Paul Celan
Poetik der Fremdheit

von Jean Bollack

€ 30,80
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Übersetzung: Werner Wögerbauer
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Umfang: 376 Seiten
Erscheinungsdatum: 19.09.2000

Auch mehr als drei Jahrzehnte nach seinem Freitod und einer kaum zu überschauenden Zahl an Deutungen fasziniert das einzigartige Werk des aus Czernowitz in der Bukowina stammenden Paul Celan. Jean Bollack, Freund und Weggefährte des Dichters, hat nun, zum 80. Geburtstag Celans am 23. November, eine Gesamtanalyse seiner Lyrik vorgenommen, die sich deutlich von den vorherrschenden Celan-Interpretationen abhebt.

Rezension aus FALTER 4/2001

Wer zum Teufel braucht ein Buch?", heißt es in der Einleitung des "g-stone book", das, soeben erschienen, das Wirken der DJs Peter Kruder und Richard Dorfmeister in Wort und Bild dokumentiert. Das Argument leuchtet ein. Es spricht aber auch einiges für das Buch. Zum einen haben die beiden Starproduzenten nicht den Fehler gemacht, sich selbst als Autoren zu versuchen. Die Geschichte ihrer Zusammenarbeit wird vielmehr anhand einiger Texte von Weggefährten wie Werner Geier und Daniel Haaksman, dem Pärchen Grissemann&Stermann sowie Robert Menasse (der denkwürdige profil-Text anlässlich des Heldenplatz-Gastspiels) und einer Unmenge an Fotos von den vielen DJ-Reisen nacherzählt. Das Buch will nicht die einzig wahre Geschichte von K&D, sondern liefert Schnappschüsse, die vermitteln, wie es denn gewesen sein könnte. Gerade dadurch jedoch entsteht ein stimmiges Gesamtbild des Duos, das nicht zuletzt auch den oft ein wenig unterschätzten Schmäh der beiden gut transportiert. Und gerade auf Bahnreisen oder in Wartezimmern kann das Buch mitsamt der beigelegten g-stone-Compilation ein guter Begleiter sein.Lange Zeit galt "The Great American Novel" (1973) als unübersetzbar. Wer versteht schon so viel von Baseball, um den Roman über die Mannschaft der tragischen Rubert Mundys und das Ende der Patriot League nur einigermaßen korrekt einzudeutschen? Und welcher Leser würde sich in unseren Breiten überhaupt für ein solches Buch interessieren? Nach fast dreißig Jahren hat Werner Schmitz den Roman nun ins Deutsche übertragen, und siehe da: Es hat wunderbar funktioniert. Und vor allem: Der Leser braucht keinen Deut über das Spiel zu wissen, um an dem fast drei Jahrzehnte alten Roman von Philip Roth seine helle Freude zu haben. Denn zuallererst ist "The Great American Novel" ein auf zahlreichen Ebenen handelnder Roman über Literatur. Im langen Prolog erzählt Roths Autor, ein beinahe 90-jähriger Ex-Baseball-Kolumnist namens Word Smith (Wortschmied), von seinen Schreibproblemen. Hemingway hatte ihm einst prophezeit, dass er den großen amerikanischen Roman schreiben würde. Und was bietet sich dafür als Thema an, wenn nicht das vergessene, weil aus den Geschichtsbüchern gestrichene Kapitel des großen amerikanischen Nationalsports? Mit zahlreichen Anspielungen auf Melville oder Twain und Unmengen von absurden Ideen und Abschweifungen erzählt Roth/Smith die Geschichte der Vertreibung der Mundys aus ihrem Stadion in Port Rupert. Sie finden sich "in der Wüste" wieder, erleben auf ihrer Irrfahrt quer durch Amerika die haarsträubendsten Abenteuer und werden schließlich immer mehr zum Mittelpunkt einer angeblichen kommunistischen Verschwörung zur Zerstörung der Patriot League. Unter beträchtlichem Personalaufwand (neben Kindern und Greisen spielen auch Einbeinige, Einarmige und sogar Zwerge Baseball) hat Roth/Smith einen sprachtrunkenen Roman geschrieben, der den Leser ob der schieren Verrücktheit der Handlung und der vielen sprachlichen Register (jedes Kapitel beginnt mit einer knappen, im Stil des 18. Jahrhunderts verfassten Zusammenfassung der Geschehnisse) immer wieder laut auflachen lässt. Ein Geschenk, mit dem sich Freunde als würdig erweisen können.Was wird aus einem Tag, der so beginnt: "Hurra! Die öden Jahre in der Wildnis sind vorbei. Habe seit genau vier Wochen und fünf Tagen eine funktionierende Beziehung mit einem erwachsenen männlichen Wesen"? Der Titel des jüngsten Buches von Helen Fielding, "Am Rande des Wahnsinns", verheißt nichts Gutes: Noch vor der Abenddämmerung macht sich das "männliche Wesen" wieder aus dem Staub. Der verlassenen Bridget Jones hilft da nur mehr: Schokolade, Chardonnay und stundenlange Telefonate mit ihren Freundinnen. Die treue Single-Gemeinschaft entwickelt Strategien, um Marc, den "Traummann", wieder zurückzuerobern. Brigdet Jones ist die britische Antwort auf Ally McBeal. Im ersten Jones-Roman "Schokolade zum Frühstück" (1997) fand die Autorin dafür einen frechen Tagebuchstil, der Kalorienzählen noch vor Herzenssachen verhandelt und Gemütslagen nüchtern beschreibt, die zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt pendeln. "Am Rande des Wahnsinns" verlässt Bridget Jones nun den sicheren Boden des Großstadtdschungels und stöckelt unversehens in ein thailändisches Gefängnis. Das geht entschieden zu weit.
Ein Klassiker der Weltliteratur harrt noch immer des Publikums, das er verdient: Italo Svevos grandioser Roman "Zenos Gewissen" liegt in neuer Übersetzung vor. Wissen Sie, dass Sie ein verkannter Schriftsteller sind?", eröffnete ein junger Englischlehrer dem Triestiner Industriellen Ettore Schmitz, dem er Privatstunden gab. Der Englischlehrer war niemand Geringerer als James Joyce, und Ettore Schmitz, der dem um 21 Jahre jüngeren und damals noch völlig unbekannten Kollegen seine ersten beiden Romane zu lesen gegeben hatte, sollte unter dem Namen Italo Svevo erst Jahrzehnte nach dieser Begegnung im Jahr 1907 die verdiente Beachtung finden. Nachdem sein 1892 erschienenes Debüt "Ein Leben" ("Una Vita") noch wohlwollende Kritiken erhalten hatte, war der sechs Jahre später erschienene Roman "Ein Mann wird älter" ("Senilita") schlicht und einfach ignoriert worden; Svevo zog die Konsequenzen: "Ich fügte mich", so schreibt er, als 1927 die Neuauflage von "Senilita" erscheint, "einem so einmütigen Urteil (es gibt keine vollkommenere Einmütigkeit als die des Schweigens) und enthielt mich fünfundzwanzig Jahre lang des Schreibens." Der dritte Roman "Zenos Gewissen" ("La Coscienza di Zeno") erschien 1923 in Bologna und begründete Svevos literarischen Ruhm - allerdings über den Umweg der von Joyce in die Wege geleiteten französischen Rezeption; denn Svevos Landsleute hatten sich abermals äußerst reserviert gezeigt. Dass Svevo auch im deutschsprachigen Raum auf keine wirklich breite Leserschaft zählen kann, führt der deutsche Schriftsteller Wilhelm Genazino in seinem Essay zur Neuübersetzung von "Zenos Gewissen" auf "die sperrige Uneinheitlichkeit von Svevos Werk selbst" und auf dessen "durchgehenden melancholischen Realismus" zurück. Svevo schrecke all jene ab, "die in der Kultur immer noch die Rettung vom Alltag suchen. Svevo hat Realität nicht (wie Kafka) symbolisiert und damit endlos ästhetisierbar gemacht. Hätte er es getan, säßen am Fuße seines Werkes ebenfalls Heerscharen von Interpreten." "Zenos Gewissen" mag vielleicht nicht von der forcierten Enigmatik sein, die den Virtuosen der Hermeneutik das Maul wässrig macht; aber er ist gewiss ein sehr, sehr seltsamer und alles andere denn simpler Roman. Im Unterschied zu seinen thematisch durchaus ähnlichen Vorgängern kann sich der Leser hier nicht an den Leuchttürmen objektiver Erzählkommentare orientieren, sondern wird gleichsam aufs offene Meer hinausgestoßen. Zenos Lebensbeichte ist nur bruchstückhaft und in sich widersprüchlich; sie verdankt sich zudem einer Psychoanalyse, der sich der Icherzähler widerwillig und ungläubig unterzieht: "Wenn man eine solche Analyse beginnt, ist es, als ginge man in einen Wald, ohne zu wissen, ob man dort auf Räuber trifft oder auf einen Freund. Und wenn das Abenteuer vorbei ist, weiß man es genauso wenig." Das Ergebnis dieser Analyse, eben der vorliegende "Roman", wurde vom Analytiker Doktor S. veröffentlicht - und zwar "aus Rache", wie er im "Vorwort" schreibt. Dass Zenos Lektüre des eigenen Lebens zwar in zuweilen spaßiger Frontstellung zur Psychoanalyse vonstatten geht, ändert nichts daran, dass Zenos schreiberisches Unterfangen selbst beträchtliche Parallelen zu dieser aufweist. So hartnäckig Zeno aber der Utopie einer "Heilung" anhängt - zuallererst jener von der Nikotinsucht, die in dem legendären Eingangskapitel "Das Rauchen" von Hunderten allerletzten Zigaretten begleitet wird -, so beschleicht ihn doch mehrfach die Erkenntnis, dass man "Herz und Schmerz, kurz, das Leben doch nicht wie eine Krankheit betrachten (kann), nur weil es weh tut". Und doch muss man das Leben der Svevo'schen Helden mit all seinen tragikomischen Verrenkungen als Folge der permanenten Mühe um Schmerzvermeidung lesen, die durch "lebensverdünnende und lebensumgehende Manöver" nur neue Schmerzen stiftet, wie Genazino in dem bereits zitierten Essay hellsichtig darlegt. Das Faszinierende an "Zenos Gewissen" ist, dass es keinen linearen Verlauf gibt - weder im Sinne einer Heilung noch im Sinne eines Entwicklungsromans. Zeno, der notorische Zauderer, gibt sich auf der letzten Seite des Romans als glühender Vulgärdarwinist zu erkennen, er ist wechselweise zartfühlend und zynisch, und das Abenteuer der Lektüre besteht genau darin, den mitunter reichlich umständlichen Manövern eines Bewusstseins zu folgen, das vom Konflikt zwischen Es und Über-Ich (um es einmal freudianisch zu formulieren) in ständiger Bewegung gehalten wird: "Der obere Teil des Körpers beugt sich herab, um den anderen Teil zu betrachten und zu beurteilen, und findet ihn missgebildet. Er empfindet Abscheu davor, und das nennt man Gewissensbisse." Das Leben ist weder hässlich noch schön, sondern es ist originell!", lautet eines von Zenos Bonmots. Originell ist es auch im Falle Zenos, der mit seinen Heiratsanträgen gegenüber den Schwestern Malfenti bei Ada und Alberta abblitzt, bis er bei der hässlichen Augusta landet - all das spielt sich in kürzester Zeit und im Rahmen einer fast slapstickartigen Seance statt. Aber auch der Roman selbst ist originell in dem Sinne, dass er weder durchgängig komisch noch durchgängig tragisch ist. Er scheut jegliche Homogenität, und das drückt sich auch in der Sprache aus, die von einem Mailänder Rezensenten einst als "Kaufmannsesperanto" verunglimpft wurde. Barbara Kleiners Neuübersetzung kann der Vorwurf der "Glätte", der gegenüber den Übersetzungen von Piero Rismondo erhoben wurde, dessen erste Übertragung 1928 unter dem Titel "Zeno Cosini" erschien, nicht gemacht werden. So werden auch die Härten nicht unterschlagen - etwa, wenn die "Kinder" (Rismondi), die Zeno und seine Frau "beharrlich in die Welt setzten", zu "Bälgern" werden. "Zenos Gewissen" ist so etwas wie das Protokoll der Selbstbetrachtungen eines Suchtkranken, der den Trieb - seis zur Zigarette, seis zum nächsten Seitensprung - mit dem eigenen Gewissen koordinieren muss, das bis zu peinigendem körperlichem Schmerz führen, aber auch zu beruhigenden moralischem Hintergrundrauschen abgemildert werden kann. Das Geniale an Svevos Roman besteht darin, dass Zeno nicht schlechterdings "entlarvt" wird. Wäre er bloß ein Heuchler und Filou, würde man wenig Lust verspüren, sich durch einen knapp 600 Seiten umfassenden, nicht gerade handlungsprallen Roman zu lesen. Stattdessen beobachten wir eine komplizierte Maschine, die ständig etwas produziert, von dem man nicht immer genau weiß, wozu es gut sein soll. Der Weg, der zum Lustgewinn (oder zur Schmerzvermeidung) führt, ist meist ziemlich verschlungen. Francois Bondy hat in seinem Vorwort zur Rowohlt-Taschbuchausgabe auf den Zusammenhang zwischen Freuds "Unbehagen in der Kultur" und "Zenos Gewissen" hingewiesen. So wie vollständige "Gesundheit" für Zeno nicht zu erreichen ist ("Krankheit ist eine Überzeugung", heißt es an einer, "die Gesundheit analysiert sich nicht selbst" an anderer Stelle), so besteht das ganze, eben originelle Leben in einer Abfolge von (Selbst-)Täuschungen, Kompensationen, Sublimationen, "Umwandlungsketten" (Genazino). Lust will Ewigkeit, kriegt sie aber nicht. Und: "In der Liebe hält es jeder, wie er kann." So einfach ist das. So kompliziert. Und so vergnüglich und spannend zu lesen wie kaum ein anderes Werk der Weltliteratur.In einer Wiener Fassung des Komödienklassikers "Extrablatt" spielen Thomas Maurer und Florian Scheuba demnächst zwei Teufelsreporter.Im "Falter" sprechen die Kabarettisten über ihre Erfahrungen mit "Krone", "News", ORF und anderen heimischen Medienphänomenen. Jetzt kommt "News"! Für das Theater der Jugend haben die Wiener Kabarettisten Thomas Maurer und Florian Scheuba, zuletzt als "Zwei echte Österreicher" erfolgreich, die amerikanische Boulevardjournalistenkomödie "The Front Page" (1928) von Ben Hecht und Charles MacArthur auf hiesige Verhältnisse adaptiert. "News" heißt die von Thomas Gratzer inszenierte Wiener Fassung, in der Maurer und Scheuba auch die Hauptrollen spielen; Premiere ist am 13. Jänner im Theater im Zentrum. Das unter anderem von Howard Hawks ("His Girl Friday") und Billy Wilder ("Extrablatt") verfilmte Originalstück spielt im Pressezimmer des Hauptgefängnisses von Chicago, wo in wenigen Stunden ein Polizistenmörder gehenkt werden soll. "The Front Page" ist eine Satire auf Justizwillkür, schmutzige Wahlkampfmethoden und sensationsgeilen Journalismus - das Stück bietet also jede Menge Stoff für Aktualisierungen. Thomas Maurer, der im Kurier seit fünf Jahren eine wöchentliche Medienkolumne schreibt, und Florian Scheuba, der mit den Hektikern einmal ein ganzes Programm ("Echt") nach dem Infotainment-Strickmuster von News auf die Bühne gebracht hat, sind schon aus beruflichen Gründen manische Medienkonsumenten und genaue Beobachter der heimischen Medienlandschaft. Für ihre Stückfassung haben sie zwar weder Zeit noch Ort der Vorlage verändert; aber wie seinerzeit in Bertolt Brechts Hitler-Parabel "Arturo Ui", die ebenfalls in Chicago spielt, sind Ähnlichkeiten mit lebenden Personen - und real existierenden Blättern - nicht zu übersehen: Die Journalisten schreiben für Chicago News, die Chicago Crown, den Chicago Courier, The Standard, die New Free Press und Daily Everything - wobei Letztere den Abonnenten nur noch per Telefon vorgelesen wird. Der tumbe Sheriff wird liebevoll "Humpy" gerufen, Bürgermeister Hyde spricht von "kranken Journalistenhirnen", und Gouverneur Lefleur erinnert nicht nur namentlich an den Mann, der Margot Löffler geheiratet hat. Falter: Wie sieht eigentlich Ihr persönlicher Medienkonsum aus? Welche Zeitungen lesen Sie? Florian Scheuba: Krone, Kurier und Standard sind meine tägliche Grundausstattung. Die Presse lasse ich aus, das schaffe ich nicht mehr. Von den Wochenzeitschriften lese ich das Gängige, wobei sich die Lesezeit bei Format und profil verkürzt hat. Thomas Maurer: Man ist sich nie sicher, welches man schon gelesen hat. Wie unterscheidet man "profil" und "Format" überhaupt voneinander? Maurer: Ich glaube, das ist als "Wetten, dass"-Wette nur ganz knapp abgelehnt worden. Nein: Wenn man auf der letzten Seite auf Joachim Riedl prallt, dann ist man im Format. Haben Sie die Kolumne schon einmal zu Ende gelesen? Maurer: Ich habs ein paar Mal probiert. Es ist aber schwer, weil sie in drei Teile unterteilt ist. Da schafft man es höchstens bis zum zweiten. Scheuba: Das ist der Elchtest. News hat man ja immer von hinten gelesen, aber bei Format funktioniert das nicht. Ich kenne niemanden, der den Riedl schon einmal gelesen hat. Sie auch nicht? Scheuba: Nein. Ich bin aber froh, dass im Format nie so viel drinnen steht, weil man es eh nicht wegen der Information liest, sondern nur, um zu kontrollieren, ob was Wichtiges drinnengestanden wäre. Maurer: Und dann liest man, dass das BSE-Problem darin besteht, dass wir alle so staatsgläubig sind. Da denkt man sich "Aha!" - und blättert um. Scheuba: Da funktioniert das profil aber auch ganz gut: Wenn man sich nicht ganz sicher ist, was jetzt wirklich die falsche Meinung zu irgendeinem Thema ist, dann liest man einfach bei Georg Hoffmann-Ostenhof nach, und schon ist das Weltbild wieder geordnet. Sind die Teufelsreporter, um die es in dem Stück geht, nicht eine eher historische Gattung von Journalisten? Maurer: Diese ungebrochene Vulgarität ist auf jeden Fall historisch. Aber es gibt da zum Beispiel eine Dokumentation über das Geiseldrama von Gladbek, wo man hört, wie ein Fotograf sagt: "Geh, setz ihr mal die Pistole an den Kopf" - und der Entführer macht das dann auch. Scheuba: Auch in Kaprun dürfte es jetzt einige Klassiker gegeben haben. Maurer: Reporter haben sich als Verletzte verkleidet Scheuba: oder sich Angehörigen-Pässe besorgt, um sich in die Messe einzuschleichen. Und als das Rote Kreuz das dann aufgedeckt hat, haben sie damit gedroht, das Rote Kreuz nicht mehr zu unterstützen. Also ich glaube, der Teufelsreporter ist nicht wirklich ausgestorben. Lange Zeit war die "Krone" in Ihren Kabarettprogrammen eine Hauptquelle des Spottes. In letzter Zeit scheint "News" ihr den Rang abgelaufen zu haben. Was ist denn nun das größere Übel? Maurer: Man kann für beide durchaus den gleichen wolllüstigen Ekel empfinden. Scheuba: Das Beste dazu wurde ohnehin von Armin Thurnher gesagt: "Die Krone ist Haider im Inhalt, und News ist Haider in der Form." Maurer: Natürlich würde es dem Fellner taugen, sich den ausgestopften Haider-Kopf über den Kamin zu nageln - vorausgesetzt, seine Frau findet das innenarchitektonisch vertretbar. Aber auf der Rückseite des Blattes steht eben, dass Haider und Fellner miteinander und mit ähnlichen Mitteln groß geworden sind. Sie sind derselbe Typus? Maurer: Diese Freude an der knallbunten Vulgarität, am Sich-nichts-Scheißen und dieser inhaltslosen Modernität - da sind sie sich schon sehr einig. Man denke nur an das insignienhafte Verwenden von Handys in der frühen Buberlzeit und an die fassungslose Betörtheit durch dicke Schlitten. Scheuba: Der Fellner hätte sich sicher auch gerne mit dem Schüssel im Porsche fotografieren lassen. Aber nach dem kleineren Übel gefragt, würde ich mich schweren Herzens wahrscheinlich doch für News entscheiden. Da bin ich weniger oft fassungslos. Bei der Krone passierts mir doch immer wieder, dass ich mir denke: Nein, das ist jetzt eine Scherzausgabe, die man mir untergejubelt hat. Warum ist der österreichische Boulevard - etwa im Vergleich zur englischen Yellow Press - generell so unglaublich humorlos und dröge? Scheuba: täglich Alles unter Bartels ist ja gescheitert: "Klestil, gib die Löffler ab" - das ist eine Schlagzeile, die von der Bild-Zeitung oder von The Sun sein könnte. Die Krone würde so was nie machen. Maurer: Die Krone nimmt sich selbst völlig ernst, das trifft den Nationalcharakter offenbar am besten. Ironie wird hier nicht sehr gut vertragen. Ich finde, Dichand verchorherrt auch zusehends. Scheuba: Seine Kirchenlinie zum Beispiel ist marketingtechnisch ein Minderheitenprogramm. Ich meine, die Anzahl der Krenn-Fans ist doch überschaubar Maurer: Auch die Ehre der Weltkriegsgeneration müsste er nicht in diesem Ausmaß verteidigen. Insofern kann man beinahe sentimentale Zuneigung zur Krone fassen, weil es da noch um was geht: klassischer Meinungsjournalismus, bei dem jemand für seine Überzeugung eintritt. Als Kabarettisten sind Sie nicht nur Medienkritiker, sondern auch selbst Teil einer Mediengesellschaft, in der klare Grenzen schwer zu ziehen sind. Wie wichtig sind Medien für Sie? Scheuba: Es wäre zutiefst vermessen zu behaupten, dass man die Medien nicht braucht. Maurer: Ob man sich in der Badewanne fotografieren lässt, damit man in tv-media vorkommt, muss jeder für sich entscheiden. Ich bin in der Fellner-Gruppe aber eh nicht eines der am heftigsten umworbenen Titel-Models. Scheuba: Solange wir nicht in die rot-weiß-rote Flagge eingewickelt werden wie die Mausi Lugner oder die Vera Russwurm Maurer: Das ist ja eine meiner drängendsten Fragen: Wird diese Flagge zwischendurch gewaschen? Was sind denn so die dreistesten Angebote, die an Sie herangetragen werden? Maurer: Society-Journalisten neigen schon dazu, einen herumzukommandieren und zu sagen: "Wenn das Kind nicht oben ist, gibts halt kein Foto." Fotografen wollen prinzipiell ein originelles Gesicht. Scheuba: "Mach a lustigs Gsicht!" Maurer: Es gibt aber genug Leute, deren Lebensziel darin besteht, in den Adabei-Spalten vorzukommen. Wenn es zielgruppenverträglich wird, Vergleichsfotos von Hämorrhoiden vierfarbig abzudrucken, wird es kein Problem sein, diese Fotos zu kriegen. Scheuba: Ich bin einmal von News gefragt worden: "Du, sag uns doch, was einen Mann ausmacht, der Erfolg bei Frauen hat." Darauf hab ich der Journalistin gesagt: "Am besten ist, man hat eine tolle Zeitung, einen Bruder, der den Verlag leitet, und wenn man zu Hause einen Schas lasst, sagt man seiner Frau: ,Der war exklusiv für dich.'" Eine Woche später erscheint der Artikel mit einem Foto von mir, unter dem steht: "Florian Scheuba: ,Frauen wollen erfolgreiche Männer mit viel Geld'". Als ich die News-Frau dann zur Rede gestellt habe, war die sich nicht zu blöd zu sagen: "Ich habs eh so geschrieben, aber die Uschi Fellner ist noch einmal drübergegangen." Maurer: Getoppt wurde das nur noch durch die News-Vorankündigung unseres Programms "Zwei echte Österreicher" Scheuba: Ich hab ihnen einen Auszug aus dem Programm zukommen lassen, und die rufen dann bei mir an und sagen, dass sie noch ein neues Foto von mir brauchen. Sag ich: "Wieso von mir? Das ist ja ein Programm von uns beiden." Antwort: "Najaaa, weißt eh, der Maurer schreibt immer so schlecht über News, und der Heinz (Ressortleiter Heinz Sichrovsky, Red.) hat da echt ein Problem damit." Maurer: Die hätten das glatt als Soloprojekt von ihm angekündigt! Wechseln wir das Medium, kommen wir zum Fernsehen. Wie waren eigentlich Ihre ORF-Erfahrungen? Maurer: Sehr gemischt. Mit den "Kranken Schwestern" ist es sehr gut gegangen, und wir konnten Nummern durchsetzen, die wir nur aus reinem Spaß fertiggestellt haben, weil wir uns sicher waren, dass das nie auf Sendung geht. Es war immer ein Ringen, aber es war möglich. Unsere Erfahrungen mit der Nachfolgesendung ("Die kranken Brüder und ihre Schwestern", Red.) waren hingegen dermaßen niederschmetternd, dass ich mich dazu gar nicht äußern möchte. Was sind denn im ORF die Erfolgsparameter? Gehts um die Quote? Maurer: Die "Schwestern" sind meines Wissens auch nach Quoten-Maßstäben ganz gut gelaufen. Scheuba: Es passieren da Dinge, die einfach nicht analysierbar sind. Was in welcher Form warum auf Sendung geht, ist oft eine Folge von Zufall, Willkür und Sabotage. Und spätestens wenn der ORF-Redakteur zu dir "Wir brauchen mehr Fut-Witze!" sagt, weißt du: Irgendwas läuft da schief. Was genau ist mit "Fut-Witzen" gemeint? Maurer: Wir haben nicht nachgefragt. Ich vermute aber, dass es nicht direkt die spaßhafte Erörterung des weiblichen Geschlechtsapparates sein sollte. Scheuba: Oder es heißt: "Ihr müssts des aufwuchteln!" Darauf sag ich: "Was hast du dir vorgestellt? Dass alle zwei Minuten einer auf einen Rechen steigt?" Darauf der Redakteur ganz begeistert: "Ja! Und dann hat er sooo eine Beule!" Wie schauts eigentlich mit Ihrer persönlichen journalistischen Vergangenheit aus? Habt ihr eine Schülerzeitung gemacht? Scheuba: Ich hab jahrelang bei der Zeitung Oink am BG Mödling mitgemacht. Da haben wir sogar einen Förderungspreis des Unterrichtsministeriums bekommen. Später dann, als Hektiker, habe ich eine Kolumne im Rennbahn-Express geschrieben. Und ich war, bitte, drei Monate lang bei der Presse, in der Lokalredaktion. Als Polizeireporter? Scheuba: Nein, die Pressekonferenz der Wiener Galvaniseure oder so was Spannendes. Das ist an sich schon erniedrigend. Aber wenn dann auch noch ein Zweiter von der Presse dort ist, den sie versehentlich hingeschickt haben Maurer: Ich war Logbuchführer bei der Pfadfinderpatrouille Mustang; das ist das Journalismusähnlichste, was ich in meiner Jugend gemacht habe. Später habe ich dann auf der letzten Seite der Buchkultur eine Kolumne geschrieben. Und jetzt schreiben Sie im "Kurier" die "Medienmanege". Gibt es mediaprintintern nie Probleme mit der Kolumne? Maurer: Sie dürfte gelegentlich auf wenig Applaus von Herrn Dichand stoßen. Wobei ich das ausschließlich in Form von Gerüchten zu hören bekomme - was dafür spricht, dass der Herr Rabl (Kurier-Herausgeber Peter Rabl, Red.) seinen Beruf sehr gut ausübt. Fassen wir zusammen: Warum ist die österreichische Medienlandschaft so, wie sie ist? Maurer: Die Kleinheit des Landes hat sicher zu dieser Medienkonzentration beigetragen. Ich glaube, es gibt da einen kritischen Punkt, wo das umschlägt, und dann sind alle verheiratet - das ist wie in einem Bergdorf. Wenn sich alle kennen, ist das immer eine etwas unangenehm-inzüchtige Geschichte. Das hat einen gewissen Mief, und alle sind gewohnt, den schlechten Atem des anderen zu inhalieren. Sie sind entsprechend schlecht aufeinander zu sprechen, aber es kommt auch keine gescheite Konfliktkultur auf. Die offiziellen Blattlinien von News und Krone könnten, sollte man meinen, nicht unterschiedlicher sein, aber irgendwie hat man trotzdem das Gefühl, das ist der Onkel Hans und das ist der Onkel Ferdl. Dazu kommt, dass eine Kronen Zeitung hier halt wirklich rechte Propaganda machen kann, was in einem anderen westeuropäischen Land nicht so ohne weiteres möglich wäre, vor allem nicht mit diesem Einfluss. Dieses Wolf-Martin-Gedicht, das wir in unserem Programm gehabt haben, das glaubt dir ja in Deutschland keiner. Das glauben sie dir schon in Österreich nicht. Welches war das? Maurer: "Antifaschisten gerne lügen / und zwar dass sich die Balken biegen / Auch weiß man, dass sie Fälscher sind / und auf dem linken Auge blind. / Bekämpfend wahnhaft, was vermeintlich / antisemitisch, fremdenfeindlich / rassistisch oder gar nazistisch / sind sie zunehmend linksfaschistisch. / Jahrzehntelang, dies sei erwogen, / ward unser Volk durch sie erzogen. / Es scheint, dass dies nun vielen dämmert / denn dieses Land ist nicht belämmert. / Und was in Schülerhirnen sitzt, / wird auch noch einmal ausgeschwitzt." Also, das ist etwas, wo du sagst: Die National-Zeitung würde wahrscheinlich beschlagnahmt. Scheuba: Wir haben das damals gelesen und gesagt: "Na, da wirds jetzt aber was geben." Und was war? Gar nichts.In Henning Mankells soeben übersetztem Wallander-Krimi "Der Mann, der lächelte" tun sich die Abgründe des schwedischen Kapitalismus auf. Der Mann, der lächelte" ist zwar nicht der jüngste, wohl aber der jüngst übersetzte Roman der schwedischen Krimi-Manufaktur Henning Mankell. Chronologisch liegt das 1994 im Original erschienene Buch an vierter Stelle von insgesamt neun im Jahrestakt erscheinenden Romanen, in denen Kommissar Kurt Wallander ermittelt. Geeichte Wallanderisten können, so hat mir einer von ihnen versichert, aus diesem editorischen Faktum interessante Dinge über die Entwicklung bestimmter Motive ableiten. Ich muss gestehen, Mankell-Novize zu sein; und weil ich nicht daran zweifle, dass die hymnischen Kritiken und die Begeisterung Hunderttausender Mankell-Fans gute Gründe hat, kann ich nur vermuten, dass "Der Mann, der lächelte" ein denkbar ungeeigneter Einstieg ins Universum des frustrierten, aber aufrechten Kommissars ist.

Schon der Beginn des Romans strotzt von Klischees: Auf plumpest mögliche Weise wird da diffuse Bedrohung evoziert: "Nebel. Er schleicht lautlos heran wie ein Raubtier, dachte er." Sechs Seiten später wird der Anwalt Gustaf Torstensson die Lebenden verlassen haben. Der Nebel aber bleibt und begleitet den ermittelnden Wallander ebenso wie die Angst: "Die Angst war wie ein Raubtier." Dass Wallander dieses Bild "selbst kindisch und wenig originell" vorkommt, spricht für eine Stilsicherheit, die sein Erfinder und dessen Übersetzer vermissen lassen. Als wäre Wallander, der nach krankheitsbedingter Karenz, Saufexzessen und fernöstlichen Sex-Trips eigentlich den Dienst quittieren wollte, nicht schon angeschlagen genug, legt ihm Mankell noch jede Menge Banalitäten in Kopf und Mund, deren Redundanz dem Leser wohl ein Überlegenheitsgefühl verschaffen soll. Wallander befindet sich freilich in guter Gesellschaft, denn die Kollegenschaft hat das Schießpulver auch nicht erfunden: "Ich verfolge die Sache gern weiter, und ich werde dabei möglichst unauffällig vorgehen." - "Geh, hoi ma lieba a Brezn, Pfeifer", würde Kommissar Berghammer da sagen. Dass "die Begrenztheit von Mankells stilistischem Repertoire" auf irgendeine Weise "trickreich" sei, wie Heinrich Detering in der FAZ befand, kann man nach der Lektüre der jüngsten Übersetzung nicht bestätigen: "Alle stimmten mit Wallander überein, alle losen Enden, die nicht unmittelbar auf Schloss Farnholm wiesen, zunächst ruhen zu lassen." Auf Farnholm nämlich hat sich - um ein loses Ende aufzunehmen - der sinister lächelnde Titelheld verbunkert, ein ständig von Schatten und Bodyguards umgebener Industrieller, der ganz offensichtlich hinter dem Mord an Gustaf Torstensson und dessen Sohn Sten steht und Wallanders Null-Sätze mit theatralischen Auftritten kompensieren muss: "Ich kaufe und verkaufe, Kommissar Wallander. Meine Bühne ist der Markt." Alfred Harderberg, so heißt der Mann, bringt selbst Wallanders Glauben "an die Integrität der schwedischen Wirtschaft" ins Wanken; Harderbergs Imperium weist "dunkle Flecken und schwarze Löcher", seine "sauber verputzte Fassade" einen "kleinen Riss" auf. Wallander muss ihn finden. Möglichst unauffällig. Ersteres gelingt. Leider hat Mankell in seinen Schurken ähnlich wenig Fantasie investiert wie in die Dramaturgie und die Dialoge. Ein Showdown mit einer Schießbudenfigur ist eine mäßig spannende und lustvolle Sache. Immerhin wird dadurch der menschenverachtende Turbokapitalismus wieder ein wenig eingebremst, und Wallander kann zu seinem love interest nach Riga fliegen. Wir wünschen ihm das Allerbeste.In der CSSR war es bekanntlich nicht gut um die geistige Freiheit bestellt. Wer die ihm vom Staat zugewiesene Rolle als williges Glied in der proletarischen Einheitsfront nicht akzeptierte, dem blieb nur der Kampf um ein Touristenvisum, die einzige Möglichkeit zum Grenzübertritt in den goldenen Westen. 1982 schaffte Jaromir Konecny den Sprung nach Bayern, wo er heute die literarische Subkultur-Szene aufmischt. Gewohnt autobiografisch hangelt sich sein Alter Ego in "Das Geschlechtsleben der Emigranten" von einer eingeborenen Frau zur nächsten, denn jeder Hautkontakt bringt ihn der so sehr ersehnten Integration näher. Als sensibler Mann kann er nämlich erst mit der Fremde intim werden, wenn ihm warme Betten offen stehen. Doch die bayerische Frau verschließt sich der Vision einer multikulturellen Gesellschaft. Frei, aber unbefriedigt streift der Held durch München. Bis ihn dort nach dem Fall des Eisernen Vorhangs eine Freundin von drüben aufstöbert und das Jahrzehnt der Enthaltsamkeit mit ihm nachfickt.
Wie aus einem Essay von Balduin Winter zur Schriftkultur Böhmens, Mährens und der Slowakei hervorgeht, ist Konecny ein typisch mährisches Gewächs. Er unterfüttert den dreckigen Sound der Beatniks mit absurder Naivität. Bohumil Hrabal hat dieses Kompositionsprinzip Anfang der Siebzigerjahre zur künstlerischen Aufrechterhaltung des Prager Frühlings erfunden. Auf welche Vorbilder der legendäre Exzentriker damals zurückgegriffen hat, was die obskure Tradition soll und warum sie die Schreibe zwischen Prag und Bratislava noch einige Jahre bestimmen wird, Winters "Graben im Wort" gibt Auskunft auf diese Fragen. Die in Ihren Ohren nach Fachgeschwätz klingen? Keine Bange: Wären die Essays akademischer Selbstzweck, würden sie hier nicht als Einführung in eine der wildesten Literatur-Regionen Europas empfohlen werden.Jean Bollack schreibt in der in jeder Hinsicht umfassenden Celan-Monographie "Poetik der Fremdheit" über Celans berühmten Satz - der Tod ist ein Meister aus Deutschland: "Dieser Vers meint nicht die Wehrmacht, sondern die Gesänge und die Kunst, die Orchestrierung der Weltuntergänge." Im unendlichen Strom der Interpretationen von Leben und Werk (bislang mehr als viertausend) des "Altmetaphernhändlers" (Celan über Celan) ist die einem jahrelangen Leseexerzitium entsprungene Arbeit des französischen Philologen eine Wohltat. Hier wird weder eine posthumePhilosophie des Dichters konstruiert - Großhermeneutiker werden vehement in die Schranken gewiesen -, noch werden die Texte der Ostereiersuche von Intertextualitätsfreaks unterworfen. Gegen christliche oder jüdische theologische Vereinnahmungen (Celan haderte ja auch sein Leben lang mit dem Judentum) wird auf dem brutalen Faktum Holocaust bestanden, das eine sich selbst erzeugende, ewig auf sich selbst Bezug nehmende Dichtersprache umkreist. "Die Welt der Morde ist jene, in der Celan lebt . Alles in seiner Dichtung, selbst die rauschhafte Liebe, bezieht sich auf sie; nichts hält sich davon fern. Man könnte sagen, dass das Nachher der Lager eine Welt geschaffen hat, die sich von allen anderen Welten unterscheidet und sie in sich aufnimmt." Das Schweigen der Ermordeten ist die Voraussetzung einer Dichtung, die nicht in deren Namen auftritt, sondern deren Schweigen anvisiert. Die Hermetik dieser Dichtung stellt, laut Jean Bollack, den radikalen Versuch dar, eine Sprache des Widerstandes, des Engagements zu finden. Welcher Art diese ist, liest man bei Celan selbst. Wer sich der nicht geringen Mühe von Bollacks Buch unterzieht, bekommt eine Ahnung von jenem "Schacht von Babel" (Kafka), den diese Dichtung in die Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts grub.Als "Gedächtnis Rußlands" verstand sich auch Anna Achmatowa (1889-1966), Mandelstams Weggefährtin aus den Anfangstagen des Akmeismus. "Zuletzt werden sich jene, die aus den Lagern kamen - und jene, die dort nicht waren gegenüberstehen", heißt es in ihrem Requiem über eine Welt, in der die Lastwagen, die morgens das Brot liefern, nachts dafür verwendet werden, die Verhafteten abzutransportieren. "Ich lebe aus dem Mond, du aus der Sonne" sind hundert Gedichte über die Liebe aus sechs Jahrzehnten. Die Balladen, Dialoge, Erzählungen, Briefe und Essays über Liebeskummer, Eifersucht, Leidenschaft, Trennung und Verlust stammen aus dem mühsam erkämpften privaten Raum über der Schädelstätte der Geschichte. Auf den frühen Erfolg am Vorabend der Revolution folgten die Erschießung des Ehemanns, die Verhaftung und langjährige Haft des Lebensgefährten und des Sohnes; nach dem Krieg schließlich die Angriffe durch den Ideologiesekretär Schdanow, der die Achmatowa offiziell zur "Nonne und Hure" erklärte und aus dem Schriftstellerverband ausschloss. Achmatowas Dichtung ist die erstaunlich gefasste, fast konventionell anmutende Stimme eines Lebens nach dem Tod. Das stammt aus 1909/10: "Wieder dieses weiche Haar, diese Blicke, diese Stimme. Alles wie vor einem Jahr. Durch die Scheiben strömt ins Zimmer helles Sonnenlicht Und klar nehm ich deine Wort wahr und den Lilienduft- wie immer." 1934: Auf dieses Leben voller Leid, auf das zerstörte Haus und auf die Einsamkeit zu zweit trink ich den Becher aus -, auf jenes falsche Lippenpaar, der Augen kühles Glas, auf diese Welt, die grausam war, auf Gott, der sie vergaß." 1960: Reiche kein Erinnerungsgeschenk mir, denn ich weiß: Erinnerung ist kurz."Der zeitgenössische Dichter, mit dem sich Paul Celan am intensivsten auseinander setzte, war der Russe Ossip Mandelstam (1891-1938). Er bezeichnete Mandelstam, von dem er aufgrund falscher Informationen eine Zeitlang fast obsessiv annahm, er sei von den Nazi umgebracht worden, als Bruder, der "auf dich zukommt": Im Schatten von Hitler und Stalin beginnt allmählich ein Gespräch der Dichter, das Celan zum "russkij poet in partibus infidelium" werden lässt. Celans fünfter Gedichtband, "Niemandsrose", ist dem Gedenken Mandelstams, von dem er - leider - nur einen kleinen Teil früher Gedichte übersetzte, gewidmet. "Die beiden Trams. Kinder und Scherzgedichte. Epigramme auf Zeitgenossen" ist der zehnte und letzte Band der vom Schweizer Ralph Dutli besorgten mustergültigen Mandelstam-Ausgabe. Wenn für Dichtung unter den Bedingungen der Freiheit gilt, sie sei das Allerernsteste überhaupt, dann haben die im Terror des Stalinismus vergeudeten Dichter dieses "Wolfshundjahrhunderts" (Mandelstam) den paradoxen, entgegengesetzten Schluss gezogen: den Irrsinn des Terrors auch noch zu dichten. Nicht vom Abgrund her, wie Celan, sondern zielstrebig und provokant darauf hin. (Dieser Umstand war es vermutlich auch, der Jossif Brodskij einmal dazu bewog, über den mythisierten Selbstmord Celans lakonischzu bemerken, Celan habe sich selbst zu ernst genommen.) Mandelstams Sprachbewegung führt von den Akmeisten (neoklassizistische Dichtergruppe in St. Petersburg) am Vorabend des 1. Weltkrieges über ein langes Prosaexerzitium, über dichterisches Schweigen in den Jahren der Oktoberrevolution und polemische, allem Neuen gegenüber aufgeschlossene Essayistik in das Reich wild fragmentierter Metaphorik der späten Lyrik. "Ich fühle mich als Schuldner der Revolution, bringe ihr jedoch Gaben dar, die sie vorläufig noch nicht benötigt." Der euphorische Bolschewist Mandelstam, dem mitunter auch stalinistische Verse gelangen wie jener von der Welt, die am rundesten am roten Platz sei - bezeichnete sich als Gegner aller Arten von Faschismus, sei es der eines Mussolini, eines Hitler oder eines Stalin. Es lag in der Natur seiner Auffassung von Poesie, das Rauschen seiner Zeit, die Zeitgenossenschaft zu dichten, dass er mit dem roten Diktator in Konflikt geraten musste. "Und wir leben, doch die Füße, sie spüren keinen Grund, Auf zehn Schritt nicht mehr hörbar, was er spricht, unser Mund, Doch wenn's reicht für ein Wörtchen, ein kleines - Jenen Bergmenschen im Kreml, ihn meint es. Seine Finger wie Maden so fett und so grau, eine Worte wie Zentnergewichte genau Jede Hinrichtung schmeckt ihm - wie Beeren, diesem Breitbrust-Osseten zu Ehren." Alle Motive Mandelstam'scher Dichtung finden sich in den Epigrammen, Kinder- und Scherzgedichten wieder: antiker Nonsens; Dante, der mit einem Kutscher zusammengespannt wird; Fußball; Luftballons; sowjetisch gefeierte Realien wie der Primuskocher und die Tramway; Freunde und Feinde; die Geliebten des Dichters; literarischer Alltag: "Wie der Gigant vom Sinai zum Taborberg Schleppst du dich von Verlag hin zu Verlag, du Zwerg." Mandelstam ("Ich bin Lesbier unter den Männern, / Fremd, ein Fremder, ja ein Fremder"), der an die junge Kollegin das schönste russische Liebesgedicht schreiben sollte, konnte auch anders: "Och, diese Lene, diese Nora, Och, dieser, Ätna, euer Ehren, O, Äther, Esther, Leonore, So sauer und so süß, Megären." Stalin, der in einem seiner berüchtigten nächtlichen Telefonate bei Pasternak nachfragte, ob Mandelstam denn nicht ein Meister sei(Mandelstam dichtete dem Diktator zuletzt noch eine merkwürdig schillernde Ode) befand letztendlich: "Isolieren, aber nicht vernichten!" Mandelstam starb Ende 1938 in einem Durchgangslager bei Wladiwostok an Entkräftung.

"Elga", der siebzig Jahre unveröffentlicht gebliebene Schlüsselroman über Achmatowa aus der Feder des akmeistischen Dichters Michael Senkewitsch, schildert noch einmal jenes "silberne Zeitalter" russischer Dichtung, die in der Folge gezwungen war, eine Sprache zu finden, die imstande sein sollte, Staat und Geschichte zu überleben - im Gedicht. Ein kurioses Nebenprodukt aus der umfangreichen Samisdat-Bibliothek dieser verbotenen Lyrik stellen die Einzeiler "Geballtes Schweigen" dar. Felix Philipp Ingold hat fünfzig dieser eigentümlichen Gebilde - Parodien auf die Großformen des Soz-Realismus - über verbotene Themen wie Ich, Gott, Sex, Tod und Gott in einem zweisprachigen Band herausgegeben. "Geballtes Schweigen, das ist Beethoven", schreibt Gennadij Ajgi. Und der Dichter? Andrej Bitov: "Dichter - das Frühstück Gottes". Mehr ist darüber eigentlich nicht mehr zu sagen. Lesen!In seiner Familiensaga "Der Glaspalast" schildert Amitav Ghosh auf eindrucksvolle Weise, wie sich der britische Kolonialismus den indischen Subkontinent unterwarf. Die Invasion ging so glatt vonstatten, dass sie selbst diejenigen in Erstaunen versetzte, die sie vorbereitet hatten. Am 14. November 1885 überquerte die Flotte des Britischen Empires die Grenze zu Birma", schreibt der indische Autor Amitav Ghosh in seinem großen Roman "Der Glaspalast", der als "der ,Dr. Schiwago' des Fernen Ostens" apostrophiert wurde. "In the end of the day", würde ein Engländer wohl sagen, beruht die Geschichte des Kolonialismus auf Missverständnissen. Wie Ghosh in seinem Buch zeigt, kommt es freilich darauf an, diese Missverständnisse für die eigenen Zwecke auszunutzen. Im Fall des burmesischen Königshauses schätzt die ehrgeizige Supayalat, Frau von König Thebaw, ihre militärische Lage falsch ein und fordert Zölle von einer britischen Holzhandelsgesellschaft. Die Briten beginnen daraufhin den Krieg, nehmen die königliche Familie gefangen und verbannen sie nach Indien. Im Roman erkundigt sich der britische Oberst Sladen unter den Höflingen nach Freiwilligen, die König Thebaw in die Verbannung folgen würden. "Kein Einziger meldete sich auf Sladens Aufruf." Bloß ein paar minderjährige Waisenmädchen, Dienerinnen der Königin, gehen schließlich mit. Diese mangelnde Loyalität gegenüber einem System oder einzelnen Personen ist ein Grund dafür, dass die Briten in Burma (und zuvor in Indien) so leichtes Spiel hatten. Mit dem Instinkt des klassenbewussten Zoon politikon erfassten die Eroberer, dass die politischen Widersprüche der Reiche, aber auch den Umstand die britische Klassengesellschaft in den Kastensystemen Südostasiens ihre Entsprechung fand. Der Held des Romans, ein indischer Waisenjunge namens Rajkumar, gibt schon früh eine Probe der "englischen" Weltsicht. Saya John, ein älterer Chinese, schildert ihm sein Erstaunen über die Bereitschaft der Sepoys, der indischen Söldner, auf Befehl von britischen Offizieren in den Krieg gegen Burma zu ziehen. "Rajkumar zuckte leichtfertig die Schulter: ,Sie sind nichts weiter als Werkzeuge. Ohne eigenen Verstand. Sie zählen überhaupt nicht.'" Besser hätte es ein britischer Offizier nicht ausdrücken können. Wer so denkt, wird es weit bringen. Rajkumar lernt in den Wäldern Burmas den Teakholzhandel und seine britischen Aufseher kennen. "Nur wenn sie frisch aus Europa angekommen sind, mit siebzehn oder achtzehn Jahren", so erklärt ihm Saya John, "sind sie in der Lage, solch ein Leben zu führen, und in diesen wenigen Jahren muss die Gesellschaft so viel Gewinn aus ihnen herauspressen, wie nur möglich." Rajkumar allerdings kümmert nicht, dass der britische Kolonialismus neben fremden Menschen und Wäldern auch seine eigenen Untertanen zerstört. Der indische Underdog wird ein erfolgreicher Holzhändler. Ghosh kontert das Porträt des Aufsteigers mit einem Tableau des verbannten Königshauses. In Ratnagiri, dem indischen Exil, kommen die Dienerinnen wie einst im Palast in Mandalay nur kriechend vor die Königin - eine leere Geste gegenüber einer machtlosen Herrscherin. Der König starrt tagein, tagaus durch ein Fernglas aufs Meer hinaus, die Töchter verursachen Skandale - es ist wie in einem Roman von Gabriel Garcia Marquez. Schließlich bricht Rajkumar in diese morbide Idylle ein und holt sich Dolly, eine der königlichen Dienerinnen. Damit sind die Voraussetzungen für die nachfolgende Familiensaga nach westlichem Vorbild geschaffen. Die Geschichte Rajkumars und seiner Nachkommen ist die der indischen Mittelklasse, die dem britischen Modell nacheifert, ohne die politischen Wirklichkeiten Indiens zu begreifen - nur einige indische Emigranten in New York ahnen, wohin dies führt: "Ihnen wurde klar, dass nicht sie selbst und auch nicht die nachfolgende Generation den wahren Preis für dieses Empire würden bezahlen müssen; dass die Zustände in ihrer Heimat dazu führen würden, dass ihre Nachkommen als Krüppel in das neue Zeitalter hineinstolperten." So kommt es auch, dass ein indischer Autor "den ersten Roman über Birma" erzählt; einen, der mit zwei ineinander verhakten Gebissen am Nachttisch endet. Very british indeed.

Wolfgang Kralicek in FALTER 4/2001 vom 26.01.2001 (S. 88)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die beiden Trams (Ossip Mandelstam, Ralph Dutli)
Am Rande des Wahnsinns (Helen Fielding, Isabel Ingendaay)
The Great American Novel (Philip Roth, Werner Schmitz)
Ich lebe aus dem Mond, du aus der Sonne
Der Mann, der lächelte
Das Hirn muss einen Saumagen haben (Thomas Maurer)
Zenos Gewissen (Italo Svevo, Barbara Kleiner)
Der Glaspalast (Amitav Ghosh, Margarete Längsfeld, Sabine Maier-Längsfeld)
Graben im Wort (Balduin Winter)
g-stone (Kruder & Dorfmeister)
Elga (Michael Senkewitsch, Alexander Nitzberg)
Das Geschlechtsleben der Emigranten (Jaromir Konecny)

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