Der Geschichtenmacher

von Kjell Johannson, Christian Ankowitsch

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Verlag: Claassen
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 31/1999

Auch der dritte Magier im Bunde, der Norweger Per Petterson, wagt den Spagat zwischen Metaphysischem und Allzuphysischem. "Sehnsucht nach Sibirien" ist ein leises, leicht melancholisch und wehmütig getöntes Buch, das von einer zauberhaften Beziehung zwischen Bruder und Schwester handelt, ohne ins Inzestuöse abzugleiten. "Schwesterherz", die namenlose Erzählerin, erinnert sich an ihre Jugend im Jütland der dreißiger und vierziger Jahre, an Schmuggler, Nazis und Widerstandskämpfer, an den schweigsamen Vater, den Großvater, der sich erhängte, und an die kalte Religiosität der strenggläubigen Mutter: "Ich höre die Stimme meiner Mutter. Sie ist Christin, die Stimme meiner Mutter ist christlich. Sie steht mit einem Bein auf der Erde und mit einem im Himmel."

Zauberhaft auch die Sprache von Göran Tunströms Roman "Der Mondtrinker", der den Leser in magische Landschaften und Gefilde führt: "Manchmal glaube ich um die Ecke der Zeit einen starken Apfelduft aus dem Weltraum zu spüren. Klug bin ich nicht, aber verzweifelt, und das ist doch immerhin etwas!" Erzählt wird die Geschichte der Beziehung zwischen einem alleinerziehenden Vater und dessen Sohn Petur, der seine Mutter nie gekannt hat. Vater Halldor ist ein berühmter Mann, denn er verliest im isländischen Radio den Fischereibericht. Er kocht und musiziert für den kleinen Petur und nimmt ihn mit "auf den Mond" (die Amerikaner trainierten in der unwirtlichen Krater- und Lavalandschaft Islands für die Mondlandung). Peturs Frage nach Meerrettich stürzt die Regierung von Nigeria, Fylgien, nordische Schutzgeister, erzählen von Peturs Muter Lara, der Seismologin, die vom Fretla verschlungen wurde. Vom Fretla, der die Luft mit Grollen erfüllt und die Häuser zittern läßt. Und der Vater trinkt den Mond.

Zwischen magischem Realismus, magischem Penis und letalem Schamhaarverlust - ein Streifzug durch die boomende skandinavische Romanliteratur.

Skandinavische Literatur und nordisches Schreiben assoziiert man in erster Linie mit natürlichster Natur, multipler Einsamkeit und beredtem Schweigen. Selbstverständlich ist dies ein Vorurteil. Doch magischerweise werden Kitsch und Klischee häufig bestätigt: "In dieser Welt voller Geschichten wurde meine Vorstellung von Vaters magischem Erzählen geboren ." "Magisches Erzählen", also die Verquickung von Mythos und Wirklichkeit, von Faktum und Fiktion, ist der Anspruch, an dem viele skandinavische Schriftsteller gemessen werden wollen und den sie auch selber formulieren.

So auch Kjell Johansson in seinem autobiografischen Roman "Der Geschichtenmacher". Mit sanftem Blick zurück beschreibt er das Schicksal seiner Familie im schwedischen Midsommarkransen, einem Vorort Stockholms. Die Armut wäre ja zu ertragen, wäre da nicht auch noch der schwere Alkoholismus des Vaters. Von diesem Vater, welcher sich in lichten Momenten in den mit Mehl weiß gepuderten Grafen Johansson verwandelt und phantastische Pläne spinnt, dürfte die Faszination des Erzählens auf Kjell Johansson vererbt worden sein.

Gregor Patorski in FALTER 31/1999 vom 06.08.1999 (S. 54)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Der Mondtrinker (Göran Tunström, Karl Markus Michel)
Sehnsucht nach Sibirien (Per Petterson, Ina Kronenberger)

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