Meine Eltern / Alles nicht dein Eigen

«Hemon ist außergewöhnlich: Er ist nicht nur begabt, er ist zwingend.» The New York Times Book Review
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Kurzbeschreibung des Verlags:


«Aleksandar Hemon ist, ziemlich sicher, der Größte seiner Autoren-Generation.» Colum McCann

Hemons neuer Band sind eigentlich zwei in einem, zusammengebracht in einem Wendebuch: Die Geschichte von Hemons Eltern, ihrer Immigration von Sarajewo nach Kanada und ein Buch mit kurzen Erinnerungen an die Familiengeschichte des Autors, an Freunde und eine wilde, unbeschwerte Kindheit in seiner Heimatstadt.
Im Band über seine Eltern erzählt er nahbar, genau, zärtlich und poetisch von ihren Anstrengungen, von den stillen Versuchen seiner Mutter (Mama), die Familie zusammenzuhalten, von der fanatischen Imkerei seines Vaters (Tata) und bemisst beinahe beiläufig die Verluste, die die Hemons und ihre Landsleute erlitten haben. Hemon zeichnet das herzzerreißende Porträt eines untergegangenen Landes, das allzu oft Spielball war.«Alles nicht dein Eigen» ist die rauschhaftere, rauere und unkonventionellere Seite dieser Medaille: Vignetten über den jungen Hemon, seine Wildheit und Wut. Sie fügen Hemons Protagonisten Aleksandar eine bis dato unerwartete Facette hinzu – die des jungen, energiegeladenen (und eben oft wütenden) Sohnes, der nicht verstehen kann, was verdammt nochmal so schwer daran sein soll, irgendwo anzukommen.

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FALTER-Rezension

Glücklich, wer Geschirr zerschlägt

Aleksandar Hemon beschreibt in einem Doppelroman die Suche seiner Familie nach Heimat

In der Mitte des Buches treffen sich die beiden Enden. Nämlich jene der Romane „Meine Eltern“ und „Alles nicht dein Eigen“. Getrennt sind sie durch einige Familienfotos. Um den jeweils anderen Text zu lesen, muss man das Buch wenden.

Der 1964 in Sarajevo geborene und seit 1992 in Chicago lebende Schriftsteller Aleksandar Hemon legt ein neues Werk vor, das in Bruchstücke zerfällt. Nicht nur, weil es zwei Anfänge und zwei Enden hat. Auch jeder Roman für sich wirkt wie ein zerbrochenes Ganzes. Erst am Ende fügen sich die Einzelteile Stein um Stein ineinander. Damit wird „Meine Eltern/Alles nicht dein Eigen“ in seiner Form dem Inhalt gerecht. Es geht um Krieg und Vertreibung, Traumata und Hilflosigkeit und um die Suche nach Zugehörigkeit und Heimat.

Aleksandar ist der Sohn von Andja und Petar Hemon. Andjas Familie stammt aus Bosnien, Petars Vorfahren waren Ukrainer und kamen aus Galizien sowie der Bukowina. Um das Jahr 1912 verließen sie ihre Heimat und bauten sich in Bosnien, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte, eine neue Existenz auf. Die Eltern waren noch Kinder, als der Zweite Weltkrieg endete. Als sie sich kennenlernten, studierten sie beide in Belgrad. Danach lebten sie in Sarajevo. Das sozialistische Jugoslawien war nicht nur ihr Zuhause, sondern auch ein Projekt, an dem sie mitarbeiten wollten.

1991 brach der Krieg in Slowenien und Kroatien aus, 1992 auch in Bosnien-Herzegowina. Zu dieser Zeit befand sich Aleksandar Hemon gerade zu einem Studienaufenthalt in Chicago. Er sollte nicht mehr nachhause zurückkehren. Andja und Petar Hemon schafften es, mit dem letzten Zug Sarajevo zu verlassen. Danach schloss sich der Belagerungsring um die Stadt für mehr als 1400 Tage. Sie flüchteten nach Kanada, wo sie heute noch leben. „Meine Familie zieht einen Schweif von Heimaten hinter sich her, die für sie nur noch in Erinnerungen, Musik und Geschichten zugänglich sind. Unsere Geschichte ist die einer unstillbaren Sehnsucht nach Heimat, die wir nie haben konnten“, schreibt Hemon.

In diesem Rahmen bewegen sich die vielen Kapitel, aus denen sich „Meine Eltern“ zusammensetzt. Sie sind mit „Essen“, „Musik“ oder „Katastrophe“ betitelt und erzählen davon, wie die Hemons mit dem ständig drohenden Unglück umgehen – etwa, indem die Eltern täglich den Wetterbericht schauen, von dem sie regelrecht besessen sind. „Die Vorhersagen erlaubt es ihnen […], mit der Zukunft und der Katastrophe, die sie möglicherweise mit sich bringt, in handhabbaren Dosen umzugehen.“ Am Ende geht es immer um dieselben Fragen: Was kann man retten? Was kann man wiedererlangen, und wie kann man Neues finden, in einem Land, in dem man nur deshalb lebt, weil man aus der Heimat flüchten musste?

„Meine Eltern“ ist ein sehr persönlicher Text. Hemon bleibt ganz nah bei Mutter und Vater und gönnt sich wenig erzählerische Freiheiten. Erst am Ende beginnt er, sich von ihnen zu lösen, indem er von den Problemen ihrer Ehe erzählt und dadurch Distanz gewinnt. So richtig gelingt ihm das aber erst in „Alles nicht dein Eigen“. Anekdotisch und in kurzen Abrissen berichtet Hemon aus seiner Kindheit und Jugend. Vom vielleicht glücklichsten Tag seines Lebens, als er und seine Schwester wie im Rausch altes Geschirr zerschlugen; vom Verliebtsein, von der Musik und von Schlägereien.

Zwei Themen kehren ständig wieder: die Erinnerung und der Tod. „Wenn ich mich erinnere, ziehe ich jedes Mal die Schuhe aus, tauche meine Zehen in diese Finsternis, kalt wie im Frühling schmelzender Schnee, bis ich nichts mehr fühle.“ Oder: „Ich erinnere mich an die Geschichte über ein ekstatisches Stinktier, das an einer Feile leckte, hungrig und überzeugt, sie sei die Quelle des stetig fließenden Blutes.“

Hemon wechselt oft die Tonart. Er stürzt sich in tiefe Verzweiflung, erzählt dann wieder eine witzige Episode, dreht sich im Kreis, greift Geschichten auf, die er schon einmal erwähnt hat. So, als würde er an derselben Stelle noch einmal suchen. Vielleicht war ja diesmal etwas zu finden.

Mittlerweile schreibt Hemon seine Bücher auf Englisch. Wörter oder Redewendungen auf Bosnisch setzt er oft in Klammer. Doch immer geht das nicht, weil es für den anderssprachigen Leser zu langwierig werden würde. Also zitiert er Strophen aus „Sarajevo, ljubavi moja“ – „Geliebtes Sarajevo“, einem berühmten Lied des mittlerweile verstorbenen bosnischen Sängers und Liedermachers Kemal Monteno, auf Englisch (respektive, in der Übersetzung, auf Deutsch). Hemon und seine Klassenkollegen sangen es auf einem Ausflug.

„Ich sollte diese Verse wieder ins Bosnische bringen“, schreibt er. „Sie, als Leser, können sie dann nicht mehr verstehen, mir aber wären sie näher. Dies ist nicht Ihr Eigen“, paraphrasiert er den Titel seines Romans. „Und jenen, die das Lied auf Bosnisch verstehen, gehört es auch nicht, denn all dies trug sich vor zig Jahren zu, widerfuhr einer Reihe von Kindern, deren spätere Leben bis zum Bersten mit dramatischen Ereignissen angefüllt waren; einige wuchsen nur heran, um den Tod zu finden, manche zu früh, andere zu spät, niemand zu einem angemessenen Zeitpunkt.“

Hemon setzt ein Leben aus Erinnerungsfetzen zusammen, die, wie er meint, auch ganz andere sein könnten. Doch der Kern der Erzählung lässt sich ohnehin auf einen Satz reduzieren. Als Hemon fünf war, verließ er ohne zu fragen eine Familienfeier und ging in der Dunkelheit nachhause. „Der Versuch der Heimkehr ist mein lebenslanges Projekt“, schreibt er. Hier nützt es auch nichts, das Buch umzudrehen. Der Satz bleibt stehen.

Stefanie Panzenböck in Falter 42/2021 vom 22.10.2021 (S. 9)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783546100458
Ausgabe 1. Auflage
Erscheinungsdatum 30.08.2021
Umfang 416 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Claassen
Übersetzung Henning Ahrens
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