Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens
Zur Evolution der Kognition

von Michael Tomasello, Jürgen Schröder

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 12/2003

Michael Tomasello vergleicht in seinen Arbeiten die frühkindliche Entwicklung von Menschen und Menschenaffen, zuletzt in seinem Buch "Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens". Ein Porträt, das den US-amerikanischen Psychologen als medienscheues Arbeitstier zeigt.

Was macht den Menschen zum Menschen? Dieser ebenso einfachen wie allumfassenden Frage geht Michael Tomasello auf den Grund - gemeinsam mit seinen Kollegen am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Dazu scheut man dort auch nicht das Wagnis, den Kampf der zwei Kulturen zu überwinden: Geistes- und Naturwissenschaften, repräsentiert durch die vier Direktoren des Instituts, versuchen sich hier in ungewohnter Interdisziplinarität.

Während sich seine Kollegen um Genetik, Primaten und Linguistik kümmern, vergleicht der aus den USA stammende Psychologe Tomasello die frühkindliche Entwicklung von Menschen und Menschenaffen - und sucht so, der Besonderheit unserer Spezies auf die Spur zu kommen. Sein Credo: Nicht so sehr des Menschen geistige Fähigkeiten, sondern vor allem seine Kulturfähigkeit ist es, was ihn so einzigartig macht. Und die Fähigkeit zu imitieren.

Anhand zahlreicher Untersuchungen führt er in seinem jüngsten Buch "Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens" vor, dass Menschen - im krassen Gegensatz zu dem, was der Ausdruck "nachäffen" vermuten ließe - wesentlich besser imitieren können als Schimpansen. Um jemanden wirklich nachzuahmen, muss man sich vorstellen, wie dieser andere ein Problem löst, so Tomasello. Und es sieht ganz so aus, als ob Menschenaffen sich nicht so gut in andere Individuen hineinversetzen könnten wie der Homo sapiens - was uns wiederum ermöglicht, uns auf konkurrenzlose Weise des Wissens aller anderen Exemplare unserer Art zu bedienen.

Das ist eine der Kernaussagen seines Buches, das Pressestimmen als "erfrischend einfach und direkt geschriebenes Modell des menschlichen Geistes" lobten. Einem Vergleich mit sonstiger populärwissenschaftlicher Literatur aus dem angloamerikanischen Raum hält die Einfachheit jedoch gewiss nicht stand. Das ist durchaus im Sinne des Autors, der sich damit eigentlich an ein Fachpublikum aus verwandten Disziplinen wenden wollte, an Wissenschaftler, denen es an Zeit oder auch Detailinteresse fehlt, die einschlägigen Originalartikel zu lesen.

Dennoch fand das Buch auch in der allgemeinen Öffentlichkeit viel Resonanz. Das könnte neben der - auch ihrer narzisstischen Tragweite wegen - enorm wichtigen Frage, was genau uns nun vom Affen unterscheidet, auch noch einen weiteren Grund haben: Denn wo sich Schlagzeilen über Gene für Charaktereigenschaften beinahe täglich überschlagen und Gelehrte darüber streiten, zu wie viel Prozent etwa Intelligenz angeboren oder erlernt sei, wirkt Tomasellos unkonventioneller Zugang zur alten Anlage-Umwelt-Problematik erfrischend. Angeborenes und Erlerntes so gegeneinander aufzuwiegen, meint er, sei schlicht sinnlos.

Der fotoscheue Mittfünfziger - seine Homepage ziert das Foto eines Kleinkinds, das sich hinter einem Stoffaffen versteckt - hatte in den Vereinigten Staaten schon eine fixe Professur. Dennoch folgte er 1998 einem Angebot des Max-Planck-Instituts in Leipzig. Hier winkte denn auch der Forscherhimmel auf Erden inklusive des dazugehörigen Gartens Eden: keine Lehrverpflichtungen mehr, Projektgelder, ohne je wieder Forschungsanträge schreiben zu müssen - und ein eigenes Primatenhaus im Leipziger Zoo.

Wie gefragt der Evolutionspsychologe ist, verrät auch der Reisekalender auf seinem Tisch: Rund eine Woche pro Monat ist er unterwegs, verplant sind die kommenden 14 Monate. Kurze Pausen gibt es im Frühling und im Herbst, da erscheinen seine nächsten zwei Bücher. Tomasello leitet gut sechzig Forschungsprojekte und hat außerdem zwei Lehraufträge an den Universitäten Leipzig und Manchester. Drei Nachmittage pro Woche verbringt er bei den Menschenaffen im Primatenhaus.

Wie sich das alles ausgeht? Tomasello arbeitet einfach die ganze Zeit - und bezahlt Leute dafür, unfreundlich für ihn zu sein, sagt er mit gewinnendem Lächeln. Gemeint ist seine Sekretärin, die wohl freundlich, aber bestimmt kaum jemanden zu ihm durchlässt, damit die eiserne Zeitdisziplin ihres Chefs nicht gestört wird. Wann immer Michael Tomasello nicht auf Reisen ist, gilt: keine Termine vor 12 Uhr. Die Vormittagsstunden nützt er ausschließlich dafür, um zu lesen, zu denken und zu schreiben. Falsche Bescheidenheit ist ihm dabei nicht hinderlich: Heute denke er am besten, während er schreibe und Zusammenhänge konstruiere.

Das Lesen hingegen rücke mehr und mehr in den Hintergrund, da ihm kaum noch etwas in die Hände komme, was ihn überrascht oder er nicht schon gewusst hätte.

Birgit Dalheimer in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 26)


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