Lost and Sound
Berlin, Techno und der Easyjetset

von Tobias Rapp

€ 9,30
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Verlag: Suhrkamp
Format: Taschenbuch
Genre: Musik/Monografien
Umfang: 268 Seiten
Erscheinungsdatum: 23.02.2009

Rezension aus FALTER 23/2009

Der Satz, um den sich alles dreht, kommt im zweiten Drittel: "Und dann tanzt man." Das Vorher und Nachher beiseitegeschoben, existiert jetzt nur diese Welt: das Berghain, ein Club in Berlin. Über Techno und die Berliner Clubwelt hat Popjournalist Tobias Rapp ein Buch geschrieben. Es ist keine klassische Reportage oder Analyse. Rapp beschreibt "die Bedingungen der Möglichkeit des Tanzflächenglücks". Und er erzählt – manchmal eine Spur zu überschwänglich –, wovon er Teil ist: von einer Subkultur, zu der auch jene gehören, die zum Tanzen mit Billigfliegern nach Berlin kommen.

Klaus Nüchtern in FALTER 23/2009 vom 05.06.2009 (S. 21)


Rezension aus FALTER 17/2009

Ickarus stürzt ab: Katerstimmung in der Klapse

DJ Ickarus sitzt am Flughafen Berlin Tegel, die Sonnenbrille tief ins Gesicht gezogen, die Arme verschränkt. Hannes Stöhrs Techno-Spielfilm "Berlin Calling" zeigt gleich zu Beginn die unglamouröse Seite des DJ-Jetsets: warten, den Kater zwischen zwei Gigs bewältigen.
Als der Protagonist später auf der Bühne eines Freiluftraves steht, wirkt er abgekämpft, seine Performance sehr routiniert. Ganz im Gegensatz zum euphorisierten After-Hour-Publikum im Sonnenschein, das die Arme im Takt fordernd in die Luft streckt. Party, und kein Ende in Sicht.
Regisseur Hannes Stöhr stellt in seiner neuen Tragikomödie wieder einen traurigen Helden ins Rampenlicht. Statt eines ostdeutschen Knackis, der die Wendezeit im Gefängnis verbracht hat ("Berlin is in Germany", 2001), ist es diesmal ein DJ, der unter die Räder des Partylebens gerät.
Der Berliner Technomusiker Martin Karow alias DJ Ickarus ist Anfang 30, hat zu lange getourt, zu viele Nächte durchgemacht, zu viele Drogen genommen. So landet er nach einem heftigen Trip in der Drogennotaufnahme einer Berliner Nervenklinik. Es ist die alte Geschichte von Genie und Wahnsinn, gehüllt ins Outfit der schillernden 24/7-Party-Kultur an der Spree.
"Techno ist für Berlin, was Reggae für Kingston Town ist", sagt Stöhr. "Mittlerweile ist Feiern dort ein wichtiger Wirtschaftszweig, an dem tausende DJs teilhaben wollen. Mit ,Berlin Calling' wollte ich einen von ihnen porträtieren. Einen allerdings, der noch nicht in der A-Liga spielt, sondern einen, der noch kämpfen muss."

Es ist ein harter, steiniger Weg in den Techno-Olymp, das weiß auch der Hauptdarsteller des Films. Paul Kalkbrenner, der Ickarus verkörpert, ist selbst Musiker. Allerdings einer, der im Gegensatz zu seiner Rolle schon ganz oben steht.
Der 32-jährige Friedrichshainer ver­öffentlicht seine Platten seit 1999 auf BPitch Control, dem renommierten ­Label der Berliner Techno-Ikone Ellen ­Allien. Mit ­seinem Laptop tingelt er wochenends von Miami nach Barcelona. Sein Name steht für gefühlvolle Maschinenmusik, die verspielte Electronica-Melodien und den rauen Groove von Electro-House zusammenführt.
Gerade sein Album "Self" (2004) strotzt vor introvertierten Hymnen und besticht mit kristalliner Melancholie. Es ist eine Platte, die den Club zwar noch im Hinterkopf hat, aber das Diktat des Dancefloors durch einen Reigen an überbordenden Flächen und Melodien überwinden konnte.
"Ich gab Paul das Drehbuch und fragte, ob er den Soundtrack komponieren wolle", erinnert sich Regisseur Stöhr. "Doch es stellte sich bald heraus: Er konnte sich sehr gut in die Rolle des Ickarus hineinversetzen, er wusste, was das für ein Typ ist. Er hat mir Tipps gegeben und den Charakter wesentlich mitgeprägt. Ab einem gewissen Punkt war mir auch klar, dass Paul diesen Ickarus selber spielen muss."
Allerdings ist "Berlin Calling" kein reiner Szenefilm, keine glorifizierende Semi-Doku über die hippe Partykultur. "Es ist ein Porträt der Zeit, es ist ein Spielfilm. Die Themen Techno oder Drogen sind nur der Pinsel, mit dem wir das Bild malen", findet Kalkbrenner.
Dennoch wird "Berlin Calling" schon jetzt als "erster ernstzunehmender Spielfilm über Berlin und Techno nach fast 20 Jahren" bezeichnet. Zumindest von Tobias Rapp, dem Musikredakteur der taz und Autor von "Lost and Sound", in dem er die Berliner Clubkultur unter die Lupe nimmt.

Von Berghain bis Bar 25, von Easyjet-Rave-Touristen bis zu den politischen Aspekten des Ausgehens: Rapp analysiert gekonnt und erzählt zugleich humorvoll von Berlins ungezügeltem Nachtleben. "Die Clubs haben die Stadt zu einem popkulturellen Sehnsuchtsort gemacht. Niemand muss hier wirklich arbeiten, außer an irgendwelchen Kunst- oder Musikprojekten. Und ­eigentlich ist man ständig nur auf Partys", beschreibt Rapp die Situation.
Das passt. Denn – so viel sei verraten – am Ende sitzt Ickarus wieder am Flughafen. Mit Keyboard und Laptop. Party und kein Ende in Sicht. 

Florian Obkircher in FALTER 17/2009 vom 24.04.2009 (S. 28)


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