Wiener Gespenster
Prosa

von Adolf Placzek

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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 112 Seiten
Erscheinungsdatum: 13.03.2000

Rezension aus FALTER 12/2000

Mit eindringlicher Schlichtheit beschreibt der Architekturkritiker Adolf Placzek die Unwirklichkeit seiner "Wiener Gespenster" im amerikanischen Exil.
Ich möchte nicht mehr in Wien leben, aber ich würde doch gern dort begraben sein", sagte die betagte Frau Weiss. Ihr ist zwar 1939 mit ihren drei Kindern die Flucht nach New York gelungen, aber angekommen ist sie dort nie richtig. Ihr Sinnen und Trachten blieben gleichsam zurück in der Heimat, die ihr keine mehr sein konnte, die aber als traumhaftes "Aber-bei-uns-Land" alles überschattete, was die neue Welt bot.
Frau Weiss ist eines der "Wiener Gespenster", die Adolf Placzek in seinem neuen Buch eindrucksvoll lebendig werden lässt, Gespenster, die nicht als böse Geister nachts andere verfolgen, sondern ganz gewöhnliche Menschen, denen Verfolgung und Flucht so nachhaltig das Blut aus den Adern gesaugt haben, dass sie in ihrer neuen Wirklichkeit in Manhattan keinen Fuß fassen können. Gespenster, die in der Wirklichkeit nichts zu bewegen vermögen und kaum von etwas bewegt werden: "Es war Weltkrieg an ihnen vorbei gewesen, ohne Wirklichkeit. Nur die Gerüchte des Schreckens, die ihre Familien drüben betrafen, drangen allmählich, wie verdrängtes Grauen, zu ihnen."
Man schreibt den Sommer 1948, und das Gespensterdasein dieser gewaltsam Entwurzelten und Entwirklichten ist nicht die paralysierte Reaktion auf einen vorübergehenden Kulturschock, sondern ein bereits neun Jahre dauernder, bedrückender Zustand anfangs- und endloser Fremde. Placzek lässt sie eindringlich spürbar werden, indem er das Trauma von Flucht und Verfolgung verschweigt und stattdessen den völlig ereignislosen Exilalltag wie -sonntag ausleuchtet, der die Gespenster im Griff hat: Frau Weiss, die einst eine wohlhabende "gnädige Frau" mit Köchin war und sich nun um den bescheidenen Haushalt und drei Untermieter kümmert; ihren 38-jährigen Sohn Carl, Dr. phil., einst ein typischer Wiener Intellektueller, jetzt "Packerlschupfer", und ihre 45-jährige Tochter Lisa, promovierte Romanistin, die nun tagtäglich in einem Damenhutgeschäft in Massen produzierte Hüte sorgfältig mit billigen Accessoirs aufputzt.
So sehr sie auch dagegen anzugehen versuchen: Die Kaffeehäuser, die grünen Wiesen im Salzkammergut, die Berge, die Barockkirchen, der charmante förmliche Umgang, dieses Österreich, an das sie sich völlig assimiliert hatten, gewinnt als endgültig verlorene, mit keiner sonntäglichen Jause zurückholbare Heimat eine solche Macht über sie, dass es sie auch von ihren Nächsten entfremdet: Die jüngste Weiss-Tochter Frieda hat kurz nach der Immigration einen Mann geheiratet, der beharrlich seine (ebenfalls jüdische) Herkunft verschweigt und erfolgreich an seiner Zukunft bastelt: Die beiden haben Haus, Garten und Kind - von der Großmutter stur Erich statt Eric genannt -, und bringen wenig Verständnis für die der Vergangenheit verfallenen Gespenster auf.
Placzek selbst ist 1940 von Wien nach New York geflohen und schließlich zum prominenten Architekturhistoriker arriviert, er weiß, wovon er spricht. Mit bestechender, ja anrührender Schlichtheit - vereinzelte hölzerne Dialoge fallen nicht ins Gewicht - macht er klar, was Exil und Neuanfang bedeuten: das Aushalten und Bewältigen der fast unerträglichen Spannung zwischen einem Gespensterdasein, dem die Zukunft mit der Vergangenheit entrissen ist, und einer Assimilation, die die Herkunft der Zukunft opfert. Das Verblüffendste an diesem schmalen Buch aber ist, dass es in seiner Fokussierung auf die durch Heimatverlust entwirklichten Menschen gerade das bestürzend deutlich macht, was es völlig verschweigt: das unermessliche Unrecht, das ihnen in ihrer Heimat angetan wurde.

Iris Buchheim in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 9)


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