Thomas Bernhard
Ein österreichisches Weltexperiment

von Alfred Pfabigan

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Verlag: Zsolnay
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 6/1999

Überleben und Werk

In seinem umfangreichen Werkporträt spürt Alfred Pfabigan dem Bernhardschen Gesamthelden nach.

Immer neue Ritter stellen sich dem Turnierkampf, doch die Prinzessin kriegen sie nicht, die schüttelt immer nur den Kopf, grinsend, soviel ich sehe. Sie hat sowieso ihre lebenslängliche Unberührbarkeit beschlossen. Thomas Bernhard wurde nicht müde, die Verstehbarkeit seiner Worte und die Wahrheit aller Worte zu dementieren. Ein Beispiel für viele: "Ich spreche die Sprache, die nur ich allein verstehe, sonst niemand, und die glauben, sie verstünden, sind Dummköpfe und Scharlatane" ("Der Keller").

Das muß sich auch Alfred Pfabigan sagen lassen, doch er fühlt sich von solchem Bescheid nicht angesprochen, bezieht das Kopfschütteln Bernhards auf andere (die "Bernhard-Konformisten") und beharrt auf seinem Wahrheitsanspruch. Dazu hat der Autor des soeben erschienenen Buches "Thomas Bernhard. Ein österreichisches Weltexperiment" auch guten Grund, nicht nur weil es Bernhard faustdick hinter den Ohren hat, sondern auch weil er Bernhards Wahrheitsdementi (mindestens) mit Hilfe der Psychoanalyse "hintergeht", d.h. die Wahrheit über Bernhards Wahrheitsdementi weiß; also z.B., daß auch das Kopfschütteln zur Sexualgestik gehören kann.

Pfabigan liest aus Bernhards Werk Bernhards (innere) Biografie. Der Werk-Bogen meldet ihm vor allem Bernhards geglücktes Überleben, vielleicht sogar Ansätze zu einem geglückten Leben: Diese überraschende, gleichwohl akribisch und systematisch belegte Interpretation allein lohnt schon die Lektüre des (438 Seiten) dicken Buchs und sollte die Lesemüdigkeit.

Aber die große Empfehlung reicht weiter: Pfabigans Ansatz ist, soweit ich sehe, tatsächlich neu und gewinnbringend. Er geht von einem "Gesamttext" aller Bernhard-Texte aus, dem sich ein entscheidendes Mehr an Information ablesen läßt. Die Protagonisten von Bernhards Romanen (Pfabigan konzentriert sich auf die Prosa) ergeben in Reihe einen durch die verschiedenen Stationen und Variationen geführten Bernhard-Helden, der wie im historischen Entwicklungsroman sein Leben als Lebenskunst vorführt; hier als Prozeß einer allmählichen Klärung und einer Genesung von seinen Existenzverletzungen.

Der Blick vom Gesamttext aus ermöglicht neue Einsichten in Zusammenhänge, Entwicklungen, Spannungen und Lösungen der lebenslangen und lebensnotwendigen "Geistesarbeit" Bernhards. Seine Überzeugungskraft bezieht das Unternehmen aus Pfabigans gründlicher Intimität mit dem Gesamtwerk, die selbstverständliche biografische, philosophische und die außerordentliche tiefenpsychologische Kompetenz.

Konkret tritt Pfabigan mit seinen Erkenntnissen der liebgewonnenen "Ein-Buch-These" (Bernhards literarische Entwicklung bestehe aus der Wiederholung), der durchgehend pessimistischen Werkauslegung (aus der dominanten Rezeption des Frühwerks), aber auch der "Sprachrohr-These" (Bernhards Figuren seien einfach Bernhards Sprecher) entgegen.

Bernhard führte seinen Kampf ums Leben paradoxerweise gegen das Leben: Um sich der "chthonischen" Bedrohung zu erwehren (der "verbrecherischen" Natur, der Frau als der verkörperten Rücksichtslosigkeit dieser Natur und vor allem der vernichtenden Dominanz der Mütter), vollzieht Bernhard, sozusagen um das "Urverbrechen" der geschlechtlichen Zeugung wettzumachen, eine Art kultureller Selbstzeugung als "Geistesmensch"; dessen Überlebenstugend ist Lebensabweisung: absolute Künstlichkeit, höchste Kopfansprüche, Naturhaß und Misogynie ("apollinischer Wahn"). Den Kampf gegen das und mit dem Geschlecht führt Bernhard auch mit Hilfe einer untergründig sexualisierten Privatsprache, wie Pfabigan überzeugend nachweist.

In den letzten Kapiteln seiner "Geistesarbeit" sei, so Pfabigan, der todesnahe Bernhard lebensbejahend genug, um seinen Gesamthelden mit Lebenslösungen auszustatten: Murau (in "Auslöschung") findet als erster einen Gegenort zu seiner traumatischen Herkunft aus Familie und Familienbesitz: Italien; Reger (in "Alte Meister") gelingt erstmals die Relativierung der absoluten, also unlebbaren Ansprüche des "Geistesmenschen".

Mit Fortschreiten des Werkes kann Bernhard seine Protagonisten immer besser abnabeln, sodaß sie nicht nur Sprachrohre ihres Autors sind, sondern auch Objekte werden, durchaus solche von Kritik und Satire ihres Autors. "Heldenplatz" z.B. wird für Pfabigan auch als eine kritische Abrechnung Bernhards mit seinen eigenen Österreich-Beschimpfungen lesbar, insoferne sich die Österreich-Beschimpfungen der Familie Schuster als mißbräuchlich erweisen lassen: "Eine pathogene Familie einigt sich darauf, daß sie gesund ist und daß es Österreich ist, woran sie leiden."

Das Werk repräsentiert das Leben, aus den Werkstrategien lassen sich Lebensstrategien ablesen: Der (v. a. bei Bernhard sehr naheliegende) biografische Interpretationsansatz zeigt dort seine Schwächen, wo es ästhetische Rechtfertigungen des Werks bräuchte. Pfabigan empfindet "Auslöschung" (Bernhards letzterschienenen Roman, gegen den es in der Kritik auch reichlich Einwendungen gegeben hat) als Bernhards "Meisterwerk", und man hat den Eindruck, daß die Freude über das gelungene Leben darin dessen Einschätzung als gelungenes Werk alimentiert.

Unterrichtsminister Herbert Moritz hat seinerzeit Thomas Bernhard eindeutig zweideutig zu einem "Thema der Wissenschaft" (und "nicht allein der Literaturwissenschaft") erklärt. Prinzipiell hat er mit diesem Stammtischurteil recht. Bernhard ist ein Fall für die Wissenschaft; Psychologie, Tiefenpsychologie und eventuell Psychiatrie sind für uns alle zuständig. Zu "retten" ist Bernhard im Grunde nur über die ästhetische Argumentation.

Bernhard hat schreibend Leben bewältigt, Leben bewältigend um sich geschlagen, um sich schlagend auch Moritz getroffen. Dieser war außerstande, das auch als Poesie anzuerkennen, und hat außerpoetische Wissenschaft zu Hilfe gerufen. Pfabigan nimmt diese außerpoetische Wissenschaft zu Hilfe, freilich um Bernhard zu verstehen, nicht um ihn krankzuschreiben. Aber prinzipiell sitzt er damit mit Moritz am selben Tisch, wenn auch als Meinungsgegner. Die kulturelle Inkompetenz von Moritz bleibt unerwiesen, weil am Tisch nicht auch der Kunstcharakter von Bernhards Werk diskutiert wird.

Es ist nicht zu verlangen, daß Pfabigans Buch auch noch den ästhetischen Diskurs aufnimmt; aber das Ästhetik-Defizit begünstigt ein Verrutschen der Qualitätsmaßstäbe. Der lebensunfähige Maler Strauch beeindruckt (mich) poetisch mehr als der von Pfabigan protegierte lebensfähige Fürst Murau (wahrscheinlich weil Strauchs ungelöste Leiden höheren poetischen Druck erzeugten als Muraus gelöste, die schon rationale und pragmatische Auswege kennen). Das ist auch allgemeiner gegen die Bernhard-Literatur gesagt, die sich mit ihrer eindeutigen Neigung zum lebensbezogenen Werkaspekt viel von ihrer literarischen Urteilsfähigkeit nimmt.

Das kleine Bedenken schmälert das große Verdienst von Pfabigans Buch allerdings nicht.

Helmut Gollner in FALTER 6/1999 vom 12.02.1999 (S. 57)


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