Profile 5, Schluß mit dem Abendland!
Der lange Atem der österreichischen Avantgarde.

von Thomas Eder, Klaus Kastberger, Bernhard Fetz, Klaus Kastenberger

€ 13,30
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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Taschenbuch
Genre: Pädagogik/Allgemeines, Lexika
Umfang: 160 Seiten
Erscheinungsdatum: 04.04.2000

Rezension aus FALTER 14/2000

Hält man sich an die Umfrage unter österreichischen Schriftstellern, die den jüngsten Band der Profile beschließt, steht fest, dass die Avantgarde weitgehend als historisch gilt und der Begriff ungeeignet ist, emphatische Stellungnahmen hervorzubringen - sieht man von Thomas Glavinic ab, der die Auffassung vertritt, die Avantgarde habe "unseren Ruf im Ausland versaut" und "auch die nachfolgenden Generationen verhunzt". Abgesehen von solchen Statements ist es dem von Thomas Eder und Klaus Kastberger herausgegebenen Band "Schluss mit dem Abendland" um eine differenzierte Auseinandersetzung mit der österreichischen Avantgarde zu tun - vor allem in der Doppelgestalt von Wiener Gruppe und Wiener Aktionismus. Setzt sich Kastbergers einleitender Beitrag mit dem verspäteten Auftreten der Avantgarde auseinander ("Österreich hatte [] keine Avantgarde nötig, Österreich hatte seinen Karl Kraus"), so arbeitet Ferdinand Schmatz die Unterschiede zwischen der aktionistischen "Ästhetik des Gefühls" und der analytischen Herangehensweise der Wiener Gruppe am Beispiel der Gegensatzpaare Künstlichkeit vs. Natur, Bayer vs. Nitsch heraus. Wendelin Schmidt-Denglers Beitrag befasst sich mit den Korrespondenzen der Wiener Volkskomödie mit dem Theater der Wiener Gruppe, deren politische Auffassungsunterschiede Thomas Eder beleuchtet. Über die männerbündische Doppelavantgarde geht Juliane Vogels Beitrag mit einer sezierenden weiblichen Avantgarde hinaus, und auch Konrad P. Liessmann eröffnet mit einem Aufsatz zur politisch fragwürdigen Geschichte der Avantgarde eine weitere Perspektive, in der es unter anderem um die Subventionierung und die "christologische Struktur moderner Kunst" geht."Der Taumel" hätte Libuse Monikovas Opus magnum werden sollen. Der frühzeitige Tod der Autorin verhinderte die Fertigstellung des Romans, der nun als Fragment erschienen ist.
Jemand muss Jakub Brandl verleumdet haben. Major Schramm, der ihn vernimmt, findet den 48-jährigen Künstler und Professor an der Prager Kunstakademie wenig entgegenkommend, was dieser bestätigt: "Von ,Kooperation' halte ich nichts." Worauf Schramm - leicht zu durchschauen - die Taktik wechselt und beginnt, um die Sympathie von Brandl zu werben. Schwieriger ist es für diesen, dem Bedürfnis zu widerstehen, sich von Oskar Machor zu distanzieren; nicht aus opportunistischen Gründen, sondern weil er mit den Kunstwerken und "Happenings" dieses Selbstdarstellers nun wirklich nichts am Hut hat: "zerschnittene Kleider, aufgehängt zwischen Bäumen in Parkanlagen, zum Erschrecken der Rentner beim abendlichen Spaziergang, als ,Aufruhr!' - Aktionskunst gegen die Stagnation im Lande! Das Meisterwerk von Machor ist ein Pappmache-Stuhl mit einem verknoteten Bein."
Der Taumel, den Libuse Monikovas posthum erschienenes Romanfragment im Titel führt, ist keine bloße Metapher für die Tschechoslowakei vor dem Mauerfall - wir befinden uns im Jahr 1978 -, sondern hat seinen Helden, den man schon aus vorangegangenen Werken der Autorin kennt, auch physisch erfasst: Seit er seinen Lieblingsonkel als 27-jähriges Gespenst aus dem Krieg zurückkehren hat sehen, leidet er unter epileptischen Anfällen, und ein solcher ist es auch, der die nähere Bekanntschaft mit seiner Nachbarin einleitet. Halina Potocka, die als Kind im polnischen Gradno den Abtransport ihrer Familie nach Treblinka miterleben musste, erzählt Brandl ihre mit mythischen Bildern versetzte Lebensgeschichte, eine "endlose Schleife", das "Möbius-Band ihrer Obsession".
Fungierte Krankheit in Monikovas letztem vollendeten Werk, dem schmalen Roman "Verklärte Nacht" (1996), als Katalysator der Liebe, so ist von erotischer Annäherung zwischen den beiden Hauptfiguren auf den 190 Seiten des auf gut doppelt so viel angewachsenen Romanprojekts nicht viel zu merken. Überhaupt ist ein übergreifender epischer Bogen schwer auszumachen. Der Roman selbst taumelt. Wie stets breitet die Autorin ihr stupendes enzyklopädisches Wissen vor den erstaunten Augen des Lesers aus und gestattet sich den üblichen Ausflug in die Entomologie, auch wenn dann ein von Mexiko in eine Prager Badewanne verfrachteter Leguan den Insekten zumindest die Show stiehlt, wenn nicht den Garaus macht, und auch "mickrigen Hunderassen" zur Gefahr wird.
Napoleon in Ägypten und an der Beresina (wo eine der "allotropen Modifikationen des Zinns" eine tragikomische Katastrophe der Kriegsgeschichte auslöst: Die tiefen Temperaturen lassen die Zinnknöpfe der Uniformen zerbröseln); die kriminologische und historiographische Relevanz von Schädeluntersuchungen; Leben und Werk des Malers Rousseau; ein Häftlingsaufstand in Treblinka Mitunter meint man eher dem Dialog von aufgeschlagenen Lexika und Fachbüchern als dem von Figuren zu folgen. Das Spröde - auch der Sprache - war für die 1945 in Prag geborene, 1971 in die Bundesrepublik ausgewanderte und auf Deutsch schreibende Autorin immer auch ein zum ästhetischen Kalkül erhobener "Mangel"; Symptom der eigenen Biografie, das so wenig getilgt werden soll, wie die Geschichte ihres Landes und ihres Volkes schöngeschrieben werden darf. Als "ironische Patriotin" bezeichnet Michael Krüger in seinem Nachwort die 1998 verstorbene Monikova. Und so wie ihre anderen Bücher - allen voran der Schelmenroman "Die Fassade" (1987), den "Der Taumel" zu einem doppelten Opus magnum ergänzen sollte - ist auch ihr letztes Buch durchsetzt mit humorvollen Passagen und Episoden. Aber das Drängende, nahezu Gehetzte des Buches ist doch unübersehbar und lässt sich wohl nur biografisch verstehen. "Wir alle tragen unseren Tod mit uns, unbewusst, im allgemeinen Tumult und Rumor unbemerkt ", heißt es an einer Stelle. Libuse Monikova begann mit der Niederschrift von "Der Taumel" nach einer lebensgefährlichen Operation. Der Tumor in ihrem Kopf verhinderte die Fertigstellung des Romans und brachte eine der eigenständigsten und sympathischsten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur zum Verstummen.

Klaus Nüchtern in FALTER 14/2000 vom 07.04.2000 (S. 20)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Der Taumel (Libuse Monikova)

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