heiser in der Dämmerung und kitschig im Licht.“



Gegen Ende machen sich Alma, Friedrich und Emil auf nach Kasachstan, wo der Großvater als Kriegsgefangener interniert war. Fritschs Danksagung an das „Grenzgänger-Programm der Robert Bosch Stiftung“ lässt vermuten, dass sie die Route aus eigener Anschauung kennt. Am Ziel findet die Ankunft nicht statt, ist das Lager geschleift. Doch aus der Menge der namenlosen Unorte unterwegs ragt das ukrainische Drohobytsch hervor, in dem der magisch-groteske Zeichner und Autor Bruno Schulz lebte – Zufall oder nicht: Sein „Sanatorium zur Sanduhr“ wird hinter den schönen Ruinen dieser Prosa als Mahnmal lockender Vergänglichkeit sichtbar.

Daniela Strigl in FALTER 11/2020 vom 13.03.2020 (S. 16)


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