Drei Sekunden Himmel
Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig

von Sigitas Parulskis, Claudia Sinnig

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Claassen
Erscheinungsdatum: 01.02.2009


Rezension aus FALTER 33/2009

Der Mensch ist ein Tier, das selbst unter den widrigsten Umständen auf der Suche nach verfluchter Intimität ist", schreibt Sigitas Parulskis. Eine entwaffnende Intimität der Erzählstimme ist es auch, die den Leser von Anfang an in den Bann zieht. Das Nesteln der Fallschirmjäger an Schlaufen, Fangleinen, Hülsen wird mit Liebkosungen verglichen. Einerseits haben die zum Militärdienst in die DDR ­berufenen Truppen der Sowjetarmee sonst nichts zum Streicheln. Andererseits bedeuten die Fallschirme "mehr als eine Geliebte, denn wenn eine Geliebte dich verrät, kannst du weiterleben … Aber wenn der Fallschirm dich im Stich lässt, dann bleibt dir gar nichts mehr, nicht einmal die Möglichkeit, dich vollaufen zu lassen."
"Drei Sekunden Himmel" erzählt von einer Realität, die Historie wurde, bevor man Gelegenheit hatte, sich an sie zu erinnern. Der mittlerweile 40-jährige Ich-Erzähler, ein Litauer, wurde in den 80er-Jahren zum Wehrdienst in die DDR abkommandiert. Jetzt, viele Jahre später, sitzt Robertas am Meer und will sich entspannen. Abgesehen davon, dass ihm das Meer nichts sagt, holen ihn ebenso grauenvolle wie komische Erinnerungen ein; unter anderem auf Drängen eines sowjetophilen Amerikaners namens George, der den "Homo sovieticus" großzügig mit Hochprozentigem abfüllt und ihn, ausgerüstet mit einem Diktiergerät, zum Kuraufenthalt an die Küste schickt. George möchte wissen, "wie stark wir von der roten Pest verseucht waren". Robertas benutzt den "dummen Amerikaner" als Quelle für Geld und Träume. In diesen Rahmen stellt der Autor seine gelungenen Tableaux: vom Wehrdienst­alltag über die "Singende Revolution" der baltischen Staaten 1989 bis zum Sturm russischer Panzer auf das litauische Fernsehzentrum 1991.
Der Tiefgang des stellenweise hochkomischen Romans zeigt sich in immer wieder wie zufällig daherkommenden Sätzen: "Steh auf, du Land, du riesiges, zum mörderischen Kampf brüllen wir wie Tiere, weil die Schakale noch immer meinen, es sei nicht laut genug … Wenn dieses Land, das riesige unser Brüllen nur hören könnte, es würde sich tatsächlich erheben und das Weite suchen."
Und hat es das nicht in gewisser Weise auch getan?

Andrea Grill in FALTER 33/2009 vom 14.08.2009 (S. 15)


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