Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt
Roman

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Zsolnay, Paul
Genre: Belletristik
Erscheinungsdatum: 14.02.2000

Rezension aus FALTER 12/2000

Für sein neues Prosabuch "Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt" hat sich Franzobel wesentlich mehr Zeit genommen. Nach dem Roman "Böselkraut und Ferdinand" (1998), den der Autor retrospektiv als ein Kinderbuch bezeichnet, liegt mit ihm nunmehr ein wirkliches Prosahauptwerk vor. Zur Präsentation hat sich der Zsolnay Verlag etwas Besonderes einfallen lassen. Die zweifache Europameisterin und Olympiamedaillengewinnerin im Eiskunstlauf, Ingrid Wendl (eine bekennende Katholikin), wurde engagiert, um mit dem stadtbekannt kirchengeschädigten Fritz Ostermayer ein einleitendes Gespräch zu führen. Dabei war Wendl von dem Buch anfänglich gar nicht amused. Schon nach wenigen Seiten überfiel sie das unangenehme Gefühl, hier als moralisches Alibi für einen pornografischen Text mit detaillierten Auslassungen über Kindesschändung und andere ekelerregende Vorgänge missbraucht zu werden. Drei Männer waren nötig, um die "Seniorenclub"-Moderatorin von der Harmlosigkeit des Buches zu überzeugen: der eigene Ehemann, der Verlagsleiter und schließlich, und entscheidenderweise, der Autor selbst; ein "ausgesprochen netter und lieber Mensch", den Wendl schon früher in ihre Sendung geladen hatte und dem nun wirklich keine böse Absicht zu unterstellen war.
Mit dieser Einschätzung hat Wendl zweifellos Recht. An seiner literarischen Vorlage, erklärt Franzobel, hätten ihn nicht die pornografischen Details, sondern die handelnden Charaktere interessiert. Die Tatsache, dass es sich bei Josefine Mutzenbacher um eine Kinderprostituierte und bei ihrem Vater um einen brutalen Proleten handelt, habe er in seiner Familie Wurznbacher eins zu eins umgesetzt. Bei all den verrückten und seltsamen Figuren aus "Scala Santa" sei für ihn der Hugo Wurznbacher doch die eigentliche Hauptfigur geblieben; wobei aber zuzugestehen sei, dass die Szene, in der die Brutalität dieses Mannes sehr unverblümt zum Ausdruck kommt, nicht nur an die Nieren von Frau Wendl, sondern an jene vieler anderer Vorab-Leser ging: Hugo Wurznbacher "ruhte ganz in seinem Körper, als er mit dem Tapezierermesser die Oberhaut aufschnitt, den Fleischwolf auf den Klodeckel montierte und portionsweise seine Frau ins WC faschierte. Er passte auf, dass das Gelee des nicht mehr frischen Blutes nicht auf Stoffe fiel. Sah sich selber, wie er nach und nach Teile aus ihr schabte, Knochen freilegte, Organe ..."
Passagen wie diese legen den Verdacht nahe, dass es dem Autor doch um mehr geht als um gute Unterhaltung. Und tatsächlich: Ab und zu überkommt Franzobel während des Schreibens das Gefühl, nicht nur für jemanden, sondern gegen etwas anschreiben zu müssen. Gegen die katholische Kirche beispielsweise und deren über Jahrtausende kultivierte Liebe zum Schmerz, oder auch gegen den freien Markt und dessen Ungerechtigkeiten. Umgekehrt nützt Franzobel aber die Lizenzen der postmodernen Verfügbarkeit bewusst aus: Hedonistisch verwertet er den kulturellen Bilderfundus, egal, ob er direkt aus dem Katholizismus stammt oder über Heimito von Doderer vermittelt wurde. Doderers Romantheorie, die eine Theorie der absoluten Kontrolle ist, sei ihm bei "Scala Santa" völlig egal gewesen, er habe sich in dem Buch vom Inhalt der dodererschen Großromane anregen lassen, von den vielen Figuren, die da nebeneinander leben und sich einander in die Haare oder ins Bett kriegen. Die Figuren von "Scala Santa" stattet Franzobel mit überlangen Laufleinen aus; die Leute wirbeln durch die Stadt und treffen dann eher zufällig an Orten aufeinander, an denen (anders als bei Doderer) nicht der Genius Loci, sondern Mord & Verbrechen, Dildos & Pornos zu finden sind. Im Geschäft des feisten Fridolin etwa, in dem Matrosenpuppen, Strapse und Ähnliches vertrieben werden, findet sich ein solcher Knotenpunkt; ein anderer liegt in der Wiener Vorstadt, wo ein ermordeter Passant vor einem Fotogeschäft von Schaulustigen umringt wird. Nebenan macht sich die kleine Wurznbacher unter ihrem Lebensmotto "Schlaffes aufzurichten" über die Spatzis der guten und bösen Onkels her; der Pfarrer Hutwelker empfindet die "Temporärstigmatisierung" seiner Köchin Klementine Zitzelfeigler (die jeden 15. des Monats wiederkehrt und von der frommen Bevölkerung als das "Wunder von Währing" bezeichnet wird) eher als Prüfung denn als Segen; der Kommissar Ponstingl-Ribisel versucht mit seiner abstrusen "Quadrat"-Theorie und unter Mithilfe seiner beiden Assistenten Krumpl und Knechtl auch noch den Mord an der kleinen Anna Hasentütl aufzuklären; der Hausmeister Ladislaus Stangl macht sich seine Rätsel selbst, zu deren Lösung er verwegene Strategien ersinnt; im Hintergrund treiben apokalyptische "Anfangsjäger" und geile "Popologen" ihr Unwesen; die unterschiedlichsten Welterklärungsmodelle treffen in dem Buch aufeinander.
Auch mit literarischen Anspielungen spart Franzobel nicht: Eine Köchin bekommt den Namen des Mutzenbacher-Autors Salten, ein Sargträger kurzerhand ein "Thomas-Bernhard-Gesicht" verpasst, und Rita Endres singt den Schlager "Einmal muss ein Schluss auch sein", was den wahren Bernhardologen unwillkürlich an Ria Endres' Thomas-Bernhard-Abrechung, "Am Ende angekommen", denken lässt. Die meisten Anspielungen Franzobels funktionieren aber nach einem viel simpleren Muster, der Text ist selten übertrieben gelehrig, die Witze manchmal ausgesprochen platt.
Eine gewisse Frechheit gegenüber literarischen Traditionen und die weitgehende Freiheit von Etikettierungen (insbesondere, was das so genannte "Experiment" betrifft) sind es gewesen, die der Autor für sein Schreiben von Beginn an offensiv genutzt hat. In "Scala Santa" hat diese Frechheit gesiegt: Die Figuren werden von Kalauern in ihre Bahnen gesetzt, dabei kreuzen und akkumulieren sie alles, was zwischen Mayerling, Duchamps und den Wiener Aktionisten für eine Pointe geeignet scheint. Dazu passt, dass der Roman tatsächlich ein sprichwörtliches Ende hat: Die Wege der Figuren enden dort, wohin alle Wege führen, nämlich in Rom - und zwar auf jener Stiege, die im Jahr 326 in die Heilige Stadt gekommen ist und über die der Legende nach Jesus zu Pilatus geführt wurde. 1998 ist Franzobel selbst über die 28 Stufen gekrochen, die man nur auf Knien betreten darf, und hat dabei den Plan gefasst, seine Figuren am Ende des Romans das Gleiche tun zu lassen, argwöhnisch beäugt von jenen Steinskulpturen, die am unteren Ende der Scala Santa stehen und die der Autor zu geschwätzigen Zwischenrufern seiner Geschichte gemacht hat.
Leicht hat es Franzobel mit seinen Figuren während des Schreibens nicht gehabt. Die skurrilen Käuze seien ihm immer wieder ausgebrochen, wie einen Knödel im Hirn habe er "Scala Santa" mit sich getragen, einen Fremdkörper, den man entfernen muss, um die nächste Schreibarbeit in Angriff nehmen zu können. Als Franzobel das sagt, ist es im wirklichen Hernals 22 Uhr und in der Wohnung urplötzlich kalt geworden. Als ich wenig später an der Tür stehe, spricht der Autor aus, was mir exakt in diesem Moment durch den Kopf geht: Eigentlich hat das Telefon während der letzten Stunden kein einziges Mal geläutet.

Klaus Kastberger in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 5)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb