Verlorene Worte

von Oya Baydar, Monika Demirel

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Claassen
Erscheinungsdatum: 01.08.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Ich hatte Angst, unter Folter zu sterben

Oya Baydar begann früh zu schreiben, um sich dann für mehr als 30 Jahre ausschließlich der Soziologie und der Politik zu widmen, insbesondere der Geschichte der türkischen Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften.
Ihr neuer Roman "Verlorene Worte" – der erste überhaupt, der in deutscher Übersetzung erscheint – verteilt die ganze Spannweite ihrer Biografie auf verschiedene Figuren. Der Schriftsteller Ömer, einst sozial engagiert und immer noch berühmt, jetzt aber alt und müde geworden im Erfolg, reist ins östliche Anatolien, um bei den Kurden neue Kreativität und politische Bodenhaftung zu finden. Auf dem Busbahnhof in Ankara wird er Zeuge eines Attentats, bei dem eine schwangere Frau verletzt wird und ihr Kind verliert. Spontan beschließt er, ihr und ihrem Freund zu helfen, die auf der Flucht sind: er vor der PKK, weil er aus den Bergen desertierte; sie, weil sie Opfer eines Ehrenmordes zu werden drohte.
Während Emer in die Geschichte des jungen Paares eintaucht, reist seine Ehefrau, die Wissenschaftlerin Elif, zu einem Kongress nach Dänemark und besucht den gemeinsamen Sohn. Der hat sich auf eine norwegische Insel zurückgezogen, weil er die Gewalt, die er als Kriegsfotograf im Irak erlebte, nicht ertragen konnte. Sie hat kein Verständnis für seinen Rückzug, den sie als Feigheit auslegt: Als "Lebensdeserteur" bezeichnet sie den Sohn. Doch einfache Antworten und Meinungen erweisen sich als wenig haltbar: Alle müssen ihre Position verändern, um sich nicht ganz zu verlieren.
"Verlorene Worte" zeichnet das Bild eines Landes, das zerrissen ist zwischen West und Ost, politischem Fundamentalismus und künstlerischer Freiheit, Resignation und revolutionärem Getöse. Es ist ein Ehe- und Liebesroman, in dem die beiden Hauptfiguren sich kein einziges Mal begegnen und nur per Handy und SMS notdürftig miteinander kommunizieren. Es ist auch ein Roman über Istanbul, wobei die Stadt aber nur den Schnitt- und Ausgangspunkt der Reisen der Protagonisten darstellt.

Falter: Sie waren gerade einmal 18 Jahre alt, als Ihr erster Roman publiziert wurde – als Vorabdruck in der Tageszeitung "Hürriyet". Dafür wurden Sie fast von der Schule verwiesen. Warum?
Oya Baydar: Ich besuchte ein französisches, katholisches Lyzeum in Istanbul. Für die Nonnen war das unglaublich, dass ein 17-jähriges Mädchen einen Liebesroman schreibt. Damals, Ende der 50er-Jahre, ist in der Türkei "Bonjour tristesse" von Françoise Sagan erschienen. Hürriyet hat da wohl Parallelen gesehen und mich in dieser Sagan-Welle groß rausgebracht.
Nach zwei weiteren Romanen haben Sie dann aber mit dem Schreiben aufgehört, um sich politisch zu betätigen. Hatten Sie das Gefühl, Literatur ist das falsche Mittel, um gesellschaftlich etwas zu bewegen?
Baydar: Ich habe die Literatur immer geliebt, aber ich habe meine ganze Kraft für die politische Bewegung gebraucht. Ich studierte Soziologie und war Sozialistin. Da gab es keinen Platz mehr für etwas anderes. Wer jung war und Ideale hatte, landete in der Linken – das war für die 68er-Generation der Türkei nicht anders als in westeuropäischen Ländern. Damals dachte ich, dass die Literatur vielleicht kein falsches, aber ein unzureichendes Mittel sei, um etwas in der Gesellschaft zu bewegen.
Nach dem Militärputsch von 1971 wurden Sie verhaftet und von der Universität verwiesen. Sie arbeiteten dann aber weiter als Journalistin. Nach dem Putsch von 1980 gingen Sie ins Exil. Was war nun anders geworden?
Baydar: Nach den Erfahrungen von 1971 hatte ich mir geschworen, dass ich mich nie mehr einsperren lassen würde. 1980 wurde ich schon während des Putsches und unmittelbar danach mit Fahndungsplakaten gesucht. Ich gehörte zur illegalen kommunistischen Partei, und es drohte eine sehr hohe Haftstrafe. Ich hatte Angst, unter Folter zu sterben, wenn sie mich kriegen. Der Putsch von 1980 war wesentlich härter und faschistoider als der davor.
Es ist bestimmt nicht einfach, als politische Aktivistin im Exil leben zu müs­sen, abgeschnitten von allen Wirkungsmöglichkeiten.
Baydar: Das Exil hat etwas Zerstörerisches. Man ist nicht mehr da, wo man eigentlich sein will. Man kann an dem Kampf, den man ausfechten will, nicht mehr Anteil nehmen. Aber ich und meine Familie – ich lebte mit Ehemann und Kind in Deutschland – wir haben die Leiden des Exils nicht so stark erlebt. Wir haben gearbeitet, ich als Beraterin für Türken, mein Mann als Taxifahrer. Früher war er Chefredakteur der Tageszeitung Politika. Wir hatten viele Freunde.
Ich war immer an Politik interessiert, unternahm Reisen, auch nach Moskau. Das Ende dieser Zeit kam abrupt mit der Implosion des Sozialismus und dem Zusammenbruch der Mauer. Ohne diesen Epochenbruch hätte ich den Weg zur Literatur vielleicht nie wieder gefunden. Das Exilleben hat mir viele Gefühle und Ansichten vermittelt, die ich später literarisch umsetzen konnte. So gesehen war die Exilzeit für mich sogar ein Gewinn.
Ist Ihre Sensibilität für ethnische Probleme auch eine Folge der Exilerfahrung?
Baydar: Es gibt eine Szene in dem Roman, wo Elif an einem Kongress in Dänemark teilnimmt. Die anderen Tagungsteilnehmer sind erstaunt darüber, dass jemand aus der Türkei eine so gute Wissenschaftlerin sein kann.
Mich hat immer geärgert, wenn man mir sagte, wie gut ich Deutsch spreche. Ich wusste, dass das nicht stimmt und kam mir vor wie ein Affe, der im Zirkus Klavier spielt. Ich wurde gelobt dafür, dass ich etwas ganz Normales machte – und das auch noch schlecht. Daran merkt man, dass man Ausländer ist. Aber: Wenn wir Türken aus dem westlichen Teil des Landes in den Südosten kommen, dann nehmen wir dieselben Verhaltensweisen an. Wir glauben, dort etwas ganz Schlimmes vorzufinden und sind gegenüber den Kurden ebenso herablassend.
Ein anderes Beispiel: In meiner Schulklasse im Lyzeum gab es Armenierinnen, Griechinnen und so fort. Neulich, bei einem Klassentreffen, hat eine von uns gesagt: "Was ist bloß aus der Türkei geworden! Früher wussten wir gar nicht, zu welcher ethnischen Gruppe jemand gehört, wer Armenier und wer Grieche ist." Darauf hat eine armenische Freundin erwidert: "Ihr Türken wusstet das nicht. Wir schon." Da habe ich mich schuldig gefühlt.
Wie ist der Roman in der Türkei aufgenommen worden? Sie haben ja viel Sympathie für die Kurden in ihrem Kampf für kulturelle Selbstbestimmung, aber auch eine große Distanz zu den Rekrutierungsmethoden der PKK und einer Moral, die Ehrenmorde legitimiert.
Baydar: Das Buch wurde sehr gut aufgenommen und hat sich gut verkauft. Es hat viele Leser auch in Anatolien und auf dem Land gefunden. Vom Staat gab es keine Reaktion. Wahrscheinlich wollten die nicht wieder ähnliche Probleme schaffen wie mit Orhan Pamuk und Elif Shafak.
Ein Teil der Kurden hat das Buch sehr gerne gelesen. Der PKK-Flügel hat sich allerdings vorsichtig distanziert und gesagt, man solle es lieber nicht beachten. Für mein voriges Buch ("Das Judasbaumtor") habe ich deutlich heftigere Reaktionen erfahren. Da drohte eine linke Fraktion damit, mir eine Kugel ins Knie zu schießen, wenn ich so weitermache.
Beeindruckt Sie das?
Baydar: Nein. Ich habe keine Angst. Sicher gibt es in der Türkei immer wieder Gewalt, und es wurden ja auch schon Intellektuelle ermordet. Man kann auch juristische Probleme kriegen, verfolgt und bestraft werden. Früher was das schlimmer. Fast alle linken Schriftsteller meiner Generation kennen solche Schwierigkeiten. Sie waren im Gefängnis, ich selber auch.
Heute geht es uns viel besser. Der EU-Beitrittsprozess hat im Bereich Meinungs- und Redefreiheit zu bedeutenden Verbesserungen geführt. Den berüchtigten Paragraf 301 (Beleidigung des Türkentums, Red.) gibt es zwar noch immer. Er wird aber nicht mehr so stark und so oft angewendet.
Man sollte diese Bedrohung nicht übertreiben. Ein Schriftsteller darf sich in seinem Schreiben nicht unter Druck setzen lassen. Das ist schriftstellerische Ethik: Wenn man nicht das zu schreiben wagt, was man schreiben will, soll man es besser lassen. Man wäre dann kein Schriftsteller mehr.
Und wie mutig sind die türkischen Verleger nun wirklich?
Baydar: Es gibt Verlagshäuser, die das Risiko nicht scheuen und die eine gewisse Achtung gegenüber ihren Autorinnen und Autoren haben und aufrecht deren Meinungen unterstützen. Mein Verlag hat nie Druck auf mich ausgeübt, dass ich auf bestimmte Meinungen verzichten solle.
Die guten Verlage haben vor allem das Problem, dass die Literatur sich versachlicht hat und zu einer Ware auf dem Markt geworden ist. In der heutigen Türkei will jeder Romane schreiben, weil die sich gut verkaufen. Letztes Jahr sind über 600 Romane von türkischen Autoren veröffentlicht worden. Davon stammten 60 von alteingesessenen Autoren, alle anderen sind Erstlingsromane.

Jörg Magenau in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 13)


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