Weltkomödie Österreich
13 Jahre Burgtheater 1986 bis 1999. Band 1: Bilder, Band 2:Chronik

von Hermann Beil, Jutta Ferbers, Claus Peymann, Rita Thiele

€ 72,00
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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Kunst/Theater, Ballett
Umfang: 1352 Seiten
Erscheinungsdatum: 30.05.1999

Rezension aus FALTER 17/1999

Last Picture Show

Was von 13 Jahren Claus Peymann am Burgtheater bleiben wird, sind 1348 Seiten bedrucktes Papier: Demnächst erscheint die monumentale Chronik "Weltkomödie Österreich". Ein Besuch in der Redaktion.

Die Ära Peymann ist auch an den Wohnzimmern der Burgtheaterbesucher nicht spurlos vorübergegangen. Die Programmbücher, die zu den Aufführungen herausgebracht wurden, waren zu umfangreich und wertvoll, als daß man sie einfach wegwerfen hätte können (Rekord waren die 630 Seiten, die zu "König Ottokars Glück und Ende" geliefert wurden). Sie landeten im Bücherregal, wo sie, je nach Theaterbesuchsfrequenz, dementsprechend viel Platz einnehmen. Gut 200 Programmbücher hat die Dramaturgie des Burgtheaters in den vergangenen 13 Jahren produziert. Und das war noch lange nicht alles.

Seit mehr als einem halben Jahr ist die gesamte Dramaturgie des Burgtheaters mit der Vorbereitung einer Inszenierung beschäftigt, die nie auf die Bühne kommen wird. Gemeint ist das monumentale Buchprojekt "Weltkomödie Österreich", das die Ära Peymann in zwei Bänden und auf insgesamt 1348 Seiten dokumentieren soll. Bereits seit Mitte Dezember wird die Werbetrommel gerührt; beinahe wöchentlich wurden Presseaussendungen verschickt. Auf die Meldung "Burgtheater-Buch auf dem Weg zum Bestseller" vom 15.12. folgte am 22.12. die Mitteilung, daß ÖVP-Klubobmann Andreas Khol "nicht weniger als 10 Exemplare des spektakulären Burgtheater-Buchs" bestellt habe und damit "Spitzenreiter unter den ,Großbestellern'" sei. Am 31.12. war bereits von einem "Burgtheater-Buch-Boom" die Rede: Mehr als die Hälfte der auf 4000 Exemplare limitierten Erstauflage war zu diesem Zeitpunkt bereits zum Subskriptionspreis verkauft. (Danach geriet der Bestellschwall anscheinend ein wenig ins Stocken - jedenfalls ist die erste Auflage noch immer nicht ganz ausverkauft.) Die "Premiere" wurde - wie zu Peymanns besten Zeiten - immer wieder verschoben; Anfang Mai aber soll es nun tatsächlich soweit sein: Das dickste Theaterbuch der Welt wird ausgeliefert.

Die Szene ist das sogenannte Erzherzog-Zimmer im Direktionstrakt des Burgtheaters. Früher haben sich hier Durchlauchten vor der Vorstellung frischgemacht, später diente der Raum als Büro für die Regieassistenten. Seit September befindet sich hier die "Redaktion" für die "Weltkomödie Österreich" (der Titel ist aus "Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen" von Thomas Bernhard entnommen). Als dem Falter Zutritt gewährt wird, ist die Sache zwar bereits gelaufen, die fertigen Druckfahnen aber unterliegen immer noch strenger Geheimhaltung ("Kann man die Seiten schon sehen?" - "Sie nicht!"). Nicht zu übersehen sind die Spuren der monatelangen Arbeit: Regale mit Aktenordnern und Kisten mit Papier verstellen den Blick auf die imperiale Pracht der Gründerzeitarchitektur; dafür kleben an allen Ecken Merkzettel, die auf die sonderbare Schreibweise eines Schauspielerinnenvornamens ("Babett Arens!") hinweisen oder ungeklärte Fragen in den Raum stellen: "Wann hing am Burgtheater ein Transparent, auf dem aufgezählt wird, aus wie vielen Ländern die Mitarbeiter des Burgtheaters kommen?" (Antwort: Im Jänner 1993, als die FPÖ das "Ausländervolksbegehren" veranstaltete).

"Das war hier fast schon wie in einer Manufaktur um die Jahrhundertwende", beschreibt Kodirektor Hermann Beil die Arbeit der vergangenen Monate. Auch das Layout wurde, im sonst nur noch beim Falter üblichen Klebeumbruch, von der Redaktion besorgt. "Zu Ostern hatten wir das erste freie Wochenende in der Spielzeit", stöhnt die berühmte Peymann-Assistentin Christiane Schneider. Ja, man könne das durchaus mit einer Inszenierung vergleichen. "Harte Proben, kann ich Ihnen sagen!" Zum Interview hat sich fast die gesamte Crew im Erzherzog-Zimmer eingefunden; neben Beil und Schneider gehören Jutta Ferbers, Claudia Kaufmann-Freßner, Konrad Kuhn, Sabine Reich, Claudia Romeder-Szevera, Rita Thiele und Astrid Thomessen zur Redaktion. Dazu kommt natürlich Claus Peymann, aber der ist derzeit mit seiner allerletzten Burgtheaterinszenierung (Peter Handkes "Die Fahrt im Einbaum") beschäftigt und auch deshalb unabkömmlich.

Die "Weltkomödie Österreich" wird in zwei Akten erzählt. Der über 700 Seiten starke erste Teil ist ein Bildband, der Fotos von allen Aufführungen zeigt und auch jene - in verschiedenen Printmedien teilweise bereits vorabgedruckten - Essays enthält, die bei dem Haus verbundenen Autoren (Jelinek, Heller, Ransmayr, Turrini u.a.) in Auftrag gegeben wurden. Der zweite, etwas schmälere Band ist eine Chronik der laufenden Ereignisse: mit wissenschaftlicher Akribie recherchierte Spielpläne, Besetzungen, Statistiken; dazu eine Montage aus Kritiken, Interviews, Briefen, interner Korrespondenz, Publikumsgesprächen und anderen Dokumenten. Ausklappbare Seiten und eingelegte Poster sollen für spielerische Effekte sorgen; die Bilder und Texte zu den nach Redaktionsschluß (1. April) herauskommenden Produktionen werden in Form eines 32 Seiten starken Supplement-Heftes nachgeliefert.

So wie die Form der Programmbücher ist auch das Konzept für das Abschiedsbuch eine Übernahme aus Bochum. Der 1986 erschienene (und längst vergriffene) Band über das "Bochumer Ensemble" fiel mit 650 Seiten zwar deutlich bescheidener aus (Peymanns Bochumer Ära dauerte ja auch nur sieben Jahre), war im Prinzip aber genauso aufgebaut wie sein Wiener Pendant. "Wir haben unsere eigene Idee weiterentwickelt", sagt Hermann Beil. "Ich glaube, daß der Bildteil schon sehr anders ist. Und die Chronik ist optisch frecher und vielfältiger geworden." Schon das jeweils vorhandene Ausgangsmaterial sei nicht zu vergleichen. "In Bochum paßte das alles in einen größeren Schrank. Hier ist ungleich mehr an Bild- und Textmaterial vorhanden." Im Erzherzog-Zimmer ist nur ein Teil der gesammelten Dokumente untergebracht; insgesamt füllen die diversen Drucksorten mehr als 200 Ordner. "Das Problem ist, daß schon das Material einer Spielzeit für ein dickes Buch reichen würde", seufzt Beil. "Aber dann wäre das ja ein Lexikon in 13 Bänden geworden!" Wie Beil das sagt, ist nicht ganz auszuschließen, daß er das eigentlich doch für die bessere Idee gehalten hätte.

Der Bildteil ist nicht chronologisch, sondern nach Autoren bzw. Themen geordnet. "Die Fotos erzählen auf ganz sinnliche Weise die Theaterrealität des Abends: Schauspielergesichter, Menschen im Raum - große Gefühle", schwärmt Jutta Ferbers. "Man sieht, daß zu bestimmten Autoren ganz eigene Ästhetiken entstanden sind - auch wenn die Stücke teilweise von verschiedenen Regisseuren inszeniert wurden", kommentiert Rita Thiele die Last Picture Show in Farbe und Schwarzweiß. Das Ziel sei gewesen, zu einer Aufführung nicht einfach nur eines oder mehrere Fotos abzubilden, sondern "etwas von der Atmosphäre zumindest ahnbar werden zu lassen", sagt Hermann Beil. "Wir haben uns auch alle möglichen anderen Theaterbücher angesehen. Die Schaubühne zum Beispiel hat zu ihrem 25jährigen Jubiläum ein ganz braves Buch herausgegeben: zu jeder Aufführung ein Bild und die Besetzung, das ist es. Da hat man beim Durchblättern nicht das Erlebnis, das man damals im Theater vielleicht gehabt hat."

Für die Chronik konnte man aus dem vollen schöpfen. Vom ersten Tag an wurde - "einfach aus Sammlerleidenschaft" (Beil) - alles aufgehoben, was sich nur irgendwie aufheben ließ. Damit wurde eine uralte Tradition weitergeführt: In den Katakomben des Burgtheaters lagern Dokumente aus einem Jahrhundert Burgtheatergeschichte. "Das Archiv ist wirklich phantastisch", sagt Beil. "Man kann seine eigene Geschichte immer wieder nachlesen." Wobei die Zeit zwischen 1986 und 1999 mit großer Wahrscheinlichkeit der am besten dokumentierte Abschnitt ist und wohl auch bleiben dürfte. Grundsätzlich sprechen in der Chronik die Dokumente für sich; nur wenn es gar nicht anders ging, wurden erklärende Texte hinzugefügt. Auch das Archiv der Ära Peymann ist, man muß es so hart sagen, nicht ganz lückenlos. Aus irgendeinem Grund wurde beispielsweise verabsäumt, interne Gespräche und Telefonate aufzuzeichnen - was sich jetzt als ernstes Problem erweist. "Vieles im Theater passiert nur mündlich", sagt Hermann Beil zerknirscht. "Der entscheidende Einfall ist in einem Gespräch, aber das ist nirgends notiert! Insofern war es für uns auch ein Bedürfnis, manches Detail nochmals aufzuschreiben."

Was vom Theater, dieser vielleicht flüchtigsten aller Kunstformen, bleibt, sind in erster Linie Kritiken. Der Skandal, ausgerechnet in den Berichten ihrer natürlichen Feinde weiterleben zu müssen, ist für Theaterleute nur schwer zu ertragen. In Büchern wie diesem können sie ihren Nachruhm wenigstens teilweise ins rechte Licht rücken - obwohl Kritiken natürlich auch in der "Weltkomödie Österreich" eine nicht unwesentliche Rolle spielen. "Ich finde das Nachlesen von Kritiken gar nicht so unspannend", gibt Rita Thiele zu. "Man macht da auch ganz eigenartige Erfahrungen. Am liebsten würde ich Kritiken jetzt überhaupt nur noch fünf Jahre später lesen, weil da fängt es erst an, interessant zu werden. Unmittelbar nach der Premiere hat man manchmal das Gefühl, das hat mit meiner Arbeit überhaupt nichts zu tun, was da geschrieben wird."

Dazu komme der retrospektiv gewonnene Eindruck, daß die Pro- und Kontra-Positionen am Anfang bezogen und dann konsequent durchgehalten wurden, meint Thiele. "Was mich beim Lesen der Kritiken immer wieder auf 180 gebracht hat, waren die offensichtlichen Gemeinheiten", ergänzt Christiane Schneider. "Ich weiß nicht, ob es noch ein Theater gibt, das so viel einstecken mußte. Da bin ich immer neu in Erregung gekommen, wenn ich das gelesen habe." Hermann Beil wiederum gibt zu bedenken, daß Kritiken nicht unbedingt den Eindruck des Publikums widerspiegelten. Zum Beispiel sei er vor der Premiere von Peymanns "Richard III."-Inszenierung immer wieder auf eine Produktion von Leopold Lindtberg angesprochen worden, die fulminant gewesen sein soll. Als er dann aber für das Programmbuch eine kleine "Richard"-Aufführungsgeschichte zusammenstellte, hatte Beil "die allergrößte Mühe, über diese hochgelobte Inszenierung eine halbwegs positive Kritik zu finden". (Ein Problem, mit dem die Redaktion möglicherweise auch bei der Arbeit für das Buch das eine oder andere Mal konfrontiert wurde.)

"Das Besondere an diesem Buch ist auch, daß es von den Leuten geschrieben wurde, die an der Theaterarbeit beteiligt waren", faßt Jutta Ferbers zusammen. "Vielleicht ist es auch symptomatisch für diese Direktion und diese Dramaturgie, daß das Konzept während der Entstehung des Buches entwickelt und immer wieder umgeworfen wurde. Daß man durch den Inhalt stets auch die Form in Frage gestellt hat."

Gemeint ist damit natürlich Claus Peymann. Daß der für seine penible Genauigkeit gefürchtete Chef das Team mit seinen Korrekturvorschlägen immer wieder zur Verzweiflung gebracht hat, kann man sich lebhaft vorstellen. "Er ist ja auch irgendwie anregend", schränkt Christiane Schneider ein. "Das Gute war, daß Peymann manchmal reinkam und in Frage stellte, ohne die Entstehungsprozesse zu kennen - man kann sich ja auch in etwas verrennen. Manchmal hat man ihn auch gehaßt - das muß man schon sagen -, aber es ist letztlich immer wieder was Produktives dabei herausgekommen."

Wolfgang Kralicek in FALTER 17/1999 vom 30.04.1999 (S. 20)


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