Drohobycz, Drohobycz
Zwölf Lebensbilder

von Henryk Grynberg, Martin Pollack

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Zsolnay
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

Schläfenlocken und Perücken, gefilte Fisch und Klezmermusik Das Schtetl, Inbegriff jüdischer Kultur in Osteuropa, wurde schon vor seiner Auslöschung durch die Shoah mit einem verklärenden Blick betrachtet - von Joseph Roth bis Marc Chagall. Doch Nostalgie vermag zwar zu trösten, trägt aber kaum zu einem besseren Verständnis von Vergangenheit und Gegenwart bei. Mit ihrem Buch "Im Schtetl. Die Welt der polnischen Juden" hat sich Eva Hoffman der Aufgabe verschrieben, keine heile Welt darzustellen, sondern der "entsetzlichen Komplexität", die Lebensumstände und Verhalten in diesem historischen und sozialen Umfeld bestimmt hat, gerecht zu werden - auch gegen vereinfachende Thesen a la Daniel Goldhagen. Das Schtetl, dieses kleinstädtisch-dörfliche Nebeneinander von polnischen Bauern und jüdischen Händlern, "ländliche Form einer populistischen Theokratie" auf dem Weg in die Moderne, gilt ihr dabei als Paradigma eines "langen multikulturellen Experiments avant la lettre".
Tatsächlich war Polen schon seit jeher Schmelztiegel unterschiedlichster Kulturen, mit einer Bevölkerung aus Polen, Juden, Deutschen, Litauern, Weißrussen, Russen et cetera, ein Grenzland, in dem sich vor allem im 20. Jahrhundert die Okkupanten buchstäblich die Klinke in die Hand gaben. Mit über zehn Prozent (in Deutschland lag der Anteil unter zwei Prozent!) stellten die Juden die größte Minderheit dar, in den östlichen Randgebieten mitunter sogar die Bevölkerungsmehrheit, sodass sich hier polnische und jüdische Kultur kaum mehr auseinander dividieren lassen.
Eva Hoffman rollt die Geschichte dieser Koexistenz ohne Moralisieren und Schuldzuweisungen von ihren Anfängen her auf, beschreibt das Ineinander von Absonderung und Kooperation, von Vorurteil und Akzeptanz. Besonders in der Zeit der Reformation wurde Polen, das nicht nur Juden bereitwillig aufnahm, zum "sicheren Hafen für Dissidenten aller Glaubensrichtungen". Die liberale und tolerante Gesinnung der polnischen Adelsschicht, der Szlachta, schlug sich in einer Gesetzgebung nieder, die Juden vor Übergriffen und falschen Anschuldigungen schützte und ihnen sogar die Entwickung eigener politischer Einrichtungen und Gesetze ermöglichte. Diese kommunalen und religiösen Strukturen, so Hoffman, machten Polen zu einem der "bedeutendsten Zentren jüdischen Lebens auf der ganzen Welt", in dem der größte Teil der jüdischen Weltbevölkerung lebte - und ausgerottet wurde.
Das eigentliche Konzept von Hoffmans Buch aber besteht darin, die Geschichte der polnischen Juden aus der Perspektive des kleinen Schtetls Bransk nahe der russischen Grenze zu erzählen. Diese Mikrogeschichte begann mit der Teilung Polens, einer "unglücklichen Phase" der polnisch-jüdischen Beziehungen, da sich von nun an beide Seiten in der Opferolle konkurrenzierten, und die Polen den Juden vorwarfen, sich auf die Seite der Besatzer geschlagen zu haben.
Die wechselseitigen Vorwürfe der Nachkriegszeit, die Hoffman referiert, ähneln in ihrer Selbstgerechtigkeit auf erschreckende Weise denen von Serben und Kosovo-Albanern heute: Gerade die Doppelrolle als Täter und Opfer ruft offenbar, zeit- und kulturunabhängig, Reaktionen hervor, die mehr von Überforderung zeugen denn von Einsicht und Toleranz. Hoffmans These, dass Polen "immer wieder über längere Zeiträume eine wahrhaft multikulturelle Gesellschaft gewesen" sei, erscheint vor diesem Hintergrund als allzu optimistisch, denn Polen und Juden lebten in unterschiedlichen Welten, die einander fremd blieben und die Frage nach der Möglichkeit von Identität und Abgrenzung nicht befriedigend zu lösen vermochten.
Obwohl die Kultur der Bransker Juden durch die privaten Forschungen des jungen polnischen Historikers Zbigniew Romaniuk und durch das "Memorbuch", eine 1816 begonnene und 1947 fortgeführte Chronik von Laienschreibern, hervorragend dokumentiert ist, bleiben Alltag und Lebensgefühl des Schtetls in Hoffmans Schilderungen oft unanschaulich; und auf ihrer Reise ins heutige Bransk versteigt sich die Autorin, die als Kind mit ihren Eltern in die USA emigrierte, bisweilen selbst in wenig fruchtbringende moralische Fragestellungen.Anders der Erzählband von Henryk Grynberg, Jahrgang 1936 und neben Hanna Krall einer der wichtigsten Chronisten des Schicksals der polnischen Juden. So wie Zbigniew Romaniuk die Grabsteine von Bransker Juden wieder aufstellt, sammelt dieser "Wächter eines großen Friedhofs" Lebensgeschichten - Geschichten, die berichten, ohne zu urteilen. Über 20 Bücher sind auf diese Weise entstanden, gestützt auf Erinnerungen und Gespräche mit Überlebenden: in deutscher Übersetzung zuletzt "Kalifornisches Kaddisch" (1993) und "Kinder Zions" (1995).
Die Erzählungen in "Drohobycz, Drohobycz", deren Eindrücklichkeit wie bei Hanna Krall auf der Sparsamkeit der sprachlichen Mittel beruht, beginnen wie normale Familiengeschichten, in die die Shoah unvermutet einbricht und die Überlebenden über den ganzen Kontinent verstreut - von Bratislava bis nach Magadan und Wladiwostok. Grynberg, der 1967 nach einer antisemitischen Kampagne der polnischen Regierung in die USA emigrierte, nimmt auch jüdische Opfer des Stalinismus in seine Dokumentation auf, etwa den Fall des Physikers Lew Dawydowitsch Landau, für dessen Freilassung sich Niels Bohr mit einem persönlichen Brief an Stalin einsetzte.
Die Icherzähler, denen Grynberg seine Stimme verleiht, sind - ein halbes Jahrhundert nach der Shoah - zumeist Kinder. Aber Erinnerung verjährt nicht, und diese Berichte können immer wieder erschüttern, so unvollständig und ausufernd, so "bekannt" sie einem mitunter auch vorkommen mögen. Und bisweilen verdichten sie sich zu Miniaturen, die den Unterschied zwischen Literatur und Dokumentation aufzuheben scheinen. Drohobycz, der Geburtsort des großen galizischen Autors Bruno Schulz, der hier ermordet wurde, gibt der Titelgeschichte ihren Namen. "Sie brachten uns in Cinecitta bei Rom in Filmstudios unter", erzählt ein junger Mann, der einst Schulz' Geschichten lauschte, "zwischen den Dekorationen aus den verschiedensten Epochen. Wir sahen aus wie Statisten einer Massenszene, wie ein Missverständnis, ein Irrtum des Regisseurs, eine Realität, die unter dem Schein hervorlugte. Wie Statisten, die davongelaufen waren, weil sie sahen, was tatsächlich gespielt wurde."

Kirstin Breitenfellner in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 3)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Im Schtetl

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