Die nächsten fünfzig Jahre
Wie die Wissenschaft unser Leben verändert

von John Brockman, Doris Gerstner

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Ullstein
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

In fünfzig Jahren wird vieles möglich sein, von dem wir heute noch nicht einmal zu träumen wagen. Ein von John Brockman herausgegebener Sammelband mit Essays zwischen Science und Fiction liefert einen Vorgeschmack darauf.

John Brockman mag keine "klassischen Intellektuellen". Die würden nur "nebensächliche Debatten" führen. Heute seien es die Naturwissenschaftler, die die wichtigen Fragen stellten, behauptet Brockman. Der US-Amerikaner spricht in eigener Sache: Er ist nicht nur der wichtigste Agent am internationalen Wissenschaftsbuchmarkt, er ist auch Vorsitzender eines von ihm Mitte der Neunzigerjahre gegründeten Internetsalons: www.edge.org.

Dort treffen sich die von Brockman betreuten Wissenschaftskoryphäen, um über Gott und den Kosmos, Quanten und Bits zu debattieren. Für diesen Debattierzirkel, an dem auch naturwissenschaftlich interessierte Geisteswissenschaftler und Publizisten teilnehmen, prägte Brockman den Begriff "Dritte Kultur". Mit ihr soll die von C.P. Snow konstatierte Trennung zwischen der Kultur der Geistes- und der Naturwissenschaft überwunden werden - auf naturwissenschaftlicher Basis selbstverständlich.

Nebenbei hat Brockman selbst mehr als zwanzig Bücher herausgegeben. Für sein neuestes fragte er 25 führende Wissenschaftler, welche Entwicklungen in ihrem jeweiligen Fachgebiet die nächsten fünfzig Jahre prägen werden. Die Geladenen führen vor, wo die Grenzen des bisher Erforschten liegen und was in naher Zukunft machbar sein wird. Natürlich ist viel von der Quantentheorie, schwarzen Löchern und der Gentechnik die Rede. Aber auch die Psychologie und vor allem die Hirnforschung spielt in mehreren Beiträgen eine wichtige Rolle. Moralische Bedenken werden nur am Rande geäußert.

So fragt sich der Kreativitätsexperte und Flow-Erfinder Mihaly Csikszentmihalyi, ob es eine gute Idee wäre, Menschen durch Genmanipulation intelligenter zu machen. Seine Antwort fällt zwiespältig aus, weil er nicht sicher ist, ob wir dann auch glücklicher wären. Aber vielleicht wird Intelligenz in fünfzig Jahren gar nicht mehr nötig sein, wie in Brockmans Sammelband prophezeit wird: Möglicherweise wird es technisch möglich sein, dass man eine Frage laut ausspricht, und von den mit jeder Menge Technologie ausgestatteten Wänden schallt einem die Antwort unmittelbar entgegen.

Und fröhlich wird weitergedacht: Es wird keine Schulen mehr geben, den Unterricht übernimmt Software. Es wird nur noch darum gehen, Erfahrungen im Cyberspace zu sammeln und richtig zu verarbeiten. Damit unser schwächelndes Gehirn das alles verarbeiten kann, wird man eine Pille schlucken, die das Erinnerungsvermögen so steigert, dass man bestimmte Erlebnisse nie mehr vergisst. Unangenehme Erinnerungen wird man dafür gezielt eliminieren können. Endgültig unheimlich wird es, wenn sich Wissenschaftler ausmalen, wie sie Leben konstruieren. Der Chemiker Peter Atkins spekuliert darauf, dass in fünfzig Jahren die Bausteine für künstliches Leben bereitstehen und wir Lebewesen bauen werden, die überwiegend aus Silizium und Germanium bestehen.

Schon heute ist das menschliche Genom in seinen Grundbestandteilen entschlüsselt. Aber über die Funktionsweise der Gene weiß die Molekularbiologie noch vergleichsweise gar nichts. In fünfzig Jahren aber, so behauptet der Biologe Richard Dawkins, wird nicht nur jedermann den vollständigen Code seiner Gene erfahren können. Ärzte werden Medikamente verschreiben, die bestimmte Gene manipulieren. Polizeibeamte werden anhand eines Blutfleckes das Gesicht des Täters am Computer rekonstruieren. Außerdem glaubt Dawkins, dass wir anhand der Gene von Verstorbenen (Menschen wie Tiere) nicht nur deren ursprüngliche Gestalt im Computer wiederaufleben lassen können, sondern auch die Umwelt, in der sie gelebt haben. Gott bewahre uns vor den Knochen der Dinosaurier und der Habsburger!

Heute kennen die Biologen die Geheimnisse des Lebens noch nicht. Rodney Brooks freilich, der Direktor des Labors für künstliche Intelligenz am MIT, behauptet ketzerisch, da gäbe es gar kein Geheimnis: Der Mensch bestehe lediglich aus Molekülen, die einem Wechselspiel verschiedener Kräfte sowie den durch Temperatur und Quanteneffekten bedingten Zufällen unterlägen. "Es gibt kein Elixier des Lebens, keine Lebenskraft, keinen Geist, keine Seele."

Etwas weniger gruselig klingen die Prophezeiungen auf medizinischem Gebiet: Da ist von künstlichen Immunsystemen die Rede, die sowohl lebende Viren als auch Computerviren bekämpfen können. Schon heute kann man Taube mit so genannten Cochleaimplantaten im Ohr wieder teilweise hören machen. Brockmans Propheten versprechen: Bald werden Blinde und Lahme wieder sehen und gehen können. Gesunde werden sich in ihrem Gehirn vielleicht eine drahtlose Internetverbindung installieren lassen. Wir werden Bakterien gentechnisch verändern, sodass sie Zahnräder, Kolben und Federn, ja ganze Maschinen produzieren. Im menschlichen Körper eingesetzt, werden diese Wunder der Nanotechnologie alle möglichen guten Dienste verrichten.

Alles bloße Spinnerei? Wohl kaum. Erschreckend ist nämlich, dass vieles von dem Prognostizierten auf bereits Möglichem aufbaut. Wie damals bei der Kernspaltung träumen auch Brockmans Forscher den Traum des technisch Machbaren. Und vergessen dabei, ihre Mitmenschen zu fragen, ob sie diesen technischen Fortschritt um jeden Preis haben wollen. Dazu könnte man durchaus auch den einen oder anderen Geisteswissenschaftler befragen. Oder sogar einen Theologen.

Thomas Askan Vierich in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 24)


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