Gerechtigkeit
Wie wir das Richtige tun

von Michael J. Sandel

Derzeit nicht lieferbar

Übersetzung: Helmut Reuter
Verlag: Ullstein Buchverlage
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Philosophie, Religion/Philosophie
Umfang: 416 Seiten
Erscheinungsdatum: 08.02.2013


Rezension aus FALTER 11/2013

Was ist Gerechtigkeit jenseits des großen Teichs?

Politische Philosophie: Michael J. Sandel erklärt uns die USA und plädiert für eine Remoralisierung der Politik

Auf dem Cover sieht man den Herrn Professor vor versammelter Hörerschaft: "Wenn Michael Sandel in Harvard über Gerechtigkeit philosophiert, hört ihm die Welt zu", jubelt sein deutscher Verlag. Sein letztes Buch "Was man für Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes" (2012) war ein internationaler Bestseller. Trotzdem bleibt die Frage: Müssen wir ihm wirklich zuhören?
Um die Antwort vorwegzunehmen: Wären wir US-Amerikaner, dann sicher. Als Europäer eigentlich nur, wenn wir verstehen wollen, wie die Amerikaner ticken und warum sie so große Schwierigkeiten mit Begriffen wie "Wohlfahrtsstaat" oder "soziale Marktwirtschaft" haben.

Sandel handelt in seinem neuen Buch die Gerechtigkeitsmodelle des Utilitarismus, des Libertarianismus (also etwa Neo-Liberalismus), den kategorischen Imperativ Kants, das gemäßigt libertäre Modell des zeitgenössischen amerikanischen Philosophen John Rawls und die politisch-moralischen Vorstellungen von Aristoteles ab; mit Ausnahme der Staatsvorstellungen von Aristoteles Modelle, die in der amerikanischen Politik gerade eine große Rolle spielen.
Europäische Leser werden sich verwundert die Augen reiben, worüber und mit welchen Argumenten sich die Amis in Sachen Verteilungsgerechtigkeit streiten. Die Libertarianer sagen: Mein Geld gehört mir, und ich will selbst darüber bestimmen, was ich damit mache! Steuern sind Diebstahl und Umverteilung ist Sozialismus!
Die Utilitaristen sagen: Wir wollen für das größte Glück der größten Zahl sorgen – und wenn die Mehrheit Gladiatorenkämpfe will, geben wir ihnen Gladiatorenkämpfe! Ansonsten streiten wir über Sinn und Unsinn von "positiver Diskriminierung", ob wir Reparationen an unsere schwarzen Mitbürger wegen der Sklaverei zahlen sollten und ob Behinderte wirklich Cheerleader sein können bzw. dürfen.
Von Gesellschaftsmodellen wie sozialer Marktwirtschaft, einem reformierten Wohlfahrtsstaat nach skandinavischem Vorbild, genossenschaftlichen oder gar neosozialistischen Ansätzen ist keine Rede. Vermutlich aus Rücksicht auf sein amerikanisches Zielpublikum – mit solchen Begriffen würde man sich in der US-amerikanischen Politarena sofort als linkslinker Sozialist outen. Und das ist Sandel gewiss nicht. Eher ein besonnener Konservativer mit Gewissen, eine Art Kommunitarier. Aber das war George W. Bush auch.

Sandel plädiert für eine Remoralisierung der Politik, weg von nüchtern-pragmatischen Ansätzen. Man dürfe die Moral nicht den Ultrarechten überlassen. Wenn ­diese in Fragen der hanebüchenen Ungleichheit in den USA ("Wer arm ist, ist selber schuld!" "Leistung muss sich lohnen!"), der Homo­ehe, Stammzellenforschung, Abtreibung oder der positiven Diskriminierung moralisch argumentieren, müsse man ihnen moralisch antworten. Das hätten die ­US-Liberalen seit John F. Kennedy versäumt.
Obama habe damit wieder begonnen, darin müsse man ihn unterstützen. Es gehe um die Wiedergewinnung eines öffentlichen Diskurses, der den Namen Diskurs verdiene, es gehe um Respekt, Solidarität, die Rückeroberung des öffentlichen Raums, aus dem sich das obere Drittel (der USA und tendenziell bei uns auch) immer mehr zurückziehe in Privatschulen, Gated Cummunities etc. Man müsse das Gemeinschaftsgefühl stärken, jenseits eines aufgeblasenen Pseudopatriotismus. Diese Fragen, in den USA brennend aktuell, stoßen hierzulande doch eher auf theoretisches Interesse.

Ein großes Plus dieser Vorlesungen ist ihre Praxisnähe. Hier philosophiert jemand atemberaubend down to earth. Das geht oft auf Kosten der Tiefenschärfe. Jeder halbwegs philosophisch Vorgebildete wird sich unterfordert fühlen. Andererseits macht es Spaß, Sandels handfesten Fallbeispielen und moralischen Dilemmata zu folgen.
Am Ende hat man einiges über die politische Debatte in den USA gelernt. Zur europäischen Debatte um Neoliberalismus und die Grenzen des Marktes und dringend notwendigen neuen Ansätzen einer gerechten Sozial- und Wirtschaftspolitik angesichts (angeblich) leerer Kassen tragen Sandels Überlegungen nichts bei.

Thomas Askan Vierich in FALTER 11/2013 vom 15.03.2013 (S. 30)


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