Literarisches Eigentum
Zur Ethik geistiger Arbeit im digitalen Zeitalter. Essay

von Philipp Theisohn

€ 13,30
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Verlag: Alfred Kröner Verlag
Genre: Medien, Kommunikation/Medienwissenschaft
Umfang: 137 Seiten
Erscheinungsdatum: 04.04.2012

Rezension aus FALTER 41/2012

Ich kopiere, also bin ich!

Urheberrecht: Was ist schützenswerter, Original oder Kopie? Zwei neue Bücher zu einer aktuellen Debatte

Stellen wir uns eine Welt ohne Urheberrecht vor. Da kann man ein Lied komponieren, einen Film drehen, einen Roman schreiben – doch das Werk gehört einem nicht. Es gehört der Allgemeinheit. Bei dieser Idee gerät wohl nicht nur die Buchbranche ins Schwitzen. Doch sie wird durchaus nicht mehr selten vertreten. Etwa von Joost Smiers und Marieke van Schijndel. Der Politikwissenschaftler und die Museumschefin aus Utrecht haben vor drei Jahren die Streitschrift "Adieu auteursrecht" verfasst, die der Alexander Verlag nun ins Deutsche übersetzte.
"No Copyright. Vom Machtkampf der Kulturkonzerne um das Urheberrecht", wie der Titel der deutschen Ausgabe lautet, ist eines der radikalsten Bücher in der aktuellen Urheberrechtsdebatte, die seit Jahren ein Streitthema in den Feuilletons und im Netz darstellt. Verlage, Plattenfirmen und Kreative fürchten um ihre Existenzgrundlage, denn sie verlieren mehr und mehr die Kontrolle, wer ihre Werke zu welchem Preis konsumiert. Sie müssen mitanschauen, wie diese im Internet upgeloadet, downgeloadet und ohne zu zahlen konsumiert werden.
Ihre Gegner hingegen sprechen von einem Urheberrechtsmonopol, das seine Marktmacht ausnützt, um wenigen Filmstudios oder Stars fette Umsätze zu bescheren; einem Monopol, das im Copy-Paste-Zeitalter nicht wahrhaben will, dass sich der Konsument ein Produkt einfach aneignen kann, wenn ihm der Preis nicht passt.

Sind Konsumenten passiv?
Welten liegen zwischen diesen beiden Ansichten, nur eines ist ihnen gemein: Sie klagen über den Status quo. Smiers und Schijn­del bieten einen einfachen Ausweg an: Das Urheberrecht gehört abgeschafft!
So weit geht nicht einmal die Piratenpartei: Die will das Copyright lediglich reformieren. Smiers und Schijndel sehen das Urheberrecht nicht nur als veraltet an, sondern lehnen das Konzept von geistigem Eigentum insgesamt ab, da es stets nur den Monopolisten helfe – und weil es eine Privatisierung von kulturellen Gütern darstelle, die eher der Allgemeinheit als dem Einzelnen oder gar einem Konzern gehören sollen.
Dazu muss man verstehen, dass Smiers und Schijndel die Vorstellung vom Künstler als originellem Geist ablehnen. Künstlerische Arbeit entwickle sich immer im Kontext bestimmter Traditionen. "Das allein schon macht den Anspruch auf ein absolutes Eigentumsrecht zu einer zweifelhaften Sache." Zweitens hätten die Urheber mit diesem "monopolistischen Eigentum" die "völlige inhaltliche Kontrolle" darüber, "wie ein Werk in der Gesellschaft funktioniert".
An dieser Kritik ist etwas dran. In den letzten Jahren gab es tatsächlich rechtliche Verschärfungen, technische Einschränkungen oder skurrile Rechtsurteile, die die Freiheit der Konsumenten schwächten. So schreiben Firmen wie Apple mittels Digital Rights Management ihren Kunden vor, wie und auf welchen Geräten sie bezahlte Musik oder Filme konsumieren dürfen.
Auch wer aus Schnipseln seines Lieblingsfilms ein neues Youtube-Video bastelt, kann geklagt werden: Er eignet sich unerlaubt fremdes Eigentum an, auch wenn er keinen Cent daran verdient. Ist das gerecht? Nein, meinen die zwei Holländer: "Wir werden dazu verurteilt, passive Konsumenten zu sein."

Ist der Markt gerecht?
Aber muss man deswegen gleich das ganze Urheberrecht abschaffen? Es gibt sehr wohl Ideen, um dieses zu modernisieren und dem Bürger die nötigen Rechte zu gewähren. Die USA erlauben etwa den sogenannten "Fair Use", also die nichtkommerzielle kreative Nutzung vieler Werke. Die Autoren erwähnen Fair Use zwar im Kapitel "Unbefriedigende Alternativen und Schlimmeres", erklären aber mit keinem einzigen Satz, war­um Fair Use keine Lösung sei.
Ihr Ton ist bevormundend, ständig werfen sie Suggestivfragen auf und legen dem Leser nahe, was dieser zu denken hat. Ehrlich sind sie dabei nicht. Zum Beispiel fällt kein einziges Mal das Wort "Enteignung". Nichts anderes wäre die Abschaffung des Urheberrechts. Jedem Kreativen sollen seine Besitzrechte genommen werden – und die Marktwirtschaft für Gerechtigkeit sorgen:
"Es gibt ein besseres Instrument, um sehr vielen Künstlern und ihren Werkmittlern zu einem angemessenen Einkommen zu verhelfen und zugleich sicherzustellen, dass unser an frei zugänglicher künstlerischer Kreativität und frei nutzbarem Wissen reiches Gemeinwesen nicht privatisiert wird. Dieses Instrument ist der Markt."
Die Holländer nehmen damit eine schizophrene Haltung ein: Permanent schimpfen sie über Monopolisten und den Neoliberalismus, die Kreativbranche soll aber ausgerechnet vom Markt gerettet werden. Sie wollen ein strengeres Wettbewerbsrecht. "Der Markt wird dann so offen sein, dass mehr Künstler mit ihrem Publikum in Kontakt treten können, ohne dabei von den ,Großen' – die so groß nicht mehr sein werden – behindert zu werden." Wie aber das genau vonstattengehen soll, dafür bleiben ihre Argumente mehr als vage.

Alle Rechte vorbehalten
Wenn endlich die Marktdominanz der großen Medienkonzerne zerschlagen sei, würden Autoren und Künstler auch besser verdienen, sind sie überzeugt, denn: In einem pluralistischen, von Wettbewerbshütern beschützten Markt würden die Konsumenten mit Freude Geld für geistiges Eigentum ausgeben – auch wenn sie nicht müssen. Das grenzt dann wohl schon eher an Wunschdenken; das derzeitige Konsumentenverhalten spricht jedenfalls krass dagegen.
Wenn übrigens in ihrer schönen neuen Welt mit grundehrlichen neuen Menschen keine teuren Filmspektakel mehr produziert werden können, stört sie das gar nicht: Da rümpfen sie lieber die Nase und meinen, womöglich wäre das eh kein Verlust.
Und selbst? Wenn es um ihre eigenen Werke geht, wechseln die Kämpfer für freies Kopieren ja nicht ungern die Fronten, wie erst kürzlich im Fall der deutschen Piratin Julia Schramm, deren Buch "Klick mich. Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin" (beim Buchriesen Knaus erschienen, mit einem kolportierten Vorschuss von 100.000 Euro) von Freunden zum freien Download ins Netz gestellt wurde. Prompt ging ihr Verlag, dem sie die Nutzungsrechte übertragen hatte, dagegen vor.
Smiers und Schijndel haben versucht, ihr Werk unter der "Creative Commons"-Lizenz zu veröffentlichen. Diese gestattet die nichtkommerzielle Weitergabe des Buchs. "Andere, die lieber das altmodische Urheberrecht auf unser Buch loslassen wollten, haben wir allerdings auch nicht dran gehindert." Der Alexander Verlag schien von den Argumenten seiner Autoren jedenfalls nicht restlos beeindruckt. Ganz vorne steht der Hinweis: "Alle Rechte vorbehalten."

Copy and Paste
Womöglich ist das Urheberrecht ein so unüberschaubares Schlachtfeld geworden, dass man sich lieber behutsam heranwagen sollte. Genau das hat Philipp Theisohn, Professor für Literatur- und Kulturwissenschaft an der ETH Zürich, getan, der sich eigentlich nur mit einem Nebenschauplatz der Debatte beschäftigt: dem Plagiat. Immer wieder fliegen Autoren, Wissenschaftler und oft auch Politiker mit Fälschungen auf. Steckt da mehr dahinter als die pure Tatsache, dass sich mit Strg+C und Strg+V sehr leicht am Computer kopieren lässt?
Theisohn arbeitet sich an den letzten beiden großen Copy-and-Paste-Skandalen Deutschlands ab: der Aufregung um Helene Hegemann, jene 17-Jährige, die für ihren trashigen Debütroman "Axolotl Roadkill" (2011) zuerst als Wunderkind hochgelobt wurde und dann als entlarvte Plagiatorin den Zorn des Feuilletons zu spüren bekam. Und an der Häme über den Fall von Karl-Theodor zu Guttenberg, dem ehemaligen deutschen Verteidigungsminister, dessen Dissertation sich als Flickwerk fremder Texte herausgestellt hat.
Die sonst so hochgelobte Schwarm­intelligenz erwies sich hier als Verfolger. Im Netz durchforsteten mehr als 1000 Menschen die Arbeit des Ministers. Sie fanden auf 94 % der Seiten Plagiatsstellen, insgesamt mehr als 10.000 plagiierte Zeilen. Im März 2011 musste Guttenberg zurücktreten, sein Doktortitel wurde aberkannt.
Theisohn behagt dies gar nicht. Er fragt, woran man ein Plagiat erkennt: Geht es nur um die Prozentzahl, sprich darum, wie viele Teile einer Arbeit aus fremder Feder stammen? Um eine Rasterfahndung? "Der gesuchte Maßstab in der Frage des literarischen Eigentums ist kein mathematischer, sondern ein ethischer."
Wenn Politikern wie Guttenberg das Plagiieren vorgeworfen wird, geht es nicht mehr um Inhalte, um den wissenschaftlichen Mehrwert einer Arbeit, es geht um Zahlen. Theisohn spricht von einer "Zerlegung" der Texte und meint: "Die digitale Kontrolle macht das Denken zu einer prozentual quantifizierbaren Leistung und sie weist die Notwendigkeit dieser Quantifizierung des Denkens vorzugsweise an jenen Beispielen nach, in denen diese Leistung überhaupt nicht erbracht bzw. durch den Scan gleich null erwiesen wird."

Eigene und fremde Gedanken
Dabei besteht Wissenschaft, vor allem die Arbeit der Geisteswissenschaft, doch aus dem ständigen Wiederkäuen fremder Texte­. Wichtig sei nicht nur, ob korrekt zitiert wurde, sondern ob daraus ein eigener Gedanke entspringe. Theisohn ärgert die Plagiatsdebatte, weil sie wissenschaftliche Arbeit dar­auf reduziert, ob sie korrekte Quellenangaben enthält. Nach dieser Logik kann jemand eine belanglose und inhaltsleere Dissertation verfassen, die trotzdem eine valide wissenschaftliche Arbeit darstellt – seiner Ansicht nach das wahre Dilemma der Copy-Paste-Kultur: Information wird nur noch verdoppelt, aber nichts Neues generiert.
Das Schlimmste daran: Dieses sinnlose Herumkopieren ist nur das Symptom eines phlegmatischen Forschungsbetriebs, in dem die "Papers" oft nur noch produziert werden, damit sie in irgendeine Forschungsstatistik wandern. In der Flut dieser nutzlosen Texte rechnet kaum ein Dissertant oder Forscher damit, dass seine Arbeit genau gelesen wird. "Wissenschaft als Camouflage" nennt Theisohn diese Texte, "an deren substanziellen Eigenwert bereits ihre Verfasser kaum mehr geglaubt haben dürften".
Es ist beeindruckend, wie tiefgründig und weitreichend Theisohns Analyse ist. Sein Buch ist mehr als nur ein Essay über das Plagiat, anhand der Plagiatsfälle erklärt er zentrale Probleme der Verlagsbranche, der Wissenschaft und der Politik – kurzerhand unserer Informationsgesellschaft.
Mit diesem sezierenden Blick vermag es Theisohn, auf gut 120 Seiten einen wahrhaft originellen Beitrag zur Urheberrechtsdebatte zu verfassen. Dagegen wirken Joost Smiers und Marieke van Schijndel oberflächlich, ja mitunter sogar dilettantisch.

Wir müssen um Texte kämpfen
Smiers und Schijndel kämpfen darum, dass die Konsumenten mehr Rechte zum Kopieren bekommen sollen. Die Kopie wird aufgewertet, das Original herabgestuft und freigegeben. Die beiden sprechen stets vom kreativen Geist der Kopierer und stellen gleichzeitig die kreative Eigenleistung jener Künstler infrage, die das Original ursprünglich erschafften.
Mit Theisohns Thesen ist das freilich nicht vereinbar. Er warnt vielmehr davor, dass wir bei all dem Copy and Paste vergessen, überhaupt noch eigene Inhalte zu generieren. Deswegen plädiert Theisohn für "Nischen der Entschleunigung". Entscheidend solle nicht sein, möglichst schnell und einfach auf fremde Texte zugreifen zu können.
Die Öffnung aller Archive und Verbreitung aller Texte führe noch nicht zur Erleuchtung, auch wenn dies von technophilen Enthusiasten oft so dargestellt würde. Das große Missverständnis sei, "dass wir, um Literatur zu verstehen, nicht auf den unmittelbaren Zugriff hoffen dürfen; dass wir fremde Texte nicht umstandslos ,verwerten' können, sondern um sie kämpfen, sie überwältigen müssen".
Denn Kopieren an sich ist noch keine Leistung.

Ingrid Brodnig in FALTER 41/2012 vom 12.10.2012 (S. 32)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

No Copyright (Joost Smiers, Marieke van Schijndel, Ilja Braun, Jürgen Marten)

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