Das Unbehagen in der Gesellschaft

von Alain Ehrenberg

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Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 12.04.2011


Rezension aus FALTER 28/2011

Die Freiheit des Müssens, der Drill des Dürfens

Der französische Soziologe Alain Ehrenberg analysiert, warum die Freiheit – und der Neoliberalismus – die Menschen depressiv macht

Ein Blick in den Spiegel oder den eigenen Freundeskreis vermittelt ein deutliches Bild. Die Inanspruchnahme der Hilfe eines Psychotherapeuten ist alltäglich, ohne dass damit das Stigma der Geisteskrankheit verbunden wäre. Der Markt für inneres Gleichgewicht füllt eine Lücke, die die Lockerung religiöser Moral hinterlassen hat.
Auf Freuds Couch lagen neurotische Menschen, deren Ängste sich auf Verbote zurückführen ließen. Depressionen dagegen äußern sich in einem diffusen Gefühl der Leere, deren Ursache nicht mehr auf Vaters Knute zurückzuführen sind.
Der französische Soziologe Alain Ehrenberg untersuchte in dem Buch "Das erschöpfte Selbst" (2004) das paradoxe Phänomen, dass die Erwartung eines selbstständigen Lebens so viele Menschen in Verzweiflung stürzt. Triumph und Niederlage seien in einer Gesellschaft, die die Autonomie zu ihrem Ideal erklärt, wie die beiden Enden eines gespannten Bogens. Das "Was darf ich tun?" verwandelt sich in ein unheilvolles: "Besitze ich die Fähigkeit, es zu tun?"
Ehrenbergs neue, brillante Studie beschreibt, wie das psychische Leiden von einem persönlichen zu einem sozialen Problem wurde. Suchtkrankheiten, posttraumatischer Stress und Burnouts beschäftigen die Personalabteilungen von Unternehmen, Sozialarbeiter treffen auf entmutigte Arbeitslose.

Tyrannische Intimität
Was die Psychiater "Pathologien der sozialen Bindung" nennen, analysieren die Soziologen als Verfall der zwischenmenschlichen Beziehungen. Ehrenberg zeichnet die Wechselwirkung zwischen Psychoanalyse und Soziologie nach, die sich in der Einschätzung einig sind: Aufstieg des Individualismus = Niedergang der Gesellschaft.
Schuld daran hat, lässt sich Analysen wie jenen des US-Soziologen Richard Sennett entnehmen, der Neoliberalismus. Die Leiden seien durch das Verschwinden der wahren Gesellschaft verursacht, in der es echte Arbeitsplätze und echte Familien gegeben habe.
Das Verdienst des Autors ist es, die aktuellen Debatten über das Unbehagen an der gesellschaftlichen Liberalisierung historisch zu verankern. Der Blick auf die Emanzipation der Sitten in den 60er-Jahren macht den "moralischen Aktivismus" von heute – die Forderungen nach richtigem Sprechen, Essen und Sex – erst verständlich.
Der Autor wendet ein, dass psychoanalytische Begriffe wie der Narzissmus allzu flink zur Beschreibung sozialer Sachverhalte verwendet würden; so verharre seine Disziplin selbst in einer individualistischen Sichtweise.
Ehrenberg sieht durchaus eine Alternative zu den Passionsspielen des sozialen Niedergangs. Die Institutionen – die Familie, die Schule und die Kirche – sind nicht kaputtgegangen, vielmehr hätten sich ihre Ideale verändert. "Die autonome Handlung ist der am höchsten bewertete Handlungsstil, derjenige, den wir am meisten erwarten und den wir am meisten achten."
Plastisch werden die von Ehrenberg beschriebenen Leiden der Autonomie durch den Vergleich zwischen Frankreich und den USA. In einer calvinistisch geprägten Gesellschaft seien Begriffe wie self-reliance, das sowohl Selbstvertrauen als auch Unabhängigkeit bedeutet, von fundamentaler Bedeutung.

Mach was aus dir!
Persönlicher Erfolg und der Aufbau der Gemeinschaft sind hier miteinander verknüpft. Das Selbst, man kann auch Persönlichkeit oder Charakter dazu sagen, hat in Amerika den Rang einer Institution. Narzissmus ist gewissermaßen Volkssport.
In Frankreich dagegen läutet die Alarmsirene, wenn von "Persönlichkeit" und "Eigeninitiative" die Rede ist. Steckt dahinter nicht das neoliberale Raubtier, das die Institutionen zerstört und das Individuum in die Hölle der Privatisierung stürzt? Die Schwächung der sozialen Bindungen werde in den USA als Mangel an individueller Verantwortung, in Frankreich als Übermaß an individueller Verantwortung empfunden, so Ehrenberg.
In Frankreich werde das Ideal persönlicher Unabhängigkeit zwar auch nicht angezweifelt. Seit den Gleichheitsforderungen der Französischen Revolution schützt hier aber der Staat das Individuum. Und nun entlässt der bröckelnde Wohlfahrtsstaat seine Bürger in eine vage Unabhängigkeit.
Dieses Gefühl von Verletzlichkeit und Brüchigkeit drückt sich im Begriff der Prekarität aus. Teilzeitarbeiter, verunsicherte Kreative und Wissenschaftler stimmen in den Klagegesang ein. Aber auch die französischen Kollegen warnt Ehrenberg davor, eine einfache Ursache-Wirkung-Relation herzustellen. "Es werden Bilder des Unglücks aufgehäuft, ohne die Mittel anzugeben, es zu überwinden."
Die Statistiken zeigen, dass die sozialen Ungleichheiten in Frankreich nicht zunehmen und die soziale Mobilität aufsteigend bleibt. Dennoch hätten die Franzosen am meisten Angst vor Deklassierung und Prekarität. Es wird also auf hohem Niveau gejammert.
In einer französischen Kleinstadt gründete eine Gruppe von Psychologen eine Plattform für individuelle Entwicklung, die sich um Langzeitarbeitslose kümmert. Die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung hat ihre Selbstachtung zerstört. Das soziale Leiden wird mit Körpertechniken, ästhetischer Pflege und therapeutischen Gesprächen in einem "Raum für die Wiederherstellung des Narzissmus" behandelt.
Zwischen den Hochleistungssport radikaler Liberaler und der Hängematte der Wohlfahrtsstaatsnostalgiker wählt Ehrenberg die Narzissmuskammer als Ausweg. Wer über genügend Selbstachtung verfügt, kann sein Leben in die Hand nehmen.

Matthias Dusini in FALTER 28/2011 vom 15.07.2011 (S. 24)


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