Gründe der Liebe

von Harry G. Frankfurt, Martin Hartmann

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 13.04.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Vom limbischen System zum Ende der Liebe

Gefühle: beliebt bei Populärliteratur und Forschung. Ein essayistischer Streifzug durch die Neuerscheinungen

Ehezoff wissenschaftlich. Was ging im limbischen System von Boris ab, als er sich öffentlich mit Lilly stritt?" Wenn ein lateinisches Fachwort in die Bild am Sonntag vordringt wie am 20. Juli 2008, muss es im Vorfeld schon gehörig Aufsehen erregt haben. Tatsächlich schien das "limbische System" jene Rolle bei der Erklärung des menschlichen Verhaltens einnehmen zu können, die einmal Freuds "Unbewusstes" innehatte. Nur handfester, Experiment und Seziermesser zugänglich. Neurowissenschaftler hatten in diesem kleinen "System", das zu den ältesten Teilen des Gehirns gehört und den Thalamus und die Basalganglien im Zentrum "umsäumt" (limbus, lat.; Saum), schon zur Jahrhundertmitte das "Organ" ausgemacht, in dem emotionale (und einige triebhafte) Reaktionen gesteuert werden.
Das geschieht, wie man bald sah, in enger Wechselwirkung mit kognitiven Funktionsarealen. Wenn man Probanden im Experiment Fotografien von Gesichtern nur eine Zehntelsekunde lang aufblitzen lässt, hat sich, obwohl die genauen Gesichtszüge noch gar nicht "abgelesen" werden konnten, bereits ein Vertrauenstest vollzogen – und der irrt selten. Bei Patienten, bei denen jene "alten" Gehirnstrukturen zerstört sind, ist dieser Test kaum noch möglich. Außerdem konnte man nachweisen, dass ohne eine unbewusste emotionale und wertende Vorstrukturierung einer zukünftigen Handlung die allermeisten Entscheidungsprozesse gar nicht möglich sind. Ohne diese "Gefühle im Voraus" würde nichts etwas bedeuten, man wüsste buchstäblich nicht, wo man nach einem Kriterium für die Entscheidung suchen soll.

Solche Einsichten waren wichtige Anstöße für den "emotional turn" – die Aufwertung der Gefühle in der wissenschaftlichen Forschung. Weitere gesellten sich mit den Erkenntnissen von Entscheidungstheoretikern dazu, wie leistungsfähig Intuitionen und unbewusste Schlussfolgerungen in unübersichtlichen Situationen und nichtlinearen Systemen sind, gerade auch an der Börse und in der Ökonomie. Werbung und des Management entdeckten die Macht der Gefühle neu (das war schon einmal in den 20er-Jahren geschehen), während die angewandte Psychologie zu propagieren begann, dass man Gefühle auch strategisch optimieren kann – im "Gefühlsmanagement".
Oft las man nun Dinge wie: "Nicht unser ,Ich' entscheidet, sondern unser Gefühlszentrum im Gehirn." Plötzlich konnten "unbewusste Wahrnehmungen" Gegenstände "einschätzen" und Gefahr oder Attraktivität "erkennen". Verborgene Strukturen "überprüften" die Situation, brachten uns dazu zu handeln etc. In einer seltsamen Einigkeit redeten Labortechnokraten und Esoterikratgeber von diesen unbewussten Prozessen, als wären sie Personen, denn: Nur Personen können erkennen, abwägen, entscheiden.
Diese Verwirrung der Kategorien, dieses Umschlagen von experimenteller Aufklärung in Geisterglauben, rief die Philosophie auf den Plan. Sie kam wie immer zu spät. Am spätesten im deutschsprachigen Raum. Heute gibt es eigene Zeitschriften, Kongresse, Lehrstühle. Auf einem von ihnen sitzt Sabine A. Döring. Sie legt jetzt eine 600-seitige "Philosophie der Gefühle" vor, in der repräsentative Debattenbeiträge versammelt und kommentiert werden.
Beim Singular "Philosophie der Gefühle" denkt man zuerst wohl an Liebes-, Kunst- oder Sprachgefühl. Oder an: "Ich fühle, hier stimmt etwas nicht", "Ich fühle, dass ich ein anderer geworden bin" etc. Oder daran, dass meine Vorstellung davon, wer "ich bin", sicherlich auf Gefühle rekurrieren muss – wahrnehmen oder erkennen kann man das "Selbst" ja nicht. Jedoch: All das kommt bei Döring nicht vor. Es geht alleine um sogenannte emotionale Gefühle. Der höchst künstliche Ausdruck kündet von der Künstlichkeit des Unterfangens. Genauer müsste man sagen, es geht um "gefühlte Emotionen", denn es soll sich um emotionale "Zustände" wie Angst, Neid, Zorn etc. handeln, die ein Erlebnis-, also Gefühlsmoment implizieren. Diese besondere Spezies soll sich "gegenüber nicht­emotionalen Gefühlen dadurch auszeichnen, dass sie auf etwas in der Welt gerichtet sind".
Philosophen befassen sich wie so oft auch hier zuallererst damit, welche Vorstellungen wir zur physischen "Außenwelt" haben. Ich sehe plötzlich eine zähnefletschende Dogge vor mir – inwiefern sind nun meine Angstgefühle auf die Dogge "gerichtet" oder eben doch nur eine Wahrnehmung meines Körperzustands? Inwiefern "repräsentiert" dieser "Gefühlszustand" die Dogge und impliziert deshalb ein "kognitives" Element? Und so weiter. Und so fort. Der Scharfsinn und die Geduld, mit denen die akademische Philosophie diese Fragen seziert, ist imposant, lehrreich, klärend. Doch die Begriffsklärer gehen oft merkwürdig unsensibel mit der Beschreibungssprache um.
Wenn ich ein Gesicht mit Blicken studiere, mich von den vielen kleinen Zuckungen sympathetischer Gefühle leiten lasse, Schatten und Linien mit Charakterzügen, Absichten, Lebenserfahrungen etc. in Verbindung bringe – bin ich dann in einem "Gefühlszustand"? Wohl kaum, sondern: Ich nehme ineinanderfließende Impulse prozesshaft wahr, suche sie ab und benutze dabei ein großes Spektrum von oftmals sich überlagernden oder widersprüchlichen Gefühlen, um mir ein Gesicht zu erschließen. Ich kann meine Aufmerksamkeit auf jene Gefühle oder das Gesicht richten und beide modulierend aufeinander beziehen und sogar diese Art der Aufmerksamkeit seinerseits beobachten.

Die Fixierung der Philosophen auf die Frage, wie ein Geschehen "im" Subjekt mit "der Wirklichkeit", zu verstehen als physische "Außenwelt", zusammenhängt, verhindert, dass ein differenzierteres Modell des Bewusstseins und der vielen, unter Umständen gleichzeitig aktivierten Funktionen des Sichbeobachtens, Empfindens, Aufmerkens, Abtastens, Abmischens, des Geschehenlassens usf. entstehen könnte. Ohne ein solches wird man schwerlich ein Bild der Gefühle gewinnen können. Die notwendige Einbettung der Gefühle in das Gesamte eines Subjekts wird immerhin angedacht im schmalen, vorbildlich konzen­trierten und als Einführung ins Thema besser geeigneten Buch von Martin Hartmann von 2005: "Gefühle. Wie die Wissenschaften sie erklären".

Auch mit der Liebe tun sich Philosophen schwer. Harry G. Frankfurt überraschte daher, als er, ebenfalls 2005, mit "Gründe der Liebe" eine veritable Metaphysik der Liebe vorlegte: Man liebt nicht etwas, weil es wertvoll ist; es wird wertvoll, weil man es liebt. Liebend zu sorgen heißt, nicht mehr frei zu sein. Gleichzeitig ist Liebe auch das, was Endzwecke in unserem Leben setzt, die wir um ihrer selbst willen anstreben. Das, was wir am reinsten um seiner selbst willen anstreben, mit dessen Wohlergehen wir uns am fugenlosesten identifizieren – das sind allerdings wir selbst. Selbstliebe ist daher das Urbild der Liebe.
Der Journalist Sven Hillenkamp verkauft in seinem soeben erschienenen Buch "Das Ende der Liebe. Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit" eine altbekannte Diagnose als neue Einsicht. "Möglichkeitsmensch" nannte Robert Musil seinen "Mann ohne Eigenschaften" Ulrich, in dem sich eine Epoche spiegeln sollte. Heute taumeln wir von einem Möglichkeitsspielraum in den nächsten. Wir sind "zu frei", um tiefere Bindungen eingehen zu können. Kaum beginnt eine neue Liaison, ist man innerlich schon bei der möglichen neuen – es könnte die erfülltere, aufregendere, eigentlichere sein.
Hillenkamp präsentiert sein Remake in einem Dauerstakkato enervierend schlichter apodiktischer Urteile und Schwarz-Weiß-Figuren: "Noch vor nicht langer Zeit befand der Mensch sich im Kampf mit der Ordnung. Heute befindet der Mensch sich vornehmlich im Kampf mit sich selbst." Als "frisch" und "provozierend" mag man das in der Sphäre der Blogs und ihres schnellen Meinungskonsums empfinden. De facto bedeutet es die Abwesenheit jeder Reflexion auf Terminologie, Empirie und die Milieuspezifik der Phänomene, zu denen auch immer Gegenbewegungen gehören – etwa ein neuer Kult der Treue und der Familie.
Empirie- und theoriegesättigter geht es bei Eva Illouz zu. Aber auch sie wiederholt sich in ihrem neuen Buch "Die Errettung der modernen Seele", und zwar die Thesen und Themen ihrer früheren Bücher, die die Durchsetzung des "therapeutischen Diskurses" in den Arbeits- und Lebenswelten des 20. Jahrhunderts illustrieren. Pauschalisierend macht Illouz Freuds Vorlesungen in Massachusetts 1909 zu einem Urknall des Jahrhunderts und seines neuen "emotionalen Stils". Elton Mayos einflussreiche Entdeckung der Gefühle für die Effizienz des Produktionsprozesses wird damit zu einem Nebenprodukt Freuds.
Soziologenjargon belastet auch diesmal die Nerven des Lesers. Trotzdem: Eine ganze Reihe von treffenden Differenzierungen, wie und weshalb sich das moderne "Selbst" mithilfe der "therapeutischen" Terminologie neu konstruiert hat, lässt die Lektüre zum Gewinn werden. Illouz lässt uns etwas sehen, was allzu selbstverständlich geworden ist. Das ist viel auf dem Gebiet der Gefühle, das soeben in geradezu jugendlichem Eifer noch einmal neu entdeckt wird.

Sebastian Kiefer in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 51)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Bauchentscheidungen (Gerd Gigerenzer, Hainer Kober)
Blink! (Malcolm Gladwell, Jürgen Neubauer)
Intuition (Gerald Traufetter)
Philosophie der Gefühle (Sabine A. Döring)
Die Errettung der modernen Seele
Gefühle (Martin Hartmann)
Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft (Bas Kast)
Das Ende der Liebe (Sven Hillenkamp)

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