Die Erweiterung

Roman | Die Fortsetzung des mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Romans »Die Hauptstadt«
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Zwei Brüder, nicht leibliche Brüder, sondern „Blutsbrüder“, verbunden durch einen Schwur, den sie im polnischen Untergrundkampf gegen das kommunistische Regime geleistet haben, gehen nach dessen Zusammenbruch getrennte Wege. Der eine, Mateusz, steigt in höchste Ämter auf und wird schließlich polnischer Ministerpräsident. Der andere, Adam, macht nach dem EU-Beitritt Polens in der Europäischen Kommission Karriere, in Brüssel ist er zuständig für die Erweiterungs-Politik. Während die Vorbereitungen für die Westbalkankonferenz im polnischen Poznan auf Hochtouren laufen, bittet Adam Mateusz um Unterstützung, doch der beginnt das Beitrittsgesuch Albaniens zu unterminieren. Aus der einstmals tiefen Verbundenheit wird eine unversöhnliche Feindschaft von europäischer Dimension. Auf einer vom albanischen Ministerpräsidenten organisierten Kreuzschifffahrt auf der SS Skanderbeg, zu der er alle Regierungschefs der Balkanstaaten, die EU-Außenminister und sämtliche Vertreter der Europäischen Union eingeladen hat, treffen die Beiden wieder aufeinander. Was dann passiert, steht längst nicht mehr in ihrer Macht.
Der politische Konflikt der beiden Blutsbrüder ist aber nur der Rahmen, innerhalb dessen sich eine Vielzahl von Schicksalen entscheidet, kühne Pläne und große Lebensanstrengungen auf die Probe gestellt werden, bis es zum Showdown kommt, auf dem schwankenden Boden eines albanischen Kreuzfahrtschiffs.

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FALTER-Rezension

Beim Helm des Skanderbeg!

Ta dhifsha suratin!", richtet der albanische Ministerpräsident, von seinem Umfeld stets "ZK" ("Zoti kryeministër") genannt, am 6. September 2019 dem französischen Präsidenten per Telefon aus - was "vorsichtig", wie es heißt, mit "Ich scheiß in dein Gesicht!" übersetzt werden kann. Der Grund für den Unmut des ehemaligen Basketball-Stars, der 1989 einen historischen Triumph über die DDR fixierte, ist das französische Veto gegen Albaniens Ansinnen, der EU beizutreten. So jedenfalls die Ausgangssituation von Robert Menasses jüngstem Roman.
Mit "Die Erweiterung" erweitert der Wiener Autor seine sowohl essayistisch als auch in der Fiktion vorangetriebene Auseinandersetzung mit dem vereinigten Europa um 650 Seiten und knüpft an den vor fünf Jahren erschienenen Vorgängerroman an. Wie schon "Die Hauptstadt" rekrutiert Menasse in seinem dieser Tage erscheinenden Opus magnum sein Personal zu nicht unwesentlichen Teilen aus der Beamtenschaft der Europäischen Kommission, wobei neben Brüssel unter anderem auch Brindisi, Wien, Warschau und Tirana als Schauplätze fungieren.

Neben einem guten Dutzend an Hauptund bedeutenderen Nebenfiguren gibt es noch einen weiteren Protagonisten, der die Handlung vorantreibt und gerade auf der Achse Wien-Tirana für beträchtliche Turbulenzen sorgt. Um rund 500 Jahre älter als alle anderen Akteure, handelt es sich dabei allerdings um keinen Menschen, sondern um ein Artefakt, nämlich den Helm des albanischen Nationalhelden und Verteidigers der Christenheit gegen die Osmanen, Fürst Gjergj Kastrioti, besser bekannt unter dem Namen Skanderbeg.

Dass Skanderbeg (1468) den Weißmetallhelm mit dem vergoldeten Ziegenkopf, der sich in der Sammlung des Wiener Kunsthistorischen Museums befindet (und im Weltmuseum ausgestellt ist), nie besessen oder getragen hat, tut dessen politisch-symbolischer Wirkmächtigkeit keinerlei Abbruch: Sich selbst mit Skanderbegs Helm "krönend", gedenkt der ZK den Vertretungsanspruch aller Albaner -also auch jener, die im Kosovo, in Nordmazedonien, Italien oder Deutschland leben -geltend machen und entsprechenden Druck auf die EU ausüben zu können, denn: "Entweder kommt Albanien in die EU, oder es kommen die Albaner. Als Pflegerinnen, als Schwarzarbeiter, als -ich formuliere es einmal vorsichtig so -: als Familien mit gewissen Interessen."

Nachdem die Restitutionsforderung von Österreich (im Übrigen mit guten Gründen) verweigert wird, kommt es -Bellinis "Saliera" lässt grüßen! - zu einem elegant choreografierten Kunstraub, der allerdings aufs Konto der albanischen Opposition geht und seinerseits mit einer Gegenintrige gekontert wird.

Der gestohlene Helm und eine originalgetreue, dem ZK quasi auf den Kopf geschmiedete Kopie desselben setzen ein von grotesken Zufällen und Missverständnissen bestimmtes Verwirrspiel in Gang, das hochkomisch und blutig ernst zugleich ist und neben der albanischen Mafia auch einen auf Kunstraub spezialisierten Ermittler auf den Plan ruft, der einmal bündig wie folgt charakterisiert wird: "Kommissar Franz Starek war ein zutiefst lethargischer Mann. Man durfte aber seine Lethargie nicht mit Gemütlichkeit verwechseln, er konnte sehr ungemütlich werden."

Starek ist nur ein Vertreter aus einem Ensemble an Figuren, das mit beträchtlichem Aufwand und unübersehbarer Empathie zusammengestellt wurde. Allesamt sind komplexe, liebevoll gestaltete und - trotz oder gerade wegen ihrer Idiosynkrasien -großteils sogar liebenswerte Charaktere. Auffällig ist, dass es sich beim Gros von ihnen um in die Jahre gekommene Männer mit teils schaumgebremster, in jedem Falle nicht unkomplizierter Libido sowie einem unübersehbaren Hang zur Melancholie handelt.

Einer der Jüngeren unter ihnen, Karl Auer, ist in der Generaldirektion Nachbarschaft und Erweiterung (NEAR) tätig und im Übrigen Cousin des erwähnten Franz Starek (die ursprünglichen Vorstellungen der beiden von Albanien gehen auf gemeinsame Karl-May-Lektüre zurück). Er wird als eher zärtlicher und schmusiger denn animalischer Typ beschrieben: Bei potenziellen Objekten seines Begehrens denkt er zunächst einmal darüber nach, ob diese als Mutter seiner Kinder infrage kämen.

Eine dermaßen rührende Figur wird man im Werk des Autors (oder sonst wo) nicht so schnell finden, und man gönnt es diesem Karl Auer daher von Herzen, dass er tatsächlich bei der nicht unflamboyanten Baia Moniq Kongoli zu landen vermag, der Vorsitzenden des Justizreformausschusses des albanischen Parlaments und eigentlich out of his league.

"Die Erweiterung" ist kein makelloser Roman, der Gebrauch der Tempora und Konjunktive eins und zwei gelinde gesagt erratisch und die Mobilisierung dessen, was gerne als historisches "Hintergrundwissen" bezeichnet wird, gerät mitunter etwas ungelenk, wenn einzelne Figuren zu monologisieren beginnen, als würden sie die einschlägige historische Fachliteratur oder Wikipedia-Artikel referieren.

Diese Mängel werden allerdings wettgemacht durch die komplexe Handlungsführung, die Dichte des historischen Materials und die eindringlich gestalteten, vielfach beschädigten Biografien der Charaktere. Ebenfalls gewinnend ist die von sichtlichem Recherchestolz getragene Detailfreude, mit der einzelne Episoden und Schauplätze ausgestattet werden. Mitunter übertreibt es der Erzähler -"prächtige Holztüren aus nordalbanischer Buche mit Intarsien aus Blutpflaumen" -, aber wenn er uns wissen lässt, wo in Brüssel man sich seine Schweinekoteletts besorgen sollte und in welchen Gässchen von Tirana man den besten Fli serviert bekommt, glaubt man ihm aufs Wort.

Thriller, Politsatire und Melodram werden in dem hochdramatisch endenden Roman auf ebenso vergnügliche wie ernsthafte, manchmal etwas langatmige, vielfach atemberaubende Weise kombiniert, sodass der Österreichische Buchpreis dem Autor, der ihn 2017 noch seiner Schwester überlassen musste, fast sicher scheint. In der Hinsicht hat sich der Rezensent freilich noch stets als miserabler Prognostiker erwiesen.

Klaus Nüchtern in Falter 40/2022 vom 07.10.2022 (S. 33)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783518430804
Erscheinungsdatum 10.10.2022
Umfang 653 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Suhrkamp
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