Mein Mann

Stories
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Sie sind mittelmäßige Dichter oder eitle Gynäkologen, die schlechte Bilder malen. Betrüger, Machos, Heuchler, lebendig, impotent oder tot. Ihre Frauen sind vor allem das: ihre Frauen. Gefangen in dysfunktionalen Beziehungen, die oft kein Fegefeuer sind, eher kleinliche laue Höllen. Hinter den Fassaden wird ein erbitterter Kampf um Wahrnehmung und Selbstverwirklichung geführt, ereignen sich bizarre, demütigende Episoden. Die Ich-Erzählerinnen, die hier manchmal zugewandte, fast immer aber erbarmungslose Porträts ihrer Männer entwerfen, entblößen zugleich sich selbst, ihre Lebensentwürfe und Hoffnungen – also Niederlagen, Illusionen und Peinlichkeiten.
Rumena Bužarovska seziert in elf Erzählungen Varianten des Patriarchats, hyperrealistisch, körperlich und gnadenlos – oft aber auch gnadenlos witzig, von einer spöttischen Lakonie, die die Fassaden durchdringt und allerlei Zwischenmenschliches freilegt.

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FALTER-Rezension

Die Pärchenlüge lauert überall

Die Familie ist die Keimzelle der Gesellschaft, behauptet das Patriarchat. Daraus erwächst Unschönes – und Stoff für die Literatur, den die 1981 in Skopje geborene Autorin und Literaturwissenschaftlerin Rumena Bužarovska präzise und ohne Milde zu verarbeiten weiß. Ihre bereits 2014 erschienenen elf Erzählungen sind die erste Übersetzung ins Deutsche; dabei sollte es nicht bleiben.

Dabei besteht das Personal von „Mein Mann“ zum Großteil aus autoritären Arschlöchern, trunksüchtigen Trutschen oder verschlagenen Kindern – allesamt egozentrisch und wenig einnehmend. Bužarovska verfügt über eine Beobachtungsgabe, der keine Lebenslüge standhält. Ihr scharfer Blick trifft die Mittelmäßigkeit eitler Männer, meist aus Sicht der etwas klügeren Frauen. Moralisches Oberwasser bekommt dabei niemand.

Man darf den Gattinnen die (auch literarisch relevante) Frage stellen, warum sie diese Fatzkes nicht einfach stehen lassen. Im vorliegenden Fall wäre das aber insofern schade, als man auf diese Weise um Grotesken wie „Mein Mann, der Dichter“, „Nektar“ oder „Empty Nest“ gebracht würde, die den sarkastischen, äußerst amüsanten Kern von „Mein Mann“ bilden.

Von der Verwechslung von Liebe mit Zugehörigkeit oder Versorgung handeln alle Texte. Dem Vater gratuliert man zur Geburt des Sohnes, und wenn eine den gefühlskalten Ehemann beim Fremdgehen erwischt, rät die Mutter: „Er ist dein Mann. Du hast ihn dir ausgesucht, du musst ihn ertragen.“ „Gene“, die längste der Erzählungen, verpasst kaum verstecktem Rassismus – hier jener der slawischen Mehrheitsbevölkerung gegenüber der albanischen Minderheit – mittels böser Pointe eine schallende Ohrfeige. So geht’s halt zu in Nordmazedonien, mag eine unbedachte Erstreaktion lauten, aber bis auf ein bisschen Ayran, Lokum oder Ajvar fehlt hier jedes Lokalkolorit. Das Patriarchat ist weder exotisch noch Monopol des Balkans.

Bužarovska schildert auch die hilflose Kälte einer jungen Mutter, die sich beim Stillen fühlt, „als ob ich von einem kleinen Außerirdischen gemolken wurde“. Neben den sarkastischen und genderpolitischen Tönen gibt es auch die feineren, etwa in „Suppe“, einer Erzählung über den Verlust des Ehemannes.

Den drastischen Abschluss „8. März“ widmet Bužarovska dem akademischen Milieu, mit dem sie als Dozentin für amerikanische Literatur an der Universität Skopje bestens vertraut ist. Hier geht es genauso dumm und dünkelhaft zu wie überall sonst. Eine Dissertantin feiert mit ihrem literaturwissenschaftlichen Institut den Frauentag in einem Restaurant. Je mehr Schnaps getrunken wird, umso altbackener werden die Gespräche, schließlich lässt sich die Erzählerin dazu hinreißen, der unverheirateten Kollegin auszurichten, „eine Frau, die keine Mutter ist, ist eine unverwirklichte Frau“. Besoffen und halbherzig brät sie den älteren Toni an, auch er kein Gender-Avantgardist: „Du bist geistreich. Das ist selten bei Frauen.“ Das Fremdgehen scheitert auf wirklich hässliche Weise, eine erbauliche Geschichte zum Frauentag sieht anders aus. Doch die Message kommt an – wer es an weiblicher Solidarität mangeln lässt, ist zum Kotzen.

Bužarovskas literarische Stärke sind die Schwächen ihrer Figuren. Alle reden anders, als sie denken; alle denken anders, als sie fühlen. Es ist ein ewiges Ringen um Aufmerksamkeit und Anerkennung, das nie befriedigt und dem Gegenüber nie zugestanden wird. Am Ende bekommen sowohl Männer als auch Frauen ihrer emotionalen Unfähigkeiten und moralischen Verpeiltheit wegen ihr Fett ab. Zynisch wird Bužarovska dabei nie, zwischen den Zeilen zeigt sie die Kämpfe, die alle in sich selbst auszufechten haben.

Dominika Meindl in Falter 11/2021 vom 19.03.2021 (S. 22)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783518429761
Erscheinungsdatum 07.03.2021
Umfang 171 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Suhrkamp
Übersetzung Benjamin Langer
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