Honeckers Erben

von Hubertus Knabe

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Propyläen
Erscheinungsdatum: 01.03.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Vom Schutzwall zur East Side Gallery

Zeitgeschichte: Vor 20 Jahren, am 9. November 1989, fiel die Berliner Mauer. Eine Rückschau in Büchern

Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer, Startschuss für eine beispiellose Folge friedlicher Revolutionen vom ehemaligen Ostblock bis nach Südafrika, die die Welt ein für alle Mal verändern sollten. Der Kalte Krieg, der die Nachkriegsjahrzehnte geprägt hatte, verabschiedete sich, beginnend mit dem Ende der DDR, sang- und klanglos in die Geschichtsbücher, und die darauffolgenden 90er-Jahre wurden das Jahrzehnt des Optimismus, das erst am 11. September 2001 abrupt endete.
Dass allerdings die Mauer auch 20 Jahre nach ihrem realen Fall in Deutschland immer noch nicht aus allen Köpfen verschwunden ist, wird bald einmal deutlich, wenn man mit "Ossis" oder "Wessis" spricht. Pünktlich zum Jubiläum hat der Buchmarkt eine unüberblickbare Reihe von Publikationen ausgeworfen, aus denen hier eine Auswahl von sechs Büchern vorgestellt werden soll.

Alltagsgeschichte(n)
Der kleine Kerl ist dafür zuständig, dass es gute Träume gibt. Dafür streut das Sandmännchen Schlafsand in die Augen. Einen netten Gesellen hat sich das DDR-Fernsehen da ausgedacht: weißer Bart, rote Mütze, freundliches Wesen. Verständlich, dass die Trickfilmfigur genauso wie Spreewaldgurke und Club Cola Teil des nostalgischen DDR-Erinnerns wurde: In der DDR war nicht alles schlecht!
Der von Martin Sabrow herausgegebene Sammelband "Erinnerungsorte der DDR" zeigt, wozu Alltagsgeschichte taugt. Trabi oder Sandmännchen, die sonst gern sehnsüchtig-heiter in Fernsehshows und Spielfilmen auftauchen, werden ernst genommen und als Teil der Geschichte verstanden. Denn Alltagsgeschichte ist für Sabrow keine Verharmlosung der politischen Realitäten in einer unfreien Gesellschaft, sondern wirkt Ostalgie entgegen.
Die Erinnerungsorte des Titels werden als Symbole begriffen, die zur Identitätsstiftung beitragen. Dazu zählen reale Orte ebenso wie Ereignisse, Begriffe, Bilder und Bücher. Die Autoren des mehr als 600 Seiten starken Bands befassen sich mit Bautzen, dem Stasi-Gefängnis, mit Pankow, jenem auch dank Udo Lindenbergs Song über den "Sonderzug nach Pankow" bekannten Berliner Bezirk, der in den frühen DDR-Jahren als Machtzentrum galt, mit den Montagsdemonstrationen von 1989, dem Plattenbau, der Ostsee.
Sportler und Spitzel
Was war die DDR? Diese Frage stellen auch die Autoren des Sammelbands "Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-Legenden auf dem Prüfstand". Sie setzen sich sachlich und jenseits von Urteilen und Vorurteilen mit der DDR und der Mauer in den Köpfen auseinander. Auch wenn die Sprache manchmal etwas gar zu betont nüchtern ausfällt, sind die Themen spannend – Wohnbaupolitik, Technik und Produktion in der DDR, die Nationale Volksarmee, Ausländer, die gesellschaftliche Stellung von Mann und Frau, die Stasi.
War die DDR ein Volk von Spitzeln? Diese Frage erhitzt bis heute die meisten Gemüter. "Das starke Bemühen um den Aufbau eines hochgradig formalisierten Netzes von Zuträgern demonstriert die grundlegende Schwäche des Regimes", schreibt Her­ausgeber Thomas Großbölting. Die SED-Diktatur habe vergleichsweise wenig auf die Akzeptanz und das Mittun der Bevölkerung setzen können. Die Vorstellung vom "Volk der Spitzel" gehe also ins Leere, auch wenn Ende Oktober 1989 mehr als 91.000 Menschen hauptamtlich für die Stasi gearbeitet haben und 173.000 als inoffizielle Mitarbeiter registriert waren.
Von der Mauer in den Köpfen zum Bau in Berlin und zu Dimitrij Vrubel. Er hat das berühmteste Werk des East Side Gallery genannten Mauerabschnitts geschaffen: den Bruderkuss zwischen Erich Honecker und Leonid Breschnew. Vrubel ist einer von 118 Künstlern aus 21 Ländern, die im Frühjahr 1990 insgesamt 1,3 Kilometer Mauerfläche auf der Ostseite bemalten. Vor einem Jahr begannen die Sanierungsarbeiten, anschließend sollten die Künstler ihre Werke für das Gedenkjahr 2009 nochmals daraufpinseln – was Vrubel zunächst irritierte: Das wäre doch ein neues Bild! Aber dann legte er doch los. Schließlich könne man die Fläche ja auch nicht einfach so weiß lassen.
Vor 20 Jahren wäre es mehr als schwierig gewesen, an diese Stelle überhaupt zu gelangen. Vor der Hinterlandmauer befanden sich Todesstreifen – die 167,8 Kilometer lange Mauer begann für die Ostberliner also schon bis zu 100 Meter vor dem eigentlichen Bau. Wer hatte diesen Einfall? Warum wehrten sich die Berliner nicht dagegen?

Das unmenschliche Bauwerk
Diesen Fragen widmet sich Edgar Wolfrum in seinem Buch "Die Mauer. Geschichte einer Teilung". Es habe Proteste gegeben, in Form von Flucht und kleinerem und größerem Widerstand im eigenen Land: ein Bäcker, der kein Brot mehr backen wollte, oder ein Lokführer, der seinen Zug illegal nach Westberlin fuhr. Nur eine spontane Massenerhebung hätte das Regime in Bedrängnis bringen können, meint Wolfrum.
Das Monstrum war perfekt geplant gewesen. DDR-Staatsoberhaupt Walter Ulbricht hatte die Idee dazu immer wieder in Moskau vorgetragen. Zunächst bekam der DDR-Staatschef aber ein Nein zur Antwort. Wie also KPdSU-Chef Nikita Chruscht­schow überzeugen? Wolfrum interpretiert den berühmtesten Satz Ulbrichts neu. In einer Pressekonferenz am 15. Juni 1961 in Ostberlin meldet sich die Journalistin Annamarie Doherr zu Wort: "Ich möchte eine Zusatzfrage stellen. Doherr, Frankfurter Rundschau. Herr Vorsitzender, bedeutet die Bildung einer freien Stadt Ihrer Meinung nach, dass die Staatsgrenze am Brandenburger Tor errichtet wird? Und sind Sie entschlossen, dieser Tatsache mit allen Konsequenzen Rechnung zu tragen?" Ulbrichts Antwort: "Ich verstehe Ihre Frage so, dass es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? Mir ist nicht bekannt, dass eine solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter in der Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre Arbeitskraft voll eingesetzt wird."
Ulbricht, meint Wolfrum, habe mit dieser Antwort versucht, bewusst Öl ins Feuer zu gießen, um eine Flüchtlingswelle zu provozieren. Diese sollte Moskau zu einem Ja bewegen, das im Juli 1961 auch tatsächlich in der sowjetischen Botschaft eintraf. Ulbricht weihte wenige ein, Stabschef der Aktion wurde das spätere DDR-Staatsoberhaupt Erich Honecker.
Wolfrum bietet einen brauchbaren Überblick über das "unmenschliche Bauwerk", von der Vorgeschichte mit Besatzungszonen, Berlinkrise und Koreakrieg über die Errichtung der Mauer bis zu ihrem Fall, von der Lüge des "antifaschistischen Schutzwalls" über geglückte und missglückte Fluchten bis zum Umgang der Westberliner mit dem "Ding", das da plötzlich stand.So etwa Joseph Beuys: Der Künstler schlug 1964 vor, die Mauer um fünf Zentimeter zu erhöhen – aus Proportionsgründen.

"Dann geh doch rüber!"
"Guten Tag Genossen! Ich komme aus Westberlin und will in die Nationale Volksarmee oder die Grenztruppen der DDR eintreten." Eduard Still war 1986 von West- nach Ostberlin über die Mauer geklettert – versuchte er ähnlich wie Beuys der SED mit Ironie zu begegnen? Der damals 30-jährige Rauchfangkehrer war einer von mehr als 400 Menschen, die im Laufe der Jahre auf ungewöhnlichem Weg nach Ostberlin zu reisen versuchten: Sie sprangen. Martin Schaad hat in seinem Buch ",Dann geh doch rüber'. Über die Mauer in den Osten" recherchiert, weshalb die "Grenzverletzer WB-DDR", wie sie das DDR-Ministerium für Staatssicherheit nannte, das taten – statt wie alle anderen einen Grenzübergang zu benutzen.
Der eine hatte vier Liter Wein intus. Der andere wollte einmal schauen, "was auf der anderen Seite los ist". Einer hatte Geldsorgen, ein anderer Heimweh. Der Senat von Westberlin postierte freilich keine Polizisten entlang der Mauer, hätte er doch so der völkerrechtswidrigen Demarkationslinie eine Art Anerkennung gezollt. Also war es vergleichsweise einfach, über die Mauer in den Osten zu gelangen – wenn auch nicht ungefährlich. Denn auf der anderen Seite standen Grenzsoldaten, die auch schossen. Wem erlaubte die DDR die Einreise? Wann wurde ein Mauersprung als "Provokation" oder als "Missachtung der Souveränität der DDR" gesehen? Schaad geht dem nach und erzählt anhand jeweils einer persönlichen Geschichte von den Motiven der Mauerspringer.
John Runnings etwa, damals 68 Jahre alt, reichte es. Der politische Aktivist kletterte eine Woche vor dem 25. Jahrestag des Mauerbaus per Leiter auf die Mauer und schlug zunächst mit einem Vorschlaghammer darauf ein. Udo Cürsgen, dessen Verlobte in Ostberlin lebte, überlegte sich, welche Stelle das meiste Aufsehen erregen könnte – und sprang nahe des Springer-Hochhauses. Das Medieninteresse nicht nur der Bild-Zeitung war ihm gewiss. Und Eduard Still, der gern Teil der Volksarmee geworden wäre? Er meinte dies völlig ironiefrei. Still litt an einer schweren Psychose, fünf Mal schickte man ihn nach kurzen Spitalsaufenthalten wieder zurück nach Westberlin.

Die Revolution
Dass es eine Revolution war, die die Mauer schließlich zum Einsturz brachte, und keine "Wende", stellt der Historiker Wolfgang Schuller auch mit dem Titel seines Buchs klar: "Die deutsche Revolution 1989". "Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten, werden wir vor allem die politische und ideologische Offensive wiedererlangen", hatte Egon Krenz, Nachfolger Erich Honeckers, am 18. Oktober 1989 in seiner Antrittsrede verkündet. Wende heißt also: Veränderung "von oben".
Dabei ging der Umbruch vom Volk aus. "Die Revolution in der DDR erstreckte sich über das ganze Land, sie wirkte überall, in großen und kleinen Städten und Dörfern", schreibt Schuller. Und: "Sie hätte nicht stattfinden können, wenn nicht alle Schichten und Berufe, also vor allem auch ungezählte Durchschnittsbürger, aktiv an ihr teilgenommen hätten." Was trieb die Demonstranten in der Provinz an? Wie schätzten die führenden SED-Funktionäre die Lage ein?
Penibel trägt Schuller allerlei Quellen zusammen, berichtet von jenen Orten, an denen die Staatsmacht zum ersten Mal zurückwich, und widmet sich auch der Rolle des Theaters. In Schwerin etwa begann die Revolution schon im Februar 1989 – "unbemerkt und wohl auch unbeabsichtigt". Landvogt Gessler – man gab Schillers "Wilhelm Tell" – stand auf einem Balkon, der dem des Staatsratsgebäudes in Berlin ähnelte. Eine Aufschrift verkündete: "Grenzgebiet. Betreten verboten". Bei einem Gastspiel an der Berliner Volksbühne im Oktober 1989 gab es Szenenapplaus bei Tell-Zitaten wie: "Wer wird hier leben wollen ohne Freiheit?" Oder: "Wir sind umringt von Spähern."
Ebenfalls im Oktober konnte die Polizei erstmals bei Demonstrationen nicht durchgreifen: In Plauen, der fünftgrößten Stadt Sachsens, gingen am 7. Oktober mehr als 10.000 Menschen auf die Straße, "Deutschland, Deutschland" und "Gorbi, Gorbi" rufend. Es folgten Dresden und Leipzig. Und dann fiel die Mauer. Dem Sekretär für Informationswesen, Günter Schabowski, ist es zu verdanken, dass dies am 9. November 1989 passierte. Eigentlich hätte es ein erster Schritt der SED-Führung sein sollen. Die Massen sollten mit einer neuen Reiseregelung beruhigt werden. Doch als in einer Pressekonferenz gefragt wurde, wann denn diese in Kraft trete, stotterte Schabowski: "Das tritt, nach meiner Kenntnis, ist das sofort, unverzüglich."

20 Jahre später
Was dann geschah, schildert der ORF-Korrespondent und Leiter des Berlin-Büros Peter Fritz in "Der ratlose Riese. Deutschland 20 Jahre nach der Wende" so, als würde man einen Film sehen. Fritz versteht sein Handwerk. Am 9. November 1989 war er ORF-Innenpolitik-Redakteur, ging nach Dienstschluss einen heben und landete durch einen Zufall einen Tag später in Berlin.
Fritz erzählt auf sympathische Weise, was er damals gesehen und gehört hat, etwa als er Ostberliner dabei beobachtete, wie diese U-Bahn-Stationen wieder benutzten, an denen jahrelang kein Zug hatte halten dürfen. Und spannt von da aus einen Bogen zum Jubiläumsjahr. Die Wirtschaftskrise kommt dabei ebenso vor wie der Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Nicht mehr hineingeschafft haben es die Parlamentswahlen vom 27. September und die neue Koalition von Konservativen und Liberalen, dafür aber gibt es Porträts des glücklosen SPD-Spitzenkandidaten Frank-Walter Steinmeier sowie von Kanzlerin Angela Merkel. Am Ende landet Fritz beim 50. Geburtstag des Trabi. Ein locker-flockiges Buch für alle, die nicht täglich eine deutsche Zeitung in den Händen halten und ein bisschen mehr über das Nachbarland erfahren wollen.

Das linke Erbe
Es ist jenes Nachbarland, in dem die Sozialdemokraten anders als in Österreich weniger mit dem Erstarken von rechts, sondern zunehmend mit Erfolgen von links konfrontiert sind: "Triumph für Lafo!" titelte Ende August die Bild-Zeitung. Oskar Lafontaine hatte im Saarland für Die Linke 21,3 Prozent der Stimmen eingefahren. "Gysi und Lafontaine wollen jetzt die SPD beraten", prophezeite die Welt nach der Bundestagswahl, bei der die Linkspartei auf 11,9 Prozent zugelegt hatte.
Der Historiker Hubertus Knabe nennt sie "Honeckers Erben". Lafontaine war 1999 mit dem Satz "Das Herz wird noch nicht an der Börse gehandelt, aber es hat einen Standort: Es schlägt links!" als Finanzminister der Regierung Schröder zurückgetreten. 2005 wechselte er von der SPD zur "Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit" (WASG). Gysi, in der DDR Anwalt und Mitglied der SED, war dar­an beteiligt gewesen, diese in die Nachfolgerpartei PDS umzuwandeln. 2007 fusionierte die PDS mit der WASG zu Die Linke. "Wie Phönix aus der Asche schwang sich die Diktaturpartei der DDR aus den Ruinen des SED-Staates empor und wurde (…) erneut zu einem Faktor der Politik."
Knabe beginnt bei Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, widmet sich ausführlich der Stasi-Vergangenheit von Linkspartei-Mitgliedern und hört beim "Napoleon von der Saar" Lafontaine auf. Irgendwann ödet der polemische Stil nicht nur an, er nervt. Die Linke ist böse, warum sie trotzdem großen Zulauf erhält, geht dabei eher unter. Dennoch ist dieses Pamphlet lesenswert aufgrund der aktuellen Frage, ob sich die SPD nach der verlorenen Wahl nun auch bundesweit der Linken öffnen wird.Zeitgeschichte: Vor 20 Jahren, am 9. November 1989, fiel die Berliner Mauer. Eine Rückschau in Büchern

Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer, Startschuss für eine beispiellose Folge friedlicher Revolutionen vom ehemaligen Ostblock bis nach Südafrika, die die Welt ein für alle Mal verändern sollten. Der Kalte Krieg, der die Nachkriegsjahrzehnte geprägt hatte, verabschiedete sich, beginnend mit dem Ende der DDR, sang- und klanglos in die Geschichtsbücher, und die darauffolgenden 90er-Jahre wurden das Jahrzehnt des Optimismus, das erst am 11. September 2001 abrupt endete.
Dass allerdings die Mauer auch 20 Jahre nach ihrem realen Fall in Deutschland immer noch nicht aus allen Köpfen verschwunden ist, wird bald einmal deutlich, wenn man mit "Ossis" oder "Wessis" spricht. Pünktlich zum Jubiläum hat der Buchmarkt eine unüberblickbare Reihe von Publikationen ausgeworfen, aus denen hier eine Auswahl von sechs Büchern vorgestellt werden soll.

Alltagsgeschichte(n)
Der kleine Kerl ist dafür zuständig, dass es gute Träume gibt. Dafür streut das Sandmännchen Schlafsand in die Augen. Einen netten Gesellen hat sich das DDR-Fernsehen da ausgedacht: weißer Bart, rote Mütze, freundliches Wesen. Verständlich, dass die Trickfilmfigur genauso wie Spreewaldgurke und Club Cola Teil des nostalgischen DDR-Erinnerns wurde: In der DDR war nicht alles schlecht!
Der von Martin Sabrow herausgegebene Sammelband "Erinnerungsorte der DDR" zeigt, wozu Alltagsgeschichte taugt. Trabi oder Sandmännchen, die sonst gern sehnsüchtig-heiter in Fernsehshows und Spielfilmen auftauchen, werden ernst genommen und als Teil der Geschichte verstanden. Denn Alltagsgeschichte ist für Sabrow keine Verharmlosung der politischen Realitäten in einer unfreien Gesellschaft, sondern wirkt Ostalgie entgegen.
Die Erinnerungsorte des Titels werden als Symbole begriffen, die zur Identitätsstiftung beitragen. Dazu zählen reale Orte ebenso wie Ereignisse, Begriffe, Bilder und Bücher. Die Autoren des mehr als 600 Seiten starken Bands befassen sich mit Bautzen, dem Stasi-Gefängnis, mit Pankow, jenem auch dank Udo Lindenbergs Song über den "Sonderzug nach Pankow" bekannten Berliner Bezirk, der in den frühen DDR-Jahren als Machtzentrum galt, mit den Montagsdemonstrationen von 1989, dem Plattenbau, der Ostsee.
Sportler und Spitzel
Was war die DDR? Diese Frage stellen auch die Autoren des Sammelbands "Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-Legenden auf dem Prüfstand". Sie setzen sich sachlich und jenseits von Urteilen und Vorurteilen mit der DDR und der Mauer in den Köpfen auseinander. Auch wenn die Sprache manchmal etwas gar zu betont nüchtern ausfällt, sind die Themen spannend – Wohnbaupolitik, Technik und Produktion in der DDR, die Nationale Volksarmee, Ausländer, die gesellschaftliche Stellung von Mann und Frau, die Stasi.
War die DDR ein Volk von Spitzeln? Diese Frage erhitzt bis heute die meisten Gemüter. "Das starke Bemühen um den Aufbau eines hochgradig formalisierten Netzes von Zuträgern demonstriert die grundlegende Schwäche des Regimes", schreibt Her­ausgeber Thomas Großbölting. Die SED-Diktatur habe vergleichsweise wenig auf die Akzeptanz und das Mittun der Bevölkerung setzen können. Die Vorstellung vom "Volk der Spitzel" gehe also ins Leere, auch wenn Ende Oktober 1989 mehr als 91.000 Menschen hauptamtlich für die Stasi gearbeitet haben und 173.000 als inoffizielle Mitarbeiter registriert waren.
Von der Mauer in den Köpfen zum Bau in Berlin und zu Dimitrij Vrubel. Er hat das berühmteste Werk des East Side Gallery genannten Mauerabschnitts geschaffen: den Bruderkuss zwischen Erich Honecker und Leonid Breschnew. Vrubel ist einer von 118 Künstlern aus 21 Ländern, die im Frühjahr 1990 insgesamt 1,3 Kilometer Mauerfläche auf der Ostseite bemalten. Vor einem Jahr begannen die Sanierungsarbeiten, anschließend sollten die Künstler ihre Werke für das Gedenkjahr 2009 nochmals daraufpinseln – was Vrubel zunächst irritierte: Das wäre doch ein neues Bild! Aber dann legte er doch los. Schließlich könne man die Fläche ja auch nicht einfach so weiß lassen.
Vor 20 Jahren wäre es mehr als schwierig gewesen, an diese Stelle überhaupt zu gelangen. Vor der Hinterlandmauer befanden sich Todesstreifen – die 167,8 Kilometer lange Mauer begann für die Ostberliner also schon bis zu 100 Meter vor dem eigentlichen Bau. Wer hatte diesen Einfall? Warum wehrten sich die Berliner nicht dagegen?

Das unmenschliche Bauwerk
Diesen Fragen widmet sich Edgar Wolfrum in seinem Buch "Die Mauer. Geschichte einer Teilung". Es habe Proteste gegeben, in Form von Flucht und kleinerem und größerem Widerstand im eigenen Land: ein Bäcker, der kein Brot mehr backen wollte, oder ein Lokführer, der seinen Zug illegal nach Westberlin fuhr. Nur eine spontane Massenerhebung hätte das Regime in Bedrängnis bringen können, meint Wolfrum.
Das Monstrum war perfekt geplant gewesen. DDR-Staatsoberhaupt Walter Ulbricht hatte die Idee dazu immer wieder in Moskau vorgetragen. Zunächst bekam der DDR-Staatschef aber ein Nein zur Antwort. Wie also KPdSU-Chef Nikita Chruscht­schow überzeugen? Wolfrum interpretiert den berühmtesten Satz Ulbrichts neu. In einer Pressekonferenz am 15. Juni 1961 in Ostberlin meldet sich die Journalistin Annamarie Doherr zu Wort: "Ich möchte eine Zusatzfrage stellen. Doherr, Frankfurter Rundschau. Herr Vorsitzender, bedeutet die Bildung einer freien Stadt Ihrer Meinung nach, dass die Staatsgrenze am Brandenburger Tor errichtet wird? Und sind Sie entschlossen, dieser Tatsache mit allen Konsequenzen Rechnung zu tragen?" Ulbrichts Antwort: "Ich verstehe Ihre Frage so, dass es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? Mir ist nicht bekannt, dass eine solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter in der Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre Arbeitskraft voll eingesetzt wird."
Ulbricht, meint Wolfrum, habe mit dieser Antwort versucht, bewusst Öl ins Feuer zu gießen, um eine Flüchtlingswelle zu provozieren. Diese sollte Moskau zu einem Ja bewegen, das im Juli 1961 auch tatsächlich in der sowjetischen Botschaft eintraf. Ulbricht weihte wenige ein, Stabschef der Aktion wurde das spätere DDR-Staatsoberhaupt Erich Honecker.
Wolfrum bietet einen brauchbaren Überblick über das "unmenschliche Bauwerk", von der Vorgeschichte mit Besatzungszonen, Berlinkrise und Koreakrieg über die Errichtung der Mauer bis zu ihrem Fall, von der Lüge des "antifaschistischen Schutzwalls" über geglückte und missglückte Fluchten bis zum Umgang der Westberliner mit dem "Ding", das da plötzlich stand.So etwa Joseph Beuys: Der Künstler schlug 1964 vor, die Mauer um fünf Zentimeter zu erhöhen – aus Proportionsgründen.

"Dann geh doch rüber!"
"Guten Tag Genossen! Ich komme aus Westberlin und will in die Nationale Volksarmee oder die Grenztruppen der DDR eintreten." Eduard Still war 1986 von West- nach Ostberlin über die Mauer geklettert – versuchte er ähnlich wie Beuys der SED mit Ironie zu begegnen? Der damals 30-jährige Rauchfangkehrer war einer von mehr als 400 Menschen, die im Laufe der Jahre auf ungewöhnlichem Weg nach Ostberlin zu reisen versuchten: Sie sprangen. Martin Schaad hat in seinem Buch ",Dann geh doch rüber'. Über die Mauer in den Osten" recherchiert, weshalb die "Grenzverletzer WB-DDR", wie sie das DDR-Ministerium für Staatssicherheit nannte, das taten – statt wie alle anderen einen Grenzübergang zu benutzen.
Der eine hatte vier Liter Wein intus. Der andere wollte einmal schauen, "was auf der anderen Seite los ist". Einer hatte Geldsorgen, ein anderer Heimweh. Der Senat von Westberlin postierte freilich keine Polizisten entlang der Mauer, hätte er doch so der völkerrechtswidrigen Demarkationslinie eine Art Anerkennung gezollt. Also war es vergleichsweise einfach, über die Mauer in den Osten zu gelangen – wenn auch nicht ungefährlich. Denn auf der anderen Seite standen Grenzsoldaten, die auch schossen. Wem erlaubte die DDR die Einreise? Wann wurde ein Mauersprung als "Provokation" oder als "Missachtung der Souveränität der DDR" gesehen? Schaad geht dem nach und erzählt anhand jeweils einer persönlichen Geschichte von den Motiven der Mauerspringer.
John Runnings etwa, damals 68 Jahre alt, reichte es. Der politische Aktivist kletterte eine Woche vor dem 25. Jahrestag des Mauerbaus per Leiter auf die Mauer und schlug zunächst mit einem Vorschlaghammer darauf ein. Udo Cürsgen, dessen Verlobte in Ostberlin lebte, überlegte sich, welche Stelle das meiste Aufsehen erregen könnte – und sprang nahe des Springer-Hochhauses. Das Medieninteresse nicht nur der Bild-Zeitung war ihm gewiss. Und Eduard Still, der gern Teil der Volksarmee geworden wäre? Er meinte dies völlig ironiefrei. Still litt an einer schweren Psychose, fünf Mal schickte man ihn nach kurzen Spitalsaufenthalten wieder zurück nach Westberlin.

Die Revolution
Dass es eine Revolution war, die die Mauer schließlich zum Einsturz brachte, und keine "Wende", stellt der Historiker Wolfgang Schuller auch mit dem Titel seines Buchs klar: "Die deutsche Revolution 1989". "Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten, werden wir vor allem die politische und ideologische Offensive wiedererlangen", hatte Egon Krenz, Nachfolger Erich Honeckers, am 18. Oktober 1989 in seiner Antrittsrede verkündet. Wende heißt also: Veränderung "von oben".
Dabei ging der Umbruch vom Volk aus. "Die Revolution in der DDR erstreckte sich über das ganze Land, sie wirkte überall, in großen und kleinen Städten und Dörfern", schreibt Schuller. Und: "Sie hätte nicht stattfinden können, wenn nicht alle Schichten und Berufe, also vor allem auch ungezählte Durchschnittsbürger, aktiv an ihr teilgenommen hätten." Was trieb die Demonstranten in der Provinz an? Wie schätzten die führenden SED-Funktionäre die Lage ein?
Penibel trägt Schuller allerlei Quellen zusammen, berichtet von jenen Orten, an denen die Staatsmacht zum ersten Mal zurückwich, und widmet sich auch der Rolle des Theaters. In Schwerin etwa begann die Revolution schon im Februar 1989 – "unbemerkt und wohl auch unbeabsichtigt". Landvogt Gessler – man gab Schillers "Wilhelm Tell" – stand auf einem Balkon, der dem des Staatsratsgebäudes in Berlin ähnelte. Eine Aufschrift verkündete: "Grenzgebiet. Betreten verboten". Bei einem Gastspiel an der Berliner Volksbühne im Oktober 1989 gab es Szenenapplaus bei Tell-Zitaten wie: "Wer wird hier leben wollen ohne Freiheit?" Oder: "Wir sind umringt von Spähern."
Ebenfalls im Oktober konnte die Polizei erstmals bei Demonstrationen nicht durchgreifen: In Plauen, der fünftgrößten Stadt Sachsens, gingen am 7. Oktober mehr als 10.000 Menschen auf die Straße, "Deutschland, Deutschland" und "Gorbi, Gorbi" rufend. Es folgten Dresden und Leipzig. Und dann fiel die Mauer. Dem Sekretär für Informationswesen, Günter Schabowski, ist es zu verdanken, dass dies am 9. November 1989 passierte. Eigentlich hätte es ein erster Schritt der SED-Führung sein sollen. Die Massen sollten mit einer neuen Reiseregelung beruhigt werden. Doch als in einer Pressekonferenz gefragt wurde, wann denn diese in Kraft trete, stotterte Schabowski: "Das tritt, nach meiner Kenntnis, ist das sofort, unverzüglich."

20 Jahre später
Was dann geschah, schildert der ORF-Korrespondent und Leiter des Berlin-Büros Peter Fritz in "Der ratlose Riese. Deutschland 20 Jahre nach der Wende" so, als würde man einen Film sehen. Fritz versteht sein Handwerk. Am 9. November 1989 war er ORF-Innenpolitik-Redakteur, ging nach Dienstschluss einen heben und landete durch einen Zufall einen Tag später in Berlin.
Fritz erzählt auf sympathische Weise, was er damals gesehen und gehört hat, etwa als er Ostberliner dabei beobachtete, wie diese U-Bahn-Stationen wieder benutzten, an denen jahrelang kein Zug hatte halten dürfen. Und spannt von da aus einen Bogen zum Jubiläumsjahr. Die Wirtschaftskrise kommt dabei ebenso vor wie der Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Nicht mehr hineingeschafft haben es die Parlamentswahlen vom 27. September und die neue Koalition von Konservativen und Liberalen, dafür aber gibt es Porträts des glücklosen SPD-Spitzenkandidaten Frank-Walter Steinmeier sowie von Kanzlerin Angela Merkel. Am Ende landet Fritz beim 50. Geburtstag des Trabi. Ein locker-flockiges Buch für alle, die nicht täglich eine deutsche Zeitung in den Händen halten und ein bisschen mehr über das Nachbarland erfahren wollen.

Das linke Erbe
Es ist jenes Nachbarland, in dem die Sozialdemokraten anders als in Österreich weniger mit dem Erstarken von rechts, sondern zunehmend mit Erfolgen von links konfrontiert sind: "Triumph für Lafo!" titelte Ende August die Bild-Zeitung. Oskar Lafontaine hatte im Saarland für Die Linke 21,3 Prozent der Stimmen eingefahren. "Gysi und Lafontaine wollen jetzt die SPD beraten", prophezeite die Welt nach der Bundestagswahl, bei der die Linkspartei auf 11,9 Prozent zugelegt hatte.
Der Historiker Hubertus Knabe nennt sie "Honeckers Erben". Lafontaine war 1999 mit dem Satz "Das Herz wird noch nicht an der Börse gehandelt, aber es hat einen Standort: Es schlägt links!" als Finanzminister der Regierung Schröder zurückgetreten. 2005 wechselte er von der SPD zur "Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit" (WASG). Gysi, in der DDR Anwalt und Mitglied der SED, war dar­an beteiligt gewesen, diese in die Nachfolgerpartei PDS umzuwandeln. 2007 fusionierte die PDS mit der WASG zu Die Linke. "Wie Phönix aus der Asche schwang sich die Diktaturpartei der DDR aus den Ruinen des SED-Staates empor und wurde (…) erneut zu einem Faktor der Politik."
Knabe beginnt bei Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, widmet sich ausführlich der Stasi-Vergangenheit von Linkspartei-Mitgliedern und hört beim "Napoleon von der Saar" Lafontaine auf. Irgendwann ödet der polemische Stil nicht nur an, er nervt. Die Linke ist böse, warum sie trotzdem großen Zulauf erhält, geht dabei eher unter. Dennoch ist dieses Pamphlet lesenswert aufgrund der aktuellen Frage, ob sich die SPD nach der verlorenen Wahl nun auch bundesweit der Linken öffnen wird.

Christine Zeiner in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 38)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Mauer (Edgar Wolfrum)
Erinnerungsorte der DDR (Martin Sabrow)
Dann geh doch rüber (Martin Schaad)
Friedensstaat, Leseland, Sportnation? (Thomas Großbölting, Jutta Braun, Gunilla-Friederike Budde, Anselma Gallinat, Stefan Haas, Dierk Hoffmann, Rainer Karlsch, Sabine Kittel, Christoph Kleßmann, Wolfgang Lambrecht, Christoph Links, Marc-Dietrich Ohse, Patrice G. Poutrus, Matthias Rogg, Rüdiger Schmidt, Hermann Wentker)

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