Serpentinen
Roman

von Bov Bjerg

€ 22,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Claassen
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 272 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.01.2020


Rezension aus FALTER 11/2020

Die Schwärze der Schwäbischen Alb

Bov Bjergs düsterer Familienroman „Serpentinen“ ist erstaunlich witzig, zugleich aber etwas eindimensional geraten



Ein Vater und sein Sohn auf möglicherweise heilsamer Urlaubs- und Familienfahrt, die Serpentinen hoch auf die Schwäbische Alb, wo der Vater herkommt und wo das Unglück zu Hause ist. Ein männlicher Vorfahr nach dem anderen hat sich dort oben in jungen Jahren das Leben genommen, allesamt waren diese Väter gewalttätige, depressive Alkoholiker. „It runs in the family“, und der Vater des Kindes, der inzwischen älter ist als sein Nazivater bei dessen Suizid, fürchtet sich zunehmend vor sich selbst. Aus dem Familienelend hat er sich ein ganzes Stück herausgearbeitet, er wohnt jetzt in Berlin, ist Professor für Soziologie und mit einer Juristin verheiratet. Aber der Herkunftsfluch rumort weiter in ihm, ohne stete Zufuhr von Dosenbier geht bei ihm gar nichts, und der „schwarze Gott“ der Depression hat den Vater fest im Griff. Was wird passieren in dieser Urlaubswoche? Wird der Vater noch weiter im Unglück versinken oder vielleicht doch, um im Serpentinenbild zu bleiben, die Kurve kriegen?



So weit, so finster. Viel toxische Männlichkeit, Nazis, Suff und Weltverdruss. Aber der Schriftsteller mit dem Künstlernamen Bov Bjerg, Autor des viel gelobten Romans „Auerhaus“, ist im Haupt- oder Nebenberuf Kabarettist oder jedenfalls öffentlicher Vorleser. Man merkt das dem neuen Roman an, der mit der nahezu vollständigen Schwärze des Sujets ein erstaunliches Quantum an Witz und Schärfe in Einklang bringt, so als hätten sich seine Sätze zuerst vor einem Live-Publikum zu bewähren gehabt. „Gas geben war ein Scheißausdruck“, fällt dem Vater einmal ein, als er durch die Landschaft fährt, und so knapp und geradeaus ist vieles hier formuliert.



„Serpentinen“ ist ein Buch der scharfen, komischen Beobachtungen, die im Kontrast stehen zu dem intergenerationellen Dumpf- und Stumpfsinn der beschriebenen Verhältnisse. In denen wurde traditionell nur „Familienbla“ gesprochen, eine Umgangssprache, für die hier die Formel „(E+G)×V=F“ notiert wird.



Man findet in dem Roman immer wieder ganz herrliche Erinnerungssplitter aus der repressiven, ländlichen, katholischen Nachkriegswelt, in der das familiäre Syndrom üppig blühte. Aber Bjerg oder sein Held, obwohl der doch immerhin Sozialwissenschaftler ist, misstrauen den Allgemeinbegriffen. Weder ist die Soziologie zur Betrachtung der Herkunftsgesellschaft zugelassen, noch räumt der Vater einer in Zwischenkapiteln erscheinenden psychotherapeutischen Instanz, genannt „Die große Brille“, die Lizenz zur Analyse ein.



Irgendwie will sich der Vater am ­eigenen Schopf aus dem familiären Morast ­ziehen und ist für Ratschläge, auch von der eigenen Ehefrau, kaum empfänglich.



Das ist dann doch erstaunlich, und ein Indiz für Schwächen in der Konstruktion des Romans, der seine unübersehbaren Stärken in der Prägnanz seines Sprechens hat. So frisch die Sprache, so klischeebeladen die Perspektiven des Erzählers. So richtig mag man dem studierten, theoretisch unterrichteten Helden seine auch wieder dumpfe Sua­da über die Allgegenwart von Nazis, Faschisten, Umweltzerstörern & Co nicht abnehmen. Klar, wir sind ja im Schwabenland, da sind Zuffenhausen und Porsche nicht fern: „Porsche Cayenne. Ein Rennwagen als Panzer. Das allerdümmste Auto der Welt. Hier ausgedacht, hier zusammengebaut.“



So etwas liest man auf einer Lesebühne sicher nicht ohne Applaus vor, aber auf die Romanlänge wirkt die Schwarzmalerei des Vaters, sofern man sie nicht bloß als Anwesenheitsnotiz des „schwarzen Gottes“ begreift, ein wenig eindimensional. Die Familienanamnese von der Schwäbischen Alb, nun ausgefaltet auf die Pathologie des deutschen Mannes in toto – für diese kühne These kann die labile Psyche eines einzelnen deutschen Familienvaters nicht als einziger Zeuge aufgerufen werden. Was den Anfangsverdacht betrifft und die guten Gründe, die für ihn sprechen, sind wir dank Klaus Theweleits „Männerphanta­sien“ schon seit langem deutlich weiter.

Christoph Bartmann in FALTER 11/2020 vom 13.03.2020 (S. 22)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen