Ungleichheit

Warum wir nicht alle gleich viel haben müssen
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Das philosophische Enfant terrible Harry G. Frankfurt ist zurück, und zwar mit einem Paukenschlag. Nach seinem Welterfolg Bullshit widmet er sich in bewährt streitbarer Manier einer hochaktuellen Debatte: ökonomische Ungleichheit. Während man sich allenthalben einig ist, dass die ungleiche Verteilung von Gütern und Reichtum das große Problem unserer Zeit sei, postuliert Frankfurt die radikale Gegenthese: Ungleichheit ist moralisch irrelevant. Mit schwindelerregenden Gedankenexperimenten wirft Frankfurt ein vollkommen neues Licht auf Begriffe wie Genügsamkeit, Glück und Gerechtigkeit – und beantwortet nebenbei die heikle Frage, warum wir nicht alle gleich viel haben müssen.
In zwei Essays stellt Harry G. Frankfurt eine Debatte auf den Prüfstand, die bisher niemand hinterfragt hat, und bringt vermeintlich unumstößliche Gewissheiten ins Wanken. So rigoros wie wegweisend, so überraschend wie überfällig.

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FALTER-Rezension

Ist die Forderung nach Gleichheit Bullshit?

Philosophie: Das philosophische Enfant terrible Harry G. Frankfurt hinterfragt ein Postulat der Linken

Nur wenige Autoren beherrschen die Kunst, große Themen auf unter 100 Seiten abzuhandeln. Einer von ihnen ist der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt, geboren 1929. Einem großen Publikum bekannt wurde Frankfurt im Jahr 2005 mit dem nur 80 Seiten schmalen Essay „Bullshit“, der eigentlich aus dem Jahr 1986 stammt und die Methode von hohlem Gerede bzw. Geschwurbel in Werbung, PR, Politik und Medien entlarvt.
Bullshit beruht laut Frankfurt auf Unkenntnis, Betrug und Prätention und kommt in Demokratien gehäuft vor, wo jeder sich bemüßigt fühlt, zu allem eine Meinung haben zu müssen.

Manchmal haben ältere Texte mehr zu aktuellen, brennenden Themen zu sagen als neue. Ein Beispiel dafür wäre die Abhandlung „Der Fanatiker“ von Eric Hoffer aus dem Jahr 1951, die besser zu erklären vermag, warum sich westliche Jugendliche dem IS in Syrien anschließen, als so mancher heutiger Talkshow-Experte. Oder das soeben erschienene Buch von Harry G. Frankfurt mit dem Titel „Ungleichheit. Warum wir nicht alle gleich viel haben müssen“.
Teile dieses knapp 100 Seiten langen Essays gehen auf ältere Texte aus den Jahren 1987 und 1997 zurück – und können dennoch als Antwort auf Thomas Pikettys Analyse der wachsenden ökonomischen Ungleichheit in seinem Bestseller von 2014 „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ gelten.
Sie entlarven, wenn man so will, den Bullshit, der sich hinter der Forderung nach absoluter ökonomischer Gleichheit verbirgt, der heute in aller Munde ist, ohne dass sich seine Verfechter auch gleichzeitig darüber im Klaren sind, warum Gleichheit der Ungleichheit überhaupt vorzuziehen sei, wie Frankfurt moniert.
Zunächst mag es den meisten Menschen einleuchten, dass es moralisch besser wäre, wenn alle Menschen ökonomisch gleichgestellt wären. Wenn Harry G. Frankfurt wider den Stachel dieses intuitiven Konsenses löckt, dann nicht, um anzuecken oder um zu beweisen, dass Gleichheit nicht wünschenswert sei, sondern um das schlampige Denken dahinter aufzudecken.
Ökonomische Gleichheit, so lautet seine Hauptthese, ist nicht per se wünschenswert, sondern nur, weil sich auf ihrem Boden andere soziale oder politische Ziele wie Gesundheit und Partizipation, Unparteilichkeit und Respekt besser durchsetzen lassen.

Das Argument, das Frankfurt gleich im ersten Abschnitt auf den Tisch legt, verblüfft ob seiner Einfachheit: Was die meisten Menschen an der neuen ökonomischen Ungleichheit eigentlich störe, sei nicht die Ungleichheit an sich, sondern dass es manchen Menschen nicht gut genug ginge, dass sie arm seien. Denn es würde ja wohl kaum jemand fordern, dass alle gleich arm sein sollen.
„Obwohl sie gewisse Ungleichheiten als zulässig akzeptieren würden, glauben viele Menschen dennoch, dass ökonomische Gleichheit an sich einen erheblichen moralischen Wert hat. Sie drängen deshalb darauf, dass der Annäherung an dieses egalitaristische Ideal ein deutlicher Vorrang eingeräumt werden sollte. Das ist meiner Meinung nach ein Fehler.“
Ökonomische Gleichheit, findet Frankfurt, ist „als solche von keiner besonderen moralischen Bedeutung“. Deshalb sei ökonomische Ungleichheit nicht an sich moralisch anstößig. Weniger zu haben könne schließlich auch bedeuten, dass man eine ganze Menge habe, und wenn es einem schlechter gehe als anderen, heiße das nicht unbedingt, dass es einem schlecht gehe.
Gleichheit stellt für Frankfurt nur einen abgeleiteten Wert dar, weil man mit Geld nicht alles kaufen kann. Aber auch weil sie die schiere Geldmenge Einzelner vergleicht, unabhängig davon, welchen Nutzen jeder aus dem ziehen kann, was er hat.

Dem Prinzip der Gleichheit hält Frankfurt das Prinzip der Suffizienz entgegen. Aber was ist genug? Das müsse jeder selbst bestimmen, und zwar nicht anhand des Vergleichs mit dem Nachbarn, sondern anhand seiner authentischen Bedürfnisse, Interessen und Ambitionen. Genug zu haben lässt sich trotzdem festmachen, etwa an der Tatsache, dass mehr Geld einen Menschen nicht in die Lage versetzen würde, erheblich weniger unglücklich zu sein.
Die Ungleichheit zwischen Wohlhabenden und Superreichen irritiert wohl nur die allerwenigsten, ein Beweis dafür, dass es nicht um ein Missverhältnis, sondern um einen absoluten Missstand geht: die Armut, die mit der Verringerung der Ungleichheit nicht zwingend abgeschafft werden kann.
Der starre Blick auf die ökonomische Gleichheit verleitet Menschen dazu, das, was ihnen wirklich wichtig sei, aus dem Blick zu verlieren und der Frage des Geldes zu viel Gewicht beizumessen – inklusive des Vergleichs mit dem Status anderer. „Auf diese Weise trägt das Prinzip der Gleichheit zur moralischen Orientierungslosigkeit und Seichtigkeit unserer Zeit bei.“

Frankfurts Thesen geben zu denken und haben das Potenzial, Dampf aus einer manchmal überhitzten Debatte zu lassen. Dem Autor von „Bullshit“ kann man keinen Bullshit, sprich unsaubere Argumentation vorwerfen. Wenn schon, dann eher, dass er dabei einen Begriff ganz ausspart, um den auch führende Gerechtigkeitstheoretiker gerne einen Bogen machen: den Begriff des Neids.
Es stimmt schon: Wer ein reiches, erfülltes Leben führt und nicht von Verstimmungen oder Sorgen geplagt wird, die mit mehr Geld gelindert werden könnten, der ist gewöhnlich nicht sehr an einem Vergleich seiner finanziellen Mittel mit denen anderer interessiert.
Aber der Mensch wird – man könnte versucht sein zu sagen: leider – nicht nur durch Ökonomie bestimmt. Deswegen kann dem Schluss des eingangs zitierten Textabschnitts auch nicht zugestimmt werden, in dem es heißt: „Wenn jedermann genügend Geld hätte, würde es niemanden besonders interessieren, ob manche Leute mehr Geld hätten als andere.“ Denn in zahlreichen Experimenten wurde nachgewiesen, dass Menschen sogar gerne auf Geld verzichten, damit andere bloß nicht mehr als sie selbst haben.
Vermutlich steckt also hinter dieser Annahme weniger schlampiges Denken als vielmehr ein philosophisches Ideal. Eine realistische Philosophie des Menschen darf aber nicht von einem rein rationalen Wesen ausgehen, sondern muss auch seine dunkle Seite, die destruktiven Emotionen Neid, Gier und Rivalität um der Rivalität willen miteinbeziehen.

Kirstin Breitenfellner in Falter 11/2016 vom 18.03.2016 (S. 37)

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Produktdetails
Mehr Informationen
Reihesuhrkamp taschenbuch
ISBN 9783518466612
Ausgabe Deutsche Erstausgabe
Erscheinungsdatum 08.02.2016
Umfang 107 Seiten
Genre Philosophie/20., 21. Jahrhundert
Format Hardcover
Verlag Suhrkamp
Übersetzung Michael Adrian
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