Kabeljau
Der Fisch, der die Welt veränderte

von Mark Kurlansky, Gerald Raunig

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Claassen
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 30/1999

Fish and Zwieback

Ein Fisch veränderte die Welt. Wie, das beschreibt der Historiker Mark Kurlansky in seiner Weltgeschichte aus der Sicht des Kabeljaus.

Wien ist ein schlechtes Pflaster für gesalzenen Stockfisch. Auf dem Naschmarkt kostet das Kilo vierhundert Schilling - ziemlich teuer angesichts der Tatsache, daß Kabeljau ein halbes Jahrtausend lang als meistgefischter Meeresbewohner der Welt galt und immer noch das Zeug zum Nationalgericht hat - man denke an "Fish and Chips" oder an den portugiesischen "Bacalhau".

Der amerikanische Food-History-Forscher Mark Kurlansky hat eine Weltgeschichte anhand des Kabeljaus geschrieben. Sein Ansatz: Nicht Kolumbus hat Amerika entdeckt, sondern der Kabeljau. Oder besser: die Wikinger, die auf ihren Expeditionen nach Grönland und Kanada Fisch "in die frostige Winterluft hängten, bis er vier Fünftel seines Gewichts verloren hatte und zu einem haltbaren, holzähnlichen Brett wurde". Das ließ sich dann wie Zwieback abbrechen und essen. Zwar schmeckt das weiße Fleisch des phlegmatischen Kaltwasserfischs eher fad. Aufgrund seines niedrigen Fettgehalts eignet es sich aber bestens zum Einsalzen: eine Erfindung der seefahrenden Basken, die im Hochmittelalter vor Kanada Wale jagten. Im Gegensatz zu den Wikingern besaßen sie Salz, legten Kabeljauvorräte an und erweiterten so ihren Reiseradius.

Dieses baskische Geheimnis wurde erst 1497 gelüftet, als John Cabot im Auftrag des englischen Königs Heinrich VII. nicht nur Neufundland, sondern dort auch gleich tausend baskische Fischereifahrzeuge "entdeckte". All die Entdeckungsfahrten der frühen Neuzeit wären ohne Kabeljau nicht denkbar gewesen, dessen schlechtere Teile als billige Nahrung für Sklaven verwendet wurden. Denn der Kabeljau ist von unterschiedlicher Qualität. Und nicht jeder liebt ihn: Die wählerischen britischen Siedler in Neuengland verhungerten im ersten Winter beinahe, weil sie die Fischerei verabscheuten und ihnen vor Meeresfrüchten graute. 1622 berichtet ein Pilger, die Lage sei so verzweifelt gewesen, daß sie "kein anderes Gericht vorsetzen konnten als einen Hummer".

Mitte des 16. Jahrhunderts war aufgrund des kanadischen Fischüberflusses der Kabeljauanteil an der Weltfischmenge bereits auf 60 Prozent gestiegen. Neuengland gründete seinen Reichtum auf einen regelrechten Kabeljaurausch, der im 18. Jahrhundert bis zur Ausbildung einer Kabeljau-Aristokratie führte: Das Symbol des neuen Reichtums schmückte Münzen, Wappen und Stempel. Die Bewohner wollten schon um 1700 von Monopolen nichts mehr wissen - und so erzählt Kurlansky die Geschichte der amerikanischen Unabhängigkeit aus der Sicht des Kabeljaus.

Die Umrüstung auf Dampfschiffe und die Erfindung der Gefrierkost krempelte die kommerzielle Fischerei vollständig um. Auch änderten sich die Fangmethoden - ab den fünfziger Jahren, dem "goldenen Zeitalter der Hochseeschleppnetzfischerei", führte man die Debatte, ob die atlantischen Bestände (wie man im 19. Jahrhundert glaubte) unerschöpflich seien. Sie sind es nicht. Heute liegt besonders die Küstenfischerei auch wegen Überfischung darnieder. Die arbeitslosen kanadischen Fischer träumen von der Zeit, in der "der Kabeljau zurückkommt".

Ein anderes Land verdankt dem Kabeljau seinen Aufstieg: Als die britische Flotte in den Zweiten Weltkrieg zog, besetzte Island die verwaisten Fischereigründe. Auf die Frage, wie es den Isländern denn im Krieg gegangen wäre, antworten sie noch heute: "Wir haben Geld gescheffelt." Später, 1958, 1972 und 1976, führten Isländer und Briten auch Kabeljaukriege. Ohne Todesopfer zwar, doch trennte eine isländische Geheimwaffe die britischen Schleppnetze mit scharfen Messermaschinen durch. Der Konflikt wurde zugunsten Islands beigelegt, inzwischen gilt weltweit eine Zweihundert-Meilen-Fischerei-Hoheitszone.

Mark Kurlansky hat seinen Text mit Zitaten aus historischen Quellen und wunderbaren Fischrezepten garniert: ein Kuriosum nicht nur für jene, die sich am Naschmarkt einmal so richtig über gesalzene Preise von eingesalzenem Fisch ärgern möchten.

Martin Amanshauser in FALTER 30/1999 vom 30.07.1999 (S. 55)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb