Selam, Frau Imamin
Wie ich in Berlin eine liberale Moschee gründete

von Seyran Ateş

€ 20,60
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Verlag: Ullstein Buchverlage
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 304 Seiten
Erscheinungsdatum: 16.06.2017


Rezension aus FALTER 26/2018

„Die Auslands­finanzierung gehört gestoppt!“

Seyran Ateş über ihr Leben als Imamin, die Schließungen der Wiener Moscheen und die Gelder aus dem Ausland

Inmitten eines Pulks von Cobra-Männern betritt die kleine Frau den vollbesetzten Vortragssaal im Grazer Kunsthaus. Seyran Ateş, 55, Imamin und Begründerin der ersten Moschee Deutschlands, in der Frauen und Männer gemeinsam beten können, steht rund um die Uhr unter Personenschutz. Morddrohungen kennt die Anwältin, Feministin und Autorin türkisch-kurdischer Herkunft seit Jahrzehnten. Als sie 21 war, wurde eine ihrer Klientinnen in der Frauenberatungsstelle erschossen, Ateş überlebte das Attentat nur knapp. Seit der Eröffnung der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin ist es wieder schlimmer geworden. „Du gehörst vergewaltigt und gevierteilt“, muss sie in Mails lesen. Nach der Podiumsdiskussion in Graz, organisiert vom Österreichischen Integrationsfonds, sprach der Falter mit ihr auch über die von der Regierung Kurz/Strache verkündeten Moscheen­schließungen. Hatte Ateş die Aktion ursprünglich begrüßt, so relativierte sie ihre Meinung nun bezüglich der konkreten Umsetzung.

Falter: Frau Ateş, Anfang Juni haben der Bundeskanzler, der Vizekanzler sowie der Innen- und der Kultusminister die sofortige Schließung von sieben Moscheen verkündet – im Kampf gegen den „politischen Islam“. Sie sagten in einer ersten Reaktion, Sie seien froh, wenn Islamisten endlich Grenzen aufgezeigt bekämen. Inzwischen hat der Standard aber bekannt gemacht, dass alle diese Moscheen weiter in Betrieb sind.
Seyran Ateş: Oh. Das ist natürlich nicht schön. Das ist unsäglich und absurd. Wahrscheinlich ist juristisch einiges nicht möglich …

Bei einer Moschee hatte es einen Formalfehler gegeben; sie hat bereits wieder aufgesperrt. Die anderen waren gar nie geschlossen. Es dürften dort derzeit zwar keine kultischen Handlungen stattfinden, tatsächlich finden sehr wohl Freitagsgebete statt.
Ateş: Das geht natürlich nicht. Prinzipiell ist es ja höchste Zeit für eine solche Aktion. Auch in Deutschland hätte man das längst tun sollen. Aber wenn man eine solche Botschaft in die Welt setzt, sollte man sie auch konsequent durchführen. Mit allen Mitteln des Ordnungsrechts und der Polizei. Gleichzeitig muss klar sein, dass wir mit der Schließung von Moscheen das eigentliche Problem eines immer extremer werdenden Islamverständnisses nicht bekämpfen. Dazu müssen wir die Köpfe und Herzen vor allem der jungen Menschen erreichen.

Die Auswahl der Gebetshäuser erscheint ebenfalls willkürlich. Laut Extremismus- und Islam-Experten handelte es sich teils um „Bauernopfer“, während bedeutsamere Moscheen mit salafistischen Tendenzen verschont blieben.
Ateş: Natürlich sollte eine Regierung sich an den Hinweisen orientieren, die ihnen Kenner der Szene vermitteln. Ansonsten schadet eine solche Aktion mehr, als sie hilft. Ich kann nicht beurteilen, was da schiefgelaufen ist.

Den Imamen, die man ausweisen möchte, wirft man verbotene Auslandsfinanzierung vor. Nun flammt wieder die Debatte auf, warum es diese Regelung nur für Muslime gibt. Ist das Diskriminierung, oder ist es berechtigt?
Ateş: Es ist absolut berechtigt, denn in ganz Europa hat die Auslandsfinanzierung den islamistischen Terrorismus gefördert. Sie gehört gestoppt. Es gibt keinen buddhistischen, christlichen, jüdischen oder atheistischen Terror. Aktuell sind es Muslime, die uns Angst und Schrecken einjagen.

Ihre Moschee hat soeben ihr einjähriges Jubiläum gefeiert. Ist sie zum Freitagsgebet voll?
Ateş: Uns besuchen jeden Monat um die 750 Menschen, um sich die Moschee anzuschauen. Freitags sind wir natürlich nicht so voll wie manch andere Moschee. Viele trauen sich einfach nicht zu kommen: Überall stehen Personenschützer; manche haben Angst, dass sie gesehen werden und dann vielleicht nicht mehr in die Türkei fahren können. (Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan soll bei der deutschen Regierung auf eine Schließung von Ateş’ Moschee gedrungen haben, Anm.) Außerdem muss man bedenken, dass Menschen, die ihren Glauben eher liberal leben, nicht jeden Freitag in die Moschee gehen und meist auch um die Mittagszeit arbeiten.

Sie wollten auch konservativere Muslime erreichen, kommen die?
Ateş: Doch, die kommen, natürlich. Die gucken sich das an, manche sagen dann: Nee, das ist doch nicht das Richtige für mich. Andere sagen: Ich bin zwar etwas traditioneller, aber ich finde es gut, dass hier Männer und Frauen zusammen sind. Wir wollen in Zukunft auch ein eigenes Zentrum für Islamforschung eröffnen, in dem wir selbst Imame und Imaminnen ausbilden. Damit wird die Akzeptanz weiter steigen.

In Ihrer Moschee gibt es nicht die eine fixe Imamin oder den einen Imam, da können mehrere Leute predigen?
Ateş: Genau, das ist die Grundidee und wird auch so bleiben. Ich selbst bin bereits in der Funktion als Predigerin, als Imamin tätig und studiere jetzt Islamwissenschaften, weil ich theologisch noch viel stärker in der internationalen Debatte mitmischen will.

Ist denn die Finanzierung für die nächste Zeit gesichert?
Ateş: Die Finanzierung wird noch zu 70 bis 80 Prozent von mir abgesichert. Der Rest kommt aus privaten Spenden von Leuten, die an dieses Projekt glauben. Das sind Muslime, die wie ich die Nase voll davon haben, dass unsere Religion nur noch für Terrorismus und gewalttätige Männer steht. Aber es sind auch Christen oder sogar Atheisten, die ein Friedensprojekt unterstützen wollen.

Sie wollen auch in Wien eine liberale Moschee eröffnen. Wann wird es so weit sein?
Ateş: Bis Ende des Jahres kann durchaus schon etwas passieren. Die Räume habe ich hoffentlich bald, und das löst dann einen Dominoeffekt aus.

Wer sind Ihre österreichischen Mitstreiter?
Ateş: Ich nenne noch keine Namen, die Betreffenden wollen das noch nicht. Es fehlt keineswegs an Interessierten, aber manche müssen sich entscheiden, ob sie bereit sind, eventuell eine Zeitlang unter Personenschutz zu leben. Das ist die größte Hürde.

Gerlinde Pölsler in FALTER 26/2018 vom 29.06.2018 (S. 15)


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