Der Krieg und die Liebe

von Atiq Rahimi, Susanne Baghestani

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Verlag: Claassen
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 12/2003

Die in Frankreich lebenden Exilautoren Yasmina Khadra und Atiq Rahimi erzählen ganz unterschiedlich vom harten Leben in Kabul.

Die afghanische Erde ist nur mehr Schlachtfeld, Arena und Friedhof. Die Gebete zerstäuben im Knattern der Maschinengewehre, die Wölfe heulen Abend für Abend den Tod an, und der Wind, wenn er sich erhebt, überantwortet das Lamento der Bettler dem Krächzen der Raben. Alles scheint durch einen namenlosen Fluch versengt, versteinert, zermalmt. Dann, ohne Vorwarnung am Fuß der Berge, die der glutheiße Wind gnadenlos kahl rasiert hat, taucht plötzlich Kabul auf oder das, was davon noch übrig ist: eine Stadt im Zustand fortgeschrittener Verwesung."

Der Roman "Die Schwalben von Kabul" dokumentiert anhand zweier ineinander verwobener Liebesgeschichten die Zerstörung der afghanischen Hauptstadt und ihrer Kultur. Hinter seiner vorgeblichen Autorin, Yasmina Khadra, die so drastische Worte für das Chaos findet, verbirgt sich der algerische Autor Mohammed Moulessehoul, der schon während seiner Tätigkeit als ranghoher Offizier der algerischen Armee Romane schrieb, bis ihn die Zensur zwang, unter falschem Namen zu veröffentlichen. Er wählte die beiden Vornamen seiner Frau und verfasste seine Bücher fortan in französischer Sprache, was ihm noch mehr Anfeindungen einbrachte und ihn 2001 mit seiner Familie zur Flucht nach Frankreich zwang.

Auf eine Krimitrilogie lässt Khadra, der sein Pseudonym im Exil lüftete, nun einen höchst poetischen und dennoch brutal realistischen Text über die Armut und Hoffnungslosigkeit in Kabul folgen, der die Gewalt, die die Taliban gegenüber den Bewohnern und die Männer gegenüber ihren Frauen ausüben, am Beispiel zweier denkbar verschiedener Paare illustriert.

Da ist der Träumer Mohsen und seine ebenso gescheite wie hübsche Gattin Zunaira, eine Ex-Juristin, die unter ihrer totalen Degradierung zum stummen und verhüllten Objekt leidet. Das Paar, das zur Oberschicht der Stadt gehörte, ist mittlerweile verarmt und verrennt sich in Streitereien, die tragisch enden, als Mohsen bei einem Handgemenge unglücklich stürzt und stirbt. Zunaira wird umgehend zum Tode verurteilt und bis zur Vollstreckung in ein Frauengefängnis überstellt.Dort trifft sie auf den trübseligen Wärter Atiq, dessen Frau im Sterben liegt. Dem Brauch zufolge könnte er sie verstoßen, doch fühlt er sich ihr verpflichtet, da sie ihn einst als Kranken aufgenommen und gepflegt hatte. Als Zunaira jedoch in der Zelle selbstbewusst ihren Schleier lüftet, brennen beim zwanzig Jahre älteren Atiq alle Sicherungen durch. Ewig schon hat er keine unverhüllte Frau mehr gesehen - und noch dazu eine so wunderschöne. Wie kann er die zum Tode Verurteilte retten?

Khadra beherrscht sein Handwerk: Über die beiden Paare gewährt er seinen Lesern Einblick sowohl in das modernere Afghanistan als auch in das Leben jener Menschen, die alten Traditionen verpflichtet sind. Und er beschreibt, wie der Krieg gegen die Russen, vor allem aber die Herrschaft der Taliban und die Folgen des 11. September alle Bewohner Kabuls gleich (arm) gemacht haben. Der Hunger begleitet die Bevölkerung ebenso verlässlich wie die Soldaten an der Ecke, die sie in die Moscheen prügeln. Trauriger Höhepunkt des Tages sind die öffentlichen Hinrichtungen, bei denen sich auch manch gemäßigter Afghane wie Mohsen in die Trance des Steinigenden steigert.

Ob Yasmina Khadra jemals länger in Kabul lebte oder über Beziehungen dorthin verfügt, verrät der Klappentext leider nicht. Ganz bestimmt aus erster Hand über die Zustände Bescheid weiß hingegen Atiq Rahimi. Nachdem er 22 Jahre in Kabul verbracht hatte, flüchtete der Sohn eines hohen Beamten 1984 zunächst nach Pakistan, ehe er in Frankreich Asyl erhielt. Rahimi definiert sich selbst nicht als politischen, sondern als "kulturellen" Flüchtling und würde später gerne wieder in seine Heimat zurückkehren. Momentan engagiert sich der Autor und Filmemacher für den Bau eines Literaturhauses in Afghanistans Hauptstadt.

Sein Roman "Der Krieg und die Liebe" verrät allerdings nur wenig über das Leben in Kabul. Er besteht über weite Strecken aus dem poetischen Bewusstseinsstrom eines jungen Mannes, der - etwa zur Zeit von Rahimis Flucht - die Ausgangssperre in Kabul missachtet und von Soldaten halb tot geprügelt wird. Während eine Witwe ihn aufopfernd pflegt, schießen dem Studenten allerlei Gedanken an die vom Machovater verlassene arme Mutter, die strengen Predigten des Großvaters und seinen eigenen (imaginierten) Tod durch den Kopf.

Diese Methode wird einigermaßen ungelenk bis zur Erschöpfung durchgespielt, sodass die beiden großen Worte im Titel viel zu kurz kommen. Der Krieg bleibt blass, und die vom Verlag versprochene Liebesgeschichte will sich nicht so recht entfalten. Am packendsten ist noch die Beschreibung der Flucht nach Pakistan: In einem Teppich versteckt passiert der Protagonist die Grenze zu jenem Land, in das sich auch sein Vater abgesetzt hat - den er aber um keinen Preis kontaktieren möchte. Auch die gelungene Beschreibung der totalen Verwirrung des ersten Haschischrauschs zeigt, wozu Rahimi fähig wäre, wenn er den zwei Drittel des Romans dominierenden Anspruch, ein bedeutender Autor sein zu wollen, fallen gelassen und dafür mehr von seiner Heimat erzählt hätte.

Sebastian Fasthuber in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 7)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Schwalben von Kabul (Yasmina Khadra, Regina Keil-Sagawe)

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