Die Topeka Schule
Roman

von Ben Lerner

€ 24,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Nikolaus Stingl
Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 395 Seiten
Erscheinungsdatum: 17.08.2020


Rezension aus FALTER 43/2020

Pussy, Nerd und Baseballkappe

Die meisten Besprechungen dieses Buches werden mit der Behauptung eingeleitet, die Geschichte beginne damit, dass sich der junge Adam Gordon, die Hauptfigur, im Haus irrt. Adam sitzt nachts im Boot auf einem See, quasselt vor sich hin und kommt zu spät drauf, dass sich Amber, seine Freundin, hinter seinem Rücken ihrer Kleidung entledigt hat, ins Wasser geglitten und ans Ufer geschwommen ist. Mit Mühe bringt er den Außenbordmotor zum Laufen, steuert das Boot an den Landungssteg, folgt dem Mädchen und findet sich in einem völlig fremden Haus wieder.

Die symbolische Opulenz dieser Szene – die ins Leere gehende nächtliche Rede, die dazu führt, dass man nicht mehr nachhause findet – verleitet dazu, den Roman vor allem als das zu lesen, was er auch ist: eine Geschichte über Sprache, ihre Spielarten, ihre Macht und ihr Versagen, und über (amerikanische) Identität.

Das hat schon seine Richtigkeit, doch in Wahrheit beginnt die Sache zwei Seiten vorher, mit einem Prolog, den man – das Schicksal von Prologen – möglicherweise allzu flüchtig apperzipiert. In ihm wird Darren Eberheart, gleich alt wie Gordon und intellektuell nicht besonders gut ausgestattet, von der Polizei verhört: „An der Wand hing ein Poster. KENNE DEINE RECHTE, darunter Kleingedrucktes, das er nicht lesen konnte. […] Die Lampen im Raum waren so, wie die Lampen in der Schule gewesen waren. Schmerzhaft grell bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen er aufgerufen wurde.“

Darren versucht sich zu erinnern, was auf jener Party wirklich passiert ist, als ihn die Neuntklässlerin wie gewohnt beschimpft hat, vor allem daran, was mit der Billardkugel passiert ist, die er in der Hand hielt. Er versucht, das zu tun, wozu ihn die Beamten aufgefordert haben, ganz von vorn anzufangen, und er merkt, dass da etwas ist, das er niemandem begreiflich machen wird können: „Lange […] bevor er die Kugel aus der Ecktasche genommen, ihr Gewicht und die Kühle und Glätte des Kunstharzes gespürt, bevor er sie in die überfüllte Dunkelheit geschleudert hatte – hing die Spielkugel schon in der Luft und drehte sich langsam. Wie der Mond war sie schon sein Leben lang da gewesen.“

Ben Lerner, 1979 in Topeka, Kansas, geboren und gegenwärtig mit Frau und zwei Töchtern in Brooklyn lebend, hat seinen Tschechow gelesen und weiß, dass eine Billardkugel, die am Anfang einer Geschichte geworfen wird, am Ende zumindest einmal getroffen haben muss. Dergestalt kündigt er auf den ersten beiden Seiten seines nach „Abschied von Atocha“ und „22:04“ dritten autofiktionalen Romans neben allem anderen eine Geschichte an, die unter anderem von Gewalt handelt, von Gewalt, die in der Luft hängt und vielleicht schon ein Leben lang da gewesen ist.

Adam Gordon, in größtmöglicher Nähe zur realen Biografie von Ben Lerner gestalteter Protagonist des Romans, lebt Ende der 1990er-Jahre in einer liberalen jüdischen Familie in Topeka. Seine Eltern arbeiten beide als Psychoanalytiker in der „Foundation“, einer renommierten psychotherapeutischen Institution. Jonathan, sein Vater, befasst sich mit „verlorenen“ Jungs aus dem Wohlstandsmilieu; Jane, seine Mutter, ist in der feministischen Psychotherapieforschung aktiv und macht sich mit einem Buch über Männergewalt, das zum Bestseller wird, nicht nur Freunde.

Adam versucht seine Sprachaffinität und die an der Psychoanalyse orientierte Denk- und Diskurskultur, in der er aufwächst, mit den Ansprüchen einer Highschool im Mittelwesten zur Deckung zu bringen und widmet sich ganz jener Spielart des Umgangs mit Sprache, die noch am meisten Renommee verspricht, dem Debattieren. Er bringt es dabei zu Perfektion und Meistertiteln und scheut auch vor dem „Schnellsen“ (engl.: „the spread“) nicht zurück, einer Variante des Debattierens, in der die Substanz des Arguments gänzlich der Schärfe und Geschwindigkeit geopfert wird. Freilich wird er damit nicht glücklich: „In der Highschool bestand das Problem für ihn darin, dass das Debattieren einen zum Nerd und die Lyrik einen zur Pussy machte.“

Das „Schnellsen“ selbst, der Verzicht auf Inhalt zugunsten einer leeren Form ausschließlich zum Zweck der Überwältigung des Gegners, wird zum Leitmotiv einer Erzählung, die ihr logisches Ziel gut 20 Jahre später im Amerika Donald Trumps finden wird.

Es handelt sich bei „Die Topeka Schule“ um einen formal anspruchsvollen Roman, der sich über drei Jahrzehnte spannt und episodisch aus viererlei Perspektive erzählt wird. Zwischen die Kapitel, in denen sich der Leser eng an der Seite Adam Gordons befindet, sind Abschnitte aus der Sicht von Adams Eltern geschaltet. Schließlich kommt noch Darren Eberheart, der etwas zurückgebliebene junge Mann, der von den anderen Jugendlichen manipuliert und gedemütigt wird, mehrmals kurz zu Wort und kämpft um seine eigene Geschichte.

Was leicht verwirrend oder allzu konstruiert werden hätte können, formt sich in den Händen von Ben Lerner zu einer hoch musikalischen Komposition, die im Ton vielfältig und komplex ist, der man dennoch gern und ohne Mühe folgt. Selbst jene Abschnitte, in denen – wohl in bewusster Kontrapunktik zum „Schnellsen“ – in reduziertem Tempo reflektierend und analytisch sezierend erzählt wird, werden aufgrund der Genauigkeit des Blicks und durch die Lust, die mitschwingt, zum Vergnügen.

Wirklich hinreißend wird Ben Lerner freilich dort, wo er die Geschichte von der Leine lässt, die offensichtlich ordnende Kontrolle für eine Weile aufgibt und sich kleine narrative Eruptionen gestattet. Etwa in jenem Abschnitt, in dem Jane, Adams Mutter, von der Gehirnerschütterung ihres damals achtjährigen Sohnes berichtet, von der Banalität des Unfalls, von ihrer Angst, von seiner plötzlich einsetzenden Bewusstlosigkeit, vom Erwachen im Spital:

„,Weißt du, wo du bist, Schatz?‘, fragte ich, darum bemüht, zu verhindern, dass mir die Stimme brach. ,Im Krankenhaus‘, sagtest du, angesichts der Albernheit der Frage leicht kichernd. An dieser Stelle kam die Schwester herein und sagte: ,Sieh mal, wer da wach ist.‘ Und dann stellte sie die gleiche Frage – Weißt du, wo du bist – und du gabst die gleiche Antwort, und diesmal lachtest du, als wäre das ein albernes Spiel, dich zu fragen, wo du warst. Und dann deutete sie auf mich und Dad und sagte: ,Weißt du auch, wer diese netten Leute sind?‘ Und du sahst uns mit herzlichem Lächeln an und sagtest: ,Nö.‘“

Und schließlich erzählt die Mutter auch noch davon, wie Adam sich mithilfe der Buchstaben auf dem Pullover der vollbusigen Schwester mit dem Alphabet wieder vertraut macht.

Oder wenn sich Jonathan, Adams Vater, an seine Zeit in der Nähe von Taipeh erinnert, an die dumme Überheblichkeit der amerikanischen Soldaten, an jenem Tag, als ein Kamerad einem taiwanesischen Bauern sämtliche Kühe erschoss und der Bauer kam und keine Entschädigung wollte, sondern nur eine Entschuldigung. Oder wenn sich Adam auf Gedeih und Verderb mit seinem Freund Jason prügelt oder sich Adams Eltern mitten in der Nacht plötzlich anbrüllen, Adams Mutter das Haus verlässt und Adam nicht den Mut aufbringt, den Vater zu fragen, was denn eigentlich los ist.

Klappt man das Buch zu, fällt einem auf, dass man sich kaum jemals gefragt hat, wie denn die Sache im Original klingt. Nikolaus Stingl, Übersetzer von Autoren wie Cormack McCarthy, Thomas Pynchon oder Colson Whitehead, hat mit seiner Übertragung der Geschichte ins Deutsche jene selbstverständliche Leichtigkeit erreicht, die hervorragende Übersetzungen ausmacht. Vielleicht hat man sich den Aufwand, den das erfordert, dort vor Augen geführt, wo er „Red Snapper“ (ein Fisch) mit „Roter Schnapper“ übersetzt hat. Er hat mit Sicherheit seine Gründe gehabt.

„Die Topeka Schule“ ist – noch einmal – ein Roman, der von Gewalt erzählt, von sprachlicher, schicksalhafter und struktureller Gewalt. Er tut es manchmal in kleinen Aufwallungen, dabei trotzdem stets subtil, unaufdringlich und genau, am eindringlichsten vielleicht im allerletzten Kapitel, in dem sich Adam Gordon erst auf dem Spielplatz mit einem Vater konfrontieren muss, dessen Sohn die Rutsche blockiert, und danach mit seiner Tochter an einer Demonstration gegen die von der Regierung verordnete Trennung von Flüchtlingsfamilien teilnimmt und auf einen Polizisten triff, dem das nicht passt.

Im Schlusskapitel begegnet Adam Gordon übrigens noch einmal Darren Eberheart, dem jungen Mann, den sie seinerzeit so heftig drangsaliert haben. Er sieht ihn nur ganz kurz. Darren trägt jetzt die rote Baseballkappe der Anhänger von Donald Trump.

Nicht zuletzt wegen seiner politischen Klarsicht ist „Die Topeka Schule“ ein Roman, den man wohl in die Reihe der großen autobiografisch grundierten Romane der amerikanischen Literatur einreihen muss, neben Richard Fords „Sportreporter“ etwa oder neben Philip Roths „Amerikanisches Idyll“. Ob Adam Gordon als Nachfolger Frank Bascombes oder Nathan Zuckermans tatsächlich taugt, wird sich weisen.

Paulus Hochgatterer in FALTER 43/2020 vom 23.10.2020 (S. 7)


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