Der Islam braucht eine sexuelle Revolution

Eine Streitschrift
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Sexualität im Islam ist von Verboten, Ängsten und Gewalt geprägt. Die Folgen sind fatal, und das nicht nur für die Einzelnen, sondern für eine ganze Kultur. Seyran Ates, fordert eine sexuelle Revolution im Islam, denn eine freie Gesellschaft braucht eine freie Lebensgestaltung.
Musliminnen, die selbst entscheiden wollen, wen sie lieben, werden mit dem Tode bedroht. Muslime, die sich gegen eine arrangierte Ehe wehren, werden von ihren Familien verstoßen. Wer sich im Islam offen zu seiner Homosexualität bekennt, begibt sich in Lebensgefahr. Dennoch behauptet die islamische Welt, die bessere, die moralischere Religion zu haben. Einige religiöse Fanatiker bekämpfen den vermeintlich dekadenten Westen sogar mit Gewalt. Doch eine Gesellschaft, die freie Selbstbestimmung untersagt, ist in jeder Hinsicht rückschrittlich: In Bildung, Forschung und Wirtschaft sind muslimische Länder dem Westen deutlich unterlegen. Seyran Ates, plädiert für eine sexuelle Revolution im Islam. Genau wie die Frauen und Männer in westlichen Ländern, die in den 60er Jahren erfolgreich für ihre sexuelle Selbstbestimmung gekämpft haben, müssen sich auch die Musliminnen und Muslime ihre Rechte erstreiten. Nur so können Freiheit und Menschenwürde in der islamischen Welt wirklich gelebt werden.

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FALTER-Rezension

„Erdogan ist ein ehrlicher Mann“

Seyran Ateş ist eine der bekanntesten Frauenrechtlerinnen Deutschlands. Nun will sie Imamin werden

Sie fordert vom Westen mehr Ernsthaftigkeit im Umgang mit der Türkei, ein Unterrichtsfach „Multikulturelle Gesellschaft“ an europäischen Schulen und mehr Youtube-Auftritte liberaler Muslime. Ein Gespräch mit der deutschen Anwältin Seyran Ateş.

Falter: Frau Ateş, blicken wir zunächst auf die Türkei: Was soll der Westen angesichts der Verhaftungen von Oppositionellen und Journalisten in der Türkei tun?
Seyran Ateş: Zunächst müssen Politiker schärfere Worte finden, wenn der Rechtsstaat in der Türkei abgeschafft wird. Dann muss man die Frage des EU-Beitritts der Türkei ernsthaft angehen. Das bedeutet nicht, die Tür zuzuschlagen, sondern das Kapitel der Rechtsstaatlichkeit zu eröffnen. Und dann ist da noch die Frage des Flüchtlingspakts mit der Türkei. Europa muss selbst die Flüchtlingsfrage klären, denn es hat sie auch durch eigene geostrategische Interessen und die Rüstungsindustrie mitverursacht.

Ist das Gerede vom Ende der Demokratie in der Türkei gerechtfertigt?
Ateş: Demokratie hat dort noch nie stattgefunden. Man darf nicht vergessen, was Erdoğan einst gesagt hat: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind.“ Er hat nie an die Demokratie geglaubt, er ist ein Konservativer, der den Islam politisiert. Für ihn gibt es keine Trennung von Religion und Staat. Erdoğan ist ein ehrlicher und deutlicher Mann. Er spielt kein Spiel, er machte immer klar, wohin er die Türkei führen will.

Reden wir über Ihre Arbeit: Seit drei Jahrzehnten nun beschäftigen Sie sich mit dem Themenkomplex Islam, Einwanderung, Türken, Kopftuch – was hält Sie an diesem Thema?
Ateş: Ich bin Frauenrechtlerin, Anwältin und Autorin. Diese Themen ergeben sich durch das Profil meiner Mandantinnen. Als Anwältin arbeite ich an der Basis. In meine Praxis kommen Frauen mit konkreten Problemen. Und wenn mir nach Jahren jene, die es geschafft haben, sich aus Gewaltbeziehungen zu befreien, schreiben: „Vielen Dank, dass Sie mir geholfen haben“, dann weiß ich, das ich etwas verändern kann. Außerdem habe ich den Luxus, über die Einzelfälle hinaus arbeiten zu können, etwa indem ich mich für Zwangsheirat als eigenen Straftatbestand eingesetzt habe. Nach acht Jahren Kampf haben wir ihn nun auch im deutschen Strafgesetzbuch.

Was können wir aus der Zuwanderung von früher für die heutigen Migranten und Flüchtlinge lernen?
Ateş: Wir laufen Gefahr, dass Fehler aus der Vergangenheit wiederholt werden. Damit meine ich falsche Rücksichtnahme auf kulturelle Eigenheiten, etwa beim Thema Kinderehe. Hier hat Deutschland derzeit ein großes Problem, rechtlich eine Lösung zu finden.

Die Kinderehe ist eine spezielle Angelegenheit, die die allermeisten Flüchtlinge nicht betrifft. Welche Themen sind für einen breiteren Personenkreis relevant?
Ateş: Die Deutschkurse – es gibt nicht genügend, erzählen mir Lehrerinnen immer wieder. Und der Umgang mit Kindern. Da melden sich unterschiedliche Leute bei mir, denen auffällt, dass es in Flüchtlingsfamilien viel Gewalt gibt. Sie wollen wissen, wie man diesen Menschen vermitteln kann, dass das hier nicht geht – ohne sie damit gleich zu kränken.

Was sind Ihre Vorschläge, wie könnte man das bewerkstelligen?
Ateş: Die Deutschkurse sind der Schlüssel. Nicht nur wegen der Sprache selbst, sondern auch, weil dort die hiesige Lebensweise vermittelt wird. Die Lehrenden sollten dabei behutsam vorgehen, nicht arrogant rüffeln und die Flüchtlinge wie Hinterwäldler behandeln. Immerhin wurde auch in Europa die Gewalt nicht abgeschafft. Jede Familie sollte, ähnlich wie wenn ein Neugeborenes auf die Welt kommt, von interkulturell geschultem Personal zu Hause besucht werden. Dafür braucht es Ressourcen. Wer eine bessere Integration fordert, sollte sie auch finanzieren.

Viele Menschen, die mit Flüchtlingen zu tun haben, erzählen, es sei schwierig, weil ihnen manche aus religiösen Gründen nicht die Hand geben wollen. Wie soll man aus Ihrer Sicht damit umgehen?
Ateş: Wir müssen uns fragen, wie wir mit Globalisierung umgehen, auch in kultureller Hinsicht. Wollen wir eine Gepflogenheit akzeptieren, obwohl sie der Grundidee von Gleichberechtigung der Geschlechter widerspricht? Ich sage nein, ich akzeptiere das nicht. Ich werde keinem Mann meine Hand aufzwingen, der sie verweigert – aber ich werde jedem einen Vortrag halten. Diese Menschen müssen das hören und sich damit auseinandersetzen. Sie müssen wissen, dass wir das ächten. Das gilt genauso auch für Frauen, die die Hand verweigern.

Sie schrieben vor einigen Monaten in einem Artikel in der deutschen Wochenzeitung Die Zeit: „Wann verteidigt der Westen seine Freiheit endlich gegen die Feinde der Freiheit?“ Wie soll Ihrer Meinung nach diese Verteidigung aussehen, die Sie einfordern?
Ateş: Schauen Sie sich doch die Salafisten an: Diese Leute stehen nicht für individuelle Freiheiten, sie haben rigide Vorstellungen davon, wie Frauen und Männer zu leben haben. Es gibt Menschen, Migranten in der zweiten Generation, die in Europa leben und plötzlich sagen: Wir sollten die Scharia einführen. Das widerspricht unserem Freiheitsdenken.

Wie soll nun Verteidigung aussehen?
Ateş: Das kann man mithilfe von Integrationskursen tun, für die haben wir lange gekämpft. Ich wünsche mir außerdem ein Unterrichtsfach „Multikulturelle Gesellschaft“, das wäre ideal – und zwar für alle Schülerinnen und Schüler, aus zugewanderten wie alteingesessenen Familien.

Wie gehen Sie damit um, wenn Rassisten Ihre Argumente als Belege für ihre Sache zitieren?
Ateş: Es berührt mich nicht weiter. Ich habe nicht dieselben Ziele wie AfD oder Pegida, auch wenn die sich meiner Argumente bedienen.

Der Islam ist in Ihrem Leben sehr wichtig, Sie selbst sind gläubige Muslimin. Sie fordern eine liberale Moschee, wie soll die aussehen?
Ateş: Ich bin dabei, eine zu gründen. Wir wollen uns in einer gemeinnützigen GmbH oder einem Verein organisieren, dann Spenden sammeln, eine geeignete Liegenschaft kaufen und ein Gebäude errichten. Es gibt schon Architekten, die Interesse haben. Frauen und Männer werden in unserer Moschee im selben Raum beten, die Frauen werden nicht durch den Nebeneingang gehen, es wird eine Vorbeterin geben. In meinem nächsten Buch wird es darum gehen. Ich werde darin auch beschreiben, wie ich selbst Imamin werden will.

Wie wird man Imamin?
Ateş: Jeder Muslim kann Imam werden, denn im Islam gibt es keine Hierarchien des Klerus wie etwa in der katholischen Kirche. In der Türkei beispielsweise gibt es zwar das Amt für Religionsangelegenheiten, das Imame bestellt. Es ist jedoch nicht theologisch begründet. Theologisch betrachtet wird man zum Imam oder zur Imamin, indem zunächst eine Gruppe von Menschen zusammenkommt. Einer oder eine aus der Gruppe, der meint, er weiß in religiösen Belangen das meiste, tritt hervor. Wenn er von der Mehrheit anerkannt wird, ist er Imam. Bei mir wird das noch Jahre dauern, ich bin gerade dabei zu lernen – Arabisch, den Koran und die Hadith, also die Überlieferungen der Handlungen des Propheten. Ich wäre damit nicht die erste Imamin, es gibt bereis welche in den USA, in Deutschland und etwa in der Schweiz. Neu in unserem Fall wäre aber immerhin ein eigenes Moscheegebäude.

Sie schrieben, Sie wollen eine Moschee, in der „der Prophet Mohammed kritisierbar“ wäre. Was wäre an ihm zu kritisieren?
Ateş: Man darf auch einen kritischen Blick haben. Zweifel gehören zum Glauben. Die konkrete Kritik würde sich dann ergeben. Diese Gemeinde wird eine sehr offene sein. Wenn jemand kommt und sagt, das gefällt mir nicht am Propheten, dann werden wir ihn nicht hinausjagen.

Was gefällt Ihnen persönlich am Propheten nicht?
Ateş: Das kann ich auch nicht genau sagen, weil ich nicht weiß, wie er wirklich gelebt hat. Zentral für mich ist die Frauenfrage. Vieles im Verständnis des Islam ging von den Hadithen aus, die seine männlichen Gefolgsleute weitergegeben und verschriftlicht haben, ganz wie es ihnen gefiel. Der Islam ist ebenso patriarchal wie das Juden- und Christentum.

Der Historiker Dan Diner beschreibt die Schriftfeindlichkeit der islamischen Kultur als einen Grund für ihre verspätete Entwicklung. Im Osmanischen Reich gab es etwa kaum Buchdruck. Der Grund dafür ist, so Diner, die Angst vor der Verfälschung der heiligen Schriften durch maschinelle Vervielfältigung. Glauben Sie, dass die neuen, oft audiovisuellen Medien da eine Chance auf Veränderungen bieten – eine Art Reformation des Islam mittels Internet?
Ateş: Ich wundere mich, dass nicht mehr vernünftige Liberale auf Youtube auftreten, das bleibt den Salafisten überlassen. Der Islamische Staat macht ein Video nach dem anderen. Ich frage mich, wo die muslimischen Verbände bleiben.

Darf ich mir noch eine persönliche Frage erlauben: Woran glauben Sie selbst?
Ateş: Ich glaube an Gott. Gestärkt wurde mein Glaube durch ein Nahtoderlebnis. Ich bin angeschossen worden, als ich 21 Jahre alt war. Ich arbeitete damals in einer Berliner Beratungsstelle für Frauen aus der Türkei, der genaue Hintergrund des Attentats ist bis heute nicht geklärt. Ich habe meinen Körper von oben gesehen. Eine Kugel steckte in meinem Hals, sie hatte die Arterie zerfetzt, ich hatte sehr viel Blut verloren. Dann habe ich ein Gespräch gehabt, nicht so, wie wir es jetzt führen – sondern ich bekam die Frage, ob ich nun in dieses absolute Glücksgefühl gehen möchte, also sterben, oder zurückkommen auf die Welt. Ich habe mich entschieden zurückzukommen. Dieses Gespräch hat mein Leben sehr geprägt. Ich glaube daran, dass es einen Gott gibt. Ich glaube daran, dass es einen Gott gibt. Ich glaube an einen liebenden, barmherzigen Gott.

Nina Brnada in Falter 45/2016 vom 11.11.2016 (S. 14)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783548373713
Ausgabe 4. Auflage
Erscheinungsdatum 16.02.2011
Umfang 240 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Format Taschenbuch
Verlag Ullstein Taschenbuch Verlag
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