Die Grenzgängerin
Roman

von Katalin Horányi

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Ullstein
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

In ihrem Roman-Debüt erzählt Katalin Horányi von den Grenzen zwischen Ost und West am Beispiel einer gescheiterten Liebe.

Was ist in Jalta geschehen?" Um ihrem verstorbenen Vater, einem "Klassenfremden" und Regimegegner, Genüge zu tun, hatte es die neunzehnjährige Jurastudentin Camilla als Einzige gewagt, dem englischen Gastdozenten eine Frage zu stellen. An jenem sonnigen Herbstnachmittag Mitte der Sechzigerjahre war sie mit einer unbestimmten Jungmädchensehnsucht, wahrgenommen zu werden, in die Straßenbahn Richtung Universität gestiegen. Einen Tag später schon stolperte sie als Fremdenführerin durch ihre Heimatstadt Budapest hinter dem Besucher aus dem Westen her und mitten in ihre erste Liebesgeschichte.
"Die Grenzgängerin" ist der erste Roman der Ungarin Katalin Horányi, Jahrgang 1947. In einer kunstlosen, fast nackten Sprache und mit kühlem Blick kommt dieses Debüt daher, das von den Grenzen zwischen dem Osten und dem Westen und von der unüberbrückbaren Kluft zwischen zwei Menschen erzählt.
Während eines Wiedersehens in einem Budapester Hotel fünfzehn Jahre danach erinnert sich Camilla an diese erste Begegnung mit ihrem nunmehr geschiedenen Mann. Fast unfreiwillig hatte David sie damals über Italien in den Westen geschmuggelt – aus Liebe, schlechtem Gewissen, Abenteuerlust? Was die impulsive, aber unnahbare junge Ungarin mit dem disziplinierten Engländer erlebt, den sie auch in der Erinnerung an ihre ersten gemeinsamen Tage nur "den Mann" nennt, ist eine der bedrückendsten Liebesgeschichten der letzten Jahre, ein wortkarger Zweikampf zwischen zwei Menschen, die anscheinend selbst nicht wissen, was in ihnen vorgeht.

Jetzt, in dem Hotelzimmer, scheinen sie zum ersten Mal wirklich miteinander zu sprechen – über den Tod ihrer fünfjährigen Tochter, nach dem ihnen die Beziehung entglitt. Es ist die brennende Frage nach der Schuld, die Camilla das "Risiko der Rückerinnerung, der Geisterbeschwörung" eingehen lässt. Aber wie schon damals artet das Gespräch sofort in einen erbitterten Disput über Osten und Westen aus, in dem westliche Überheblichkeit und östlicher Trotz unversöhnlich aufeinander prallen:
"Ein Engländer hat gar keine Ahnung von Besetzung, politischer Gewalt (…), er kann das alles höchstens intellektuell erfassen, aber gefühlsmäßig nie", klagt Camilla David an. "Vergiss nicht, ich bin in Budapest geboren, in eine Familie, die dem Elend kaum oder nur um einen schrecklichen Preis entgangen war. Aber dann habe ich dich kennen gelernt, und langsam glaubte ich dir, dass die Welt sanft ist, durchschaubar, dass man sie kennen lernen kann, deine Welt mir sogar hilft, sich schützend neben mich stellt."
Geht Davids selbstverliebter Versuch, Camilla zur "mündigen Bürgerin", ja zur "Weltbürgerin" zu machen, durch deren "osteuropäische Krankheit" zuschanden, die keinen Unterschied zwischen Anpassung und Erdulden kennt und der Veränderung keine Chance gibt? Scheitert die Liebe der beiden also an der Unvereinbarkeit ihrer Welterfahrung oder schlicht an ihrer Unfähigkeit zu lieben? Dass diese Fragen nicht auseinander zu halten sind und letztlich auch nicht beantwortet werden, auch darin erweist sich der Rang der Literatur von Katalin Horányi.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 4)


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