Tristesse royale

von Joachim Bessing

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Ullstein
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 49/1999

Ja, wie geht es uns denn?

Junge Deutsche Literatur "Tristesse royale" und "Mesopotamia". Zwei Bücher wagen ein heldenhaftes Unterfangen: eine Bestandsaufnahme der popmodernen deutschen Befindlichkeit.

Um es mit einem Begriff aus der Popbranche zu bezeichnen: Sie befinden sich im Moment in heavy rotation in den bundesdeutschen Feuilletons, die Anthologie "Mesopotamia" und das popkulturelle Gesprächsquintett "Tristesse royale". Kein Blatt, das nicht ausführlich Stellung bezogen hätte zu diesen beiden Neuerscheinungen, die sich darum bemühen, einen Überblick über die Befindlichkeitslage der jüngeren deutschen Schriftstellergeneration zu geben.

"Ernste Geschichten am Ende des Jahrtausends" nennt Herausgeber Christian Kracht die von ihm in "Mesopotamia" zusammengetragenen Beiträge von siebzehn mehr oder weniger jungen deutschen Autoren, und um diese Ernsthaftigkeit noch zu unterstreichen, prangt ein programmatisch mahnendes Zitat von Pulp-Sänger Jarvis Cocker auf der Rückseite des prächtigen Sammelbandes: "Irony is over. Bye Bye". Und in der Tat gibt es in "Mesopotamia" nicht allzu viel zu lachen für den modernen Menschen. Gelähmt, überfordert zeigt sich dieser vom erstickenden Überfluss der Dinge, von der "Unendlichkeit alles Möglichen": "Sehe und kann mich für keine Sicht entscheiden", liest man etwa in "Zehntausend Jahre", dem beklemmenden Beitrag des Berliners Ingo Niermann. "Die Zeit: steht. Sekunden, Minuten: stapeln sich" sogar in Moritz von Uslars ansonsten nicht unnettem Kurzurlaub im winterlichen "Davos".

Eine durchgängig vorherrschende Grundstimmung von Verlorenheit und Orientierungslosigkeit drückt aufs Gemüt: "Ich bin ganz alleine da, ganz alleine mit mir" (Lorenz Schröter: "Bellersen"). Um diesem Gefühl der Einsamkeit zu entkommen, wird dann auf Teufel komm raus gereist, rastlos um den ganzen Globus gehetzt und natürlich auch durch eine Unzahl von Fernsehkanälen gezappt, in der Hoffnung auf "irgend eine komplexe Struktur, damit ich endlich einmal ankommen kann" (Nika Scheidemantel: "So").

"Es sind die besten jungen Schreiber Deutschlands", meinte Herausgeber Kracht selbstbewußt in der Zeit, und in der Tat sind in "Mesopotamia" einige beeindruckende Beiträge zu entdecken: Rebecca Casati und Moritz von Uslar etwa bestätigen die durch diverse Arbeiten im SZ-Magazin geweckten Hoffnungen, und auch Andreas Neumeister und Ingo Niermann sind in dieser Hinsicht positiv hervorzuheben.

Ursachenforschung für die in "Mesopotamia" geschilderte gedrückte Stimmungslage betreibt "Tristesse royale". Fünf "völlig junge und gesunde Menschen" mit Namen Joachim Bessing, Christian Kracht, Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg und Benjamin von Stuckrad-Barre (im Übrigen alle auch "Mesopotamia"-Autoren) haben sich auf Initiative des Erstgenannten für drei Tage im teuersten Hotel Berlins, im Adlon, zusammengefunden, um in zahlreichen Gesprächen den Problemen und Besonderheiten ihrer Generation auf den Grund zu gehen.

Die fünf "Herrenschreiber" (Iris Radisch in der Zeit) trinken also Champagner, rauchen Zigaretten und parlieren in einem Kaminzimmer "mit unverstelltem Blick auf das Brandenburger Tor" über Medien und Gesellschaft, Popmusik und Fußball, Geld und Ennui. Und das immer nah dran am konkreten Fall: 778 Begriffe umfasst das Register am Ende des Buches und enthält von Drei-Wetter-Taft über Oakley-Wraparound-Sunglasses bis hin zu Vincent Gallo alles, was für den medial überfütterten Menschen heutzutage eben so von Belang ist.

Was ist wichtig, was Schrott, was hält die Generation zusammen, was ist nur Blendwerk? Der literarische Freundeskreis müht sich redlich, ihn zu sichten, zu sortieren, den Berg von Bildern, Namen, Parolen und Aussagen, der sich in ihren Köpfen angesammelt hat - letztendlich aber resignieren die fünf Freunde auf der Suche nach dem verlorenen Sinn doch. Und wenn Willi Winkler in der Süddeutschen Zeitung frohlockt, dass "Tristesse royale" "mehr Debatte als ein ganzjähriges Zeit-Abonnement" enthalte und den Diskutanten attestiert, besser durchzublicken "als Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in der kritischsten Kulturkritik", so muss zumindest Letzteres bezweifelt werden. Innen drinnen, in ihrer Zauberkugel-Medienwelt, kennen sie sich wunderbar aus; einen Blick von außen auf diese zu werfen und sie vielleicht sogar infrage zu stellen, scheint ihnen jedoch nicht wichtig zu sein.

Literatur soll: das Leben, die Welt beschreiben, erklären, begreifbar machen. "Mesopotamia" und "Tristesse royale" geben Einblick in die Befindlichkeitslage der ersten Generation, die nicht nur mit einem Überfluss an Nahrungsmitteln, sondern auch mit einem unüberschaubar großen Informations- und Unterhaltungsangebot aufgewachsen ist. Überrascht, entwurzelt und überfordert von der medialen Sintflut, die über sie hereingebrochen ist, versucht hier eine junge Schriftstellergeneration, Klarheit zu bekommen über ihre Lebenssituation, Übersicht zu gewinnen über das verwirrende Vielzuviel von allem, das täglich auf sie einströmt.

Stefan Ender in FALTER 49/1999 vom 10.12.1999 (S. 63)


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