Ich wollte immer glücklich sein
Das Schicksal eines jüdischen Mädchens im zweiten Weltkrieg

von Edith Velmans-van Hessen

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Zsolnay
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Die holländische Jüdin Edith van Hessen überlebte die Nazi-Zeit dank der Anständigkeit einer calvinistischen Familie und einer fingierten Identität.

Das Schicksal eines jüdischen Mädchens in den besetzten Niederlanden. Wer denkt da nicht sofort an Anne Frank, die – wie der Historiker Wolfgang Benz befürchtet – als Mythos den Platz des Opfers, das Zeugnis ablegt, besetzt hält. Das wäre schade. Denn die 1925 in Den Haag geborene Edith van Hessen hat ihre eigene Geschichte, die natürlich ganz anders ist, aber mindestens so bewegend.
Auch van Hessen gehörte zu den 24.000 Juden – eine bemerkenswert hohe Zahl für das kleine Land –, die von Niederländern unter Bedrohung ihres Lebens versteckt wurden. Aber sie gehörte nicht wie Anne Frank zu den 8000 – auch das sind bemerkenswert viele –, die verraten und deportiert wurden. Ihr Versteck war auch ganz anderer Art als das von Anne: Sie wurde nicht in einem Hinterhausdachgeschoss zusammen mit jüdischen Familienmitgliedern und Freunden vor aller Welt verborgen, sondern sie verbarg, ausgestattet mit falschem Pass, als rotblonde Nettie Schierboom ihre jüdische Identität und nahm ansonsten teil an dem Leben ihrer calvinistischen Gastfamilie zur Kleinsmiede in Breda. Und da ihr Versteck die terrorisierte "judenfreie" Öffentlichkeit war, weiß sie davon auch viel mehr zu berichten als die aus der erzwungenen Isolation in ihre pubertären Fantasien und Empfindungen flüchtende Anne Frank.
Die aberwitzigsten Zumutungen hatte Edith van Hessen zu bestehen: Die Zur Kleinsmiedes wohnten, was Edith erst feststellte, als sie im Sommer 1942 dort ankam, direkt gegenüber einer von Deutschen besetzten Kaserne, an der sie bei ihren täglichen Einkäufen vorbei musste. Damit nicht genug; direkt neben ihrem Zimmer im Dachgeschoss war ein deutscher Offizier zwangsweise einquartiert. Edith alias Nettie musste täglich sein Zimmer aufräumen und ihm sonntags den Kaffee ans Bett bringen. Was als unzumutbare Schikane erscheint, gedieh ihr – wie sie bei allem Widerwillen bald begriff – zum Schutz; mit solcher Dreistigkeit rechnete niemand.
Zu den Vorsichtsmaßnahmen gehörte auch, dass Edith in ihrem Versteck kein Tagebuch mehr führen durfte, sie schrieb stattdessen verklausuliert ihren ebenfalls auseinander gerissenen Eltern. Gestützt auf deren Antworten und ausgewählte Tagebuchaufzeichnungen von 1938 bis zum Juli 1942 (und ab Ende 1944), erzählt Edith van Hessen wohl reflektiert aus der Distanz ihre Geschichte, die aus dem privaten Blickwinkel konkrete Einblicke in das Leben im besetzten Holland gibt.
So wird zum Beispiel deutlich, wie die fatale Illusion vieler einheimischer Juden, in den Niederlanden sicher zu sein, zustande kommen konnte: Trotz der zunehmenden Eliminierung der Juden aus dem öffentlichen Leben (aus Ediths geliebten Segel- und Rudervereinen, Cafés, Theatern und Schulen; hart traf sie zudem die wohl hollandspezifische Maßnahme der Konfiszierung aller "jüdischen" Fahrräder) hielten viele aus ihrem bunt gemischten großen Freundeskreis nach wie vor zu Edith und ihrer Familie. Ihren ersten Kuss bekam die überglückliche 15-Jährige von dem nichtjüdischen Adrie, der ihr schließlich auch das Untertauchen bei der Familie zur Kleinsmiede vermittelte.
Mit angestrengter Munterkeit widersetzte man sich der wachsenden Bedrohung: Noch am 4. Mai 1942 schreibt Edith: "Wir tragen alle unsere Sterne. Es bringt mich dauernd zum Lachen. Was für ein Blödsinn, dieses dämliche Getue mit diesen Sternen (...). Die Leute, die Sterne tragen, werden auf der Straße gegrüßt. Die Herren ziehen den Hut, und man bekommt allerlei aufmunternde Bemerkungen zu hören. Es ist toll."
Aber schon kurz darauf enthüllte sich ihr die Tollheit als gefährlicher Wahnsinn: Ihr Bruder Jules wurde verraten und kam in Birkenau um, ihre kranke Mutter wurde wie ihre deutsche Großmutter nach Sobibor deportiert, ihr Vater starb kurz darauf an Krebs.

Trotz dieser erschütternden Schicksale ist Edith van Hessens Geschichte wie ein Lichtstrahl inmitten der von abgründigem Schrecken und Entsetzen erfüllten Erinnerungsliteratur. Weil sie nicht nur vom Überleben erzählt, sondern vor allem von dem, was Edith am Leben hielt und hält: die selbstverständliche, aber in diesen finsteren Zeiten fast wunderbare Anständigkeit der Familie zur Kleinsmiede und ein starker Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen, stark zu bleiben.
Wille und Stärke verdanken sich nicht nur dem zufälligen Glück, dem "luck", das die junge Jüdin vor dem Entdecktwerden und den Erfahrungen von Deportation und KZ bewahrte, sondern einzelnen Glücksmomenten. Das Glück, das sie – davon zeugen auch die beigefügten Fotos – im geborgenen Kreise ihrer Familie und zahlreicher Freunde erfuhr und "wie Sonnenstrahlen für immer einfangen, festhalten und versiegeln" wollte, half ihr über die oft drohende totale Verzweiflung und unbändige Hass- und Rachegefühle angesichts all des Elends hinweg. Eines Elends, das sie zum Teil selbst erlebte, dessen ganzes Ausmaß sie erst nach dem Krieg erfuhr: Für die Verschonte kam "mit dem Frieden das Leid".
So eröffnet van Hessen erstaunlich unsentimental und in humanem Ton reflektierter Milde, die nichts mit trivialisierender Naivität, eher schon mit entschlossener Güte zu tun hat, wahrhafte Residuen der Menschlichkeit und Liebe in dunkelster Zeit.

Iris Buchheim in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 6)


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