Mein Leben

von Heinrich Harrer

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Ullstein
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 31/2002

"Huka-Huka", "Die weiße Spinne", "Ich komme aus der Steinzeit". Noch vor zwanzig Jahren hätte bei Nennung dieser Buchtitel jeder gewusst: Es geht um Heinrich Harrer. Heute kennt man gerade noch die Verfilmung von "Sieben Jahre in Tibet" mit Brad Pitt, sonst ist es um den Verfasser von mehr als dreißig Büchern - dem vermutlich kommerziell erfolgreichsten österreichischen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts - eher still geworden. Mit der Autobiografie "Mein Leben" lässt der heute neunzigjährige Sohn eines Postbeamten und eines Dienstmädchens aus dem kärntnerischen Hüttenberg seinen "außergewöhnlichen Lebensweg" noch einmal Revue passieren: Extrembergsteiger der Dreißigerjahre; (unfreiwilliger) Tibetkenner der Kriegszeit; Weltreisender der Sechziger- und Siebzigerjahre, Mitglied diverser altehrwürdiger Explorer-Clubs; gern gesehener Vortragender in der Londoner Royal Albert Hall oder im Pariser Salle Pleyel; Partygast zwischen Florida und Kitzbühel.

Im altbewährt pathetisch-simplen, Biederkeit und Herrenreitertum verbindenden Harrer-Stil, geht es noch einmal nach Tibet, in die Anden, nach Alaska, Neu-Guinea und in all die anderen Orte jener zahlreichen Abenteuer, die Harrer früher schon erfolgreich verkauft hatte. Und er übersteht sie wieder alle! Wenn die FAZ die wissenschaftliche Bedeutung von Harrers Abenteurertum hervorstreicht, dann findet sich bei ihm selbst nichts davon. Die (vermutlich ethnologischen) Entdeckungen sind ihm keine Erwähnung wert. Stattdessen lesen wir stimmungsvolle Platitüden über das Leben in Tibet ("Aber alle waren glücklich und zufrieden, selbst der Bettler hatte ein angenehmes Leben") oder bei den Xinguinindianern ("Ich genoss die Ruhe dieses Lebens in vollen Zügen").

Ansonsten besteht "Mein Leben" aus lawinenartigem name dropping: Von Thor Heyerdahl, Hans Hass, Herbert von Karajan, Jean Cocteau, Pearl S. Buck und Wernher von Braun, über die weltbesten Bergsteiger und Reiseschriftsteller bis zu Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama und König Leopold III. von Belgien. Adolf Hitler kommt hier ebenso vor wie Bing Crosby, dem Harrer in den Sechzigern das Golfen abschaute, um sogleich erster österreichischer Golfmeister zu werden. Die ganze Hautevolee bestand aus Harrers Freunden, und alle sind sie interessant gewesen. Spannendes weiß Harrer darüber nicht zu erzählen. Er lebt im Wind der Zeit, über die man praktisch nichts erfährt. Witzige Episoden wie der Versuch, zum Zweck der eigenen Altersvorsorge, die umfangreiche ethnologische Sammlung an die Republik Österreich zum Gegenwert einer Hofratspension zu verkaufen (ein Ministerialbeamter lehnte das Ansinnen mit dem Hinweis auf die hohen Kosten ab: "Der Harrer wird ja sicher 90") oder die imposanten Schilderungen der Flucht nach Tibet können den Leser kaum entschädigen.

Enttäuschend ist Harrers Autobiografie vor allem aber aus einem Grund: Über die Nazi-Epoche - Hochzeit in SS-Uniform, Mitgliedschaft bei der SA und im nationalsozialistischen Lehrerverband, Hitler-Empfang nach der Erstbesteigung der Eigernordwand - weiß Harrer nichts zu sagen. Bloß, dass sie aufgeflogen ist, wurmt ihn noch immer. Der Versuch, das Geflecht von Karrierewunsch, bergsteigerischer Besessenheit, Ideologie und Ahnungslosigkeit aufzulösen, wird erst gar nicht unternommen. Als unmittelbar vor der Premiere von "Sieben Jahre in Tibet" die Nazigeschichte auffliegt, fragt sich Harrer nur: "Wollte man der Sache Tibets schaden?" Tatsächlich infam wird es, wenn er Simon Wiesenthal oder Viktor Frankl als Gegenzeugen für sein Leben unter Hitler anführt.

Dafür lüftet Harrer am Ende seiner Memoiren das Geheimnis seines hohen, aber dennoch agilen Alters: Gymnastik! Jeden Morgen zwanzig Armbeugen, Arbeit mit Fünfkilo-Hanteln, Schwungübungen für den passionierten Golfer. "Zum Schluss ziehe ich die Socken stehend an."

Typisch Harrer eben.

Erich Klein in FALTER 31/2002 vom 02.08.2002 (S. 51)


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