Mein Leben als Pavian
Erinnerungen eines Primaten

von Robert Sapolsky, Ulrich Enderwitz

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Claassen
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Der britische Primatenforscher Robert Sapolsky erzählt auf wunderbare Weise von seinen Erinnerungen und Erlebnissen aus zwanzig Jahren Feldforschung in einem ostafrikanischen Nationalpark.

Der Pavianhorde schloss ich mich in meinem einundzwanzigsten Lebensjahr an. Als Heranwachsender hatte ich nie mit dem Gedanken gespielt, ein Steppenpavian zu werden; ich hatte vielmehr immer geglaubt, aus mir würde ein Berggorilla." So beginnt das Buch des Primatenforschers Robert Sapolsky und lässt schon etwas von dem Lesegenuss erahnen, den eines der besten Sachbücher des Jahres zu bieten hat. Mit unglaublicher Bestimmtheit, die nur manchen Menschen eigen ist, weiß Sapolsky bereits als Kind, dass seine wahre Heimat in der afrikanischen Savanne liegt. Nur über die Tierart, mit der er sich identifizieren sollte, ist er sich anfangs unsicher: "Eine Zeit lang schlugen mich die kollektivistischen Utopien meiner angegrauten kommunistischen Verwandtschaft in Bann und ich beschloss, mich eines Tages einer staatenbildenden Insektenart einzugliedern. Als Arbeitsameise, versteht sich. Ich beging den Fehler, diese Absicht in einem Grundschulaufsatz über meine Lebenspläne kundzutun; die Folge war eine besorgte Notiz des Lehrers an meine Mutter." Mit feinem jüdischem Witz und trockenem britischem Humor lässt der Autor die Leser an seinen Erinnerungen und Erlebnissen aus zwanzig Jahren Feldforschung in einem ostafrikanischen Nationalpark teilhaben. Dabei verweben sich zwei Handlungsstränge und treiben die Geschichte in so rasantem Tempo voran, dass man das Buch nur widerwillig vor der letzten Seite aus der Hand legt. Zum einen erzählt Sapolsky von seinen Untersuchungen zum Thema Stress. Paviane gleichen uns Menschen physiologisch, psychologisch und sogar in ihrem Sozialleben. Für ihre Mahlzeiten müssen sie nur drei Stunden am Tag arbeiten.Den Rest der Zeit verbringen sie damit, durch eine Vielzahl gezielter Feindseligkeiten bzw. notwendiger Allianzen sich das Leben schwer zu machen. Das entspricht im Wesentlichen auch dem menschlichen Verhalten. Und genau so wie wir leiden Paviane vor allem unter Krankheiten, die von diesem Psychostress herrühren, und nicht so sehr durch eine karge natürliche Umwelt.

Im Laufe der Geschichte werden einem die einzelnen Pavian-Charaktere immer vertrauter, zeigen sich als unverkennbare Individuen und lassen ihre persönlichen Strategien für die Bewältigung des Alltags erkennen. Zum anderen berichtet Sapolsky vom Leben in Afrika, seinen Begegnungen mit Wildhütern, britischen Reiseleitern, den Ritualen der verschiedenen Stammesgesellschaften und nicht zuletzt auch von anderen Feldforschern wie Jane Goodall. Was dieses Buch zu so einem besonderen Leseereignis macht, ist die völlige Unangestrengtheit, mit der die einzelnen Episoden zusammenwachsen und man in den Geschichten sich selbst und die Conditio humana wie in einem Spiegel zu erkennen beginnt. Vom Lesen des Buches in der U-Bahn ist allerdings abzuraten, da man immer wieder vom unwiderstehlichen Drang gepackt wird, wildfremden Sitznachbarn die eine oder andere Passage daraus vorzulesen.Seit einigen Jahren berichten im Herbst viele Zeitungen über reichlich obskure Todesfälle. Schuld daran ist eine Homepage, auf der die Molekularbiologin Wendy Northcutt eine Liste mit unglücklichen Begebenheiten, die zum Tod eines Menschen geführt haben, veröffentlicht und die bizarrsten davon auszeichnet. Normalerweise würde man einer solchen Person fragwürdige psychische Qualitäten attestieren, doch die Autorin hat ihre Idee auf ein pseudowissenschaftliches Fundament gestellt, das die Unterhaltungsbedürfnisse einer zynischurbanen Gesellschaft bedient: Die von ihr so genannten Darwin Awards werden jedes Jahr an jene Kandidaten vergeben, "die auf die skurrilsten Arten zu Tode kommen". Charles Darwin und die von ihm aufgestellte Evolutionstheorie sollen für die Rechtfertigung des Projektes herhalten: "Die Gewinner schaffen es, sich auf derart blödsinnige Weise aus dem Genpool zu eliminieren, dass dadurch das langfristige Überleben unserer Art gesichert wird (Schließlich enthält der Genpool ja nun einen Idioten weniger!)." Das ist natürlich alles wahnsinnig witzig, wenn zum Beispiel ein Neunjähriger mit seinem Vater wegen einer verschwundenen Schokotorte in Streit gerät und in der Hitze der Auseinandersetzung "Ich hasse dich, ich könnte dich umbringen!" ruft. Der Vater will provozieren, holt ein Küchenmesser und sagt: "Dann tus doch." Was der Junge in falschem Vertrauen auf die elterliche Autorität auch befolgt. Sehr lustig! Dabei zeigt gerade dieses Beispiel, dass die letztlich faschistoide Begründung, es ginge ja "nur" um genetische Reinigung der menschlichen Art, völlig ins Leere geht: Dieser "Kandidat" hatte sich ja offensichtlich bereits fortgepflanzt. Möglicherweise tendiert man angesichts solchen Zynismus' dazu, diese Geschichten in das Reich urbaner Legenden zu rücken. Doch die Autorin verweist ausdrücklich auf die Richtigkeit und Authentizität der Beiträge und nennt jeweils die Originalquelle. Das gibt einem dann doch wieder Hoffnung, dass nicht alle der berichteten Unglücksfälle tatsächlich so und überhaupt stattgefunden haben. Denn meistens besteht die besagte Überprüfung darin, dass die Geschichte in irgendeinem obskuren Blättchen wie den San José Mercury News gesichtet worden ist. Die Bild Zeitung betitelte die Rezension des Buchs mit einem scheinheiligen "Nicht lachen!". Besser sollte man schreiben "Nicht kaufen!"Der Untertitel "Was Tiere wirklich denken" lässt Schlimmes befürchten: wieder ein Buch über weinende Affen, rechnende Pferde und trauernde Elefantenmütter? Weit gefehlt, denn der US-amerikanische Neuropsychologe Marc Hauser führt in "Wilde Intelligenz" kompetent und auf hohem Niveau in die vergleichende Intelligenzforschung ein. Schritt für Schritt lotet er die kognitiven Rahmenbedingungen verschiedener Lebewesen aus. Wie verhalten sich Tiere, wenn man die ihnen gezeigten Gegenstände hinter einem Schirm versteckt? Das Prinzip der so genannten Objektpermanenz, der Kontinuität von Dingen, begreifen nicht alle Arten. Hunde finden die Gegenstände ohne Probleme wieder, während Katzen dem Verschwinden ratlos gegenüber stehen. Können Tiere rechnen? Manche Lebewesen, wie zum Beispiel die sonst nicht besonders vifen Löwen, verfügen über erstaunliche numerische Fertigkeiten: Da Begegnungen mit anderen Rudeln für diese Raubkatzen von existenzieller Bedeutung sind, müssen die Tiere imstande sein, die Anzahl ihrer Konkurrenten aus dem Chor ihrer Lautäußerungen herauszuhören. Wie viele Löwen nun genau in der Ferne brüllen, ist eine gar nicht so leichte Rechenaufgabe. Denn vielleicht brüllt eines der Individuen mehrmals und andere nur vereinzelt. Vögel sind da viel leichter auszutricksen. Begeben sich zwei Leute vor einer sie beobachtenden Taube gemeinsam hinter einen Sichtschutz und kommt nur einer davon wieder zum Vorschein, dann lässt der Anblick des Abziehenden den Vogel annehmen, die Luft sei wieder rein. Warum? Weil die meisten Vögel nicht in der Lage sind, die Subtraktion 2 – 1 =1 durchzuführen. Hauser zeigt uns, wie man mit zahlreichen gefinkelten Tests eine objektivierte Vorstellung von den Möglichkeiten der Wahrnehmung und des Erkennens einzelner Organismen entwickeln kann. Doch manchmal wird das Informationskonzentrat mit seinen zahlreichen und detaillierten Berichten über Versuchsanordnungen zum dicken Wissensbrei, den man nur mehr in kleinen Häppchen verdauen kann. Allein die Literaturnachweise füllen vierzig Seiten, was sonst eher in der Gewichtsklasse universitärer Lehrbücher üblich ist. Dennoch bietet das Buch einen überaus interessanten und verständlichen Abriss zum aktuellen Stand der neuropsychologischen Tierforschung.

Peter Iwaniewicz in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 27)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Wilde Intelligenz (Marc D. Hauser, Susanne Kuhlmann-Krieg)
Die Darwin Awards für die skurrilsten Arten zu Tode zu kommen (Wendy Northcutt, Almuth Dittmar-Kolb)

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