Der Tag des Geldes
Ein Schelmenroman

von Alexej Slapovsky, Hannelore Umbreit

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Claassen
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Alexej Slapovskys "Der Tag des Geldes" verhandelt Konstanten russischen Seelenlebens, russifiziert Nestroy und erinnert an Gogol.

Ob Alexej Slapovsky, Jahrgang 1957, aufgewachsen in Saratow, Johann Nestroy kennt, weiß ich nicht. Sein jüngster Roman liest sich jedenfalls wie eine Paraphrase auf den "Lumpazivagabundus": Ein liederliches Kleeblatt kommt unverhofft zu Reichtum, der ihm aber kein Glück bringt. Zum Schluss siegt die Einsicht, dass das Geld mehr verspricht, als es hält. Weil das ein russisches Buch ist, sieht man den Schuster Knieriem gleich dreifach – alle drei Kumpane sind tüchtige Trinker: der eine mehr oder weniger hauptberuflich; der zweite, im Sold des Gouverneurs stehend, nebenbei; der dritte, ein verkrachter Dichter, quartalsmäßig und aus innerer Notwendigkeit, verdient er sein Brot doch mit der Herstellung seichtester Unterhaltung.
Nicht ein Los macht die drei reich, sondern ein Fund: Die ungeheure Summe gehört natürlich einem Mafioso, der am Ende leibhaftig auftaucht. Bis dahin philosophieren die Freunde darüber, was mit dem Geld am vernünftigsten anzufangen sei, wobei sie sehr bald einsehen, dass ihnen selbst damit nicht geholfen wäre. Aber es erstaunt sie doch, dass jene Kandidaten, die sie nach reiflicher Prüfung als Empfänger ausersehen haben, den schnöden Mammon ihrerseits verschmähen.
Alexej Slapovsky hat ein satirisches Märchen über ein altes Thema der Literatur geschrieben, das im neuen Russland zu konkurrenzloser Wichtigkeit gelangt ist. Seht her, sagt der Autor, so wichtig ist es gar nicht! Dabei dreht und wendet er alle russischen Klischees, vom Wodka bis zum saftigen Sentiment, bis einem der Kopf brummt. Im Brennspiegel des "Schelmenromans" wird die Stadt Saratow zum Exempel. Der ungenierte Blick in die Abgründe einer katastrophal verarmten Gesellschaft, das halb liebevoll, halb bösartig gemalte Panorama, der selbstverständliche Umgang mit dem Skurrilen: Da schaut Väterchen Gogol dem Autor über die Schulter.
Verdächtig sind nicht nur die Dummen und Gierigen, sondern auch die kritischen Geister – wie etwa Parfjon, der Pressemann des Gouverneurs: "Zwar hatte Parfjon eine nihilistische Einstellung zur Macht, meinte aber, der beste Weg, sie zu diskreditieren, sei von innen heraus, indem man mit allem, was man tat, das Antlitz dieser Macht zu einer absurden Grimasse verzerrte; das mochte vielleicht keine spürbaren gesellschaftspolitischen Ergebnisse zeitigen, verschaffte einem aber jene tiefe moralische Befriedigung, ohne die ein russischer Intelligenzler nicht leben kann."

Es gibt also, lehrt Slapovsky, durchaus Konstanten im russischen Seelenleben, die jeden Systemwechsel überdauern. Die Wechselfälle der Handlung (das Geld geht des Öfteren verloren und taucht wieder auf), die alkoholischen Überlegungen zur Lebensphilosophie sowie die Fallstudien postsowjetisch-gescheiterter Existenzen mögen die Geduld weniger gut gelaunter Leser auf die Probe stellen. Auch ist ein Autor, der sich väterlich ins Geschick seiner Figuren mengt und den Handlungsverlauf kommentiert, nicht nach jedermanns Geschmack. Dafür kann Slapovsky, den man in Russland in erster Linie als Dramatiker kennt, herzhafte Dialoge schreiben, gespickt mit gepfefferten Flüchen.
Ach ja, die Flüche: Die ranken sich im slawischen Sprachraum bekanntlich vor allem um die Mutter und ihr zugemutete sexuelle Verrichtungen. Übersetzt man die Kraftausdrücke wörtlich, dann schaut es komisch aus, wenn man die ganz schlimmen Wörter aus Angst vor der eigenen Courage nicht ausschreibt und den Rest mit Punkten andeutet. Oder ist hier gar nicht die – sonst überzeugende – Übersetzung schuld, sondern das Original? Uns Nichtrussen verwirrt ja schon die Schreibweise der Namen: Hier hält sie sich im ganzen Buch ziemlich konsequent an die Duden-Regeln, aber ausgerechnet der Autor heißt nicht "Slapowski", sondern, anglisiert, "Slapovsky". Vielleicht bastelt er ja schon an seiner Broadway-Karriere.

Daniela Strigl in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 18)


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