Der Chronist der Winde
Roman

von Henning Mankell

€ 20,50
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Übersetzung: Verena Reichel
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 272 Seiten
Erscheinungsdatum: 10.07.2002

Rezension aus FALTER 29/2000

Mit Kommissar Wallander ist Schluss. Und deswegen will der schwedische Bestsellerautor Henning Mankell auch nur über seinen neuen Roman "Der Chronist der Winde" und seine neue Heimat Mocambique reden - und nicht mehr über seine erfolgreiche Krimiserie. Fast nicht mehr.
Die Aussicht, mit Henning Mankell reden zu dürfen, hat mich begeistert, weil ich ein rückhaltloser Anhänger seiner Kriminalromane bin und den Kommissar Wallander für die interessanteste Figur des Genres halte. Die Vorgabe, Mankell nicht über Krimis und Wallander befragen zu dürfen, tat der Freude keinen Abbruch. "Natürlich stehe ich zu allen meinen Büchern, aber dieser Roman hat einen besonderen Platz in meinem Herzen", meint der Meister über sein jüngstes Buch "Der Chronist der Winde" - nur darüber und über sein Engagement in Mocambique will er reden. Nichts lieber als das: Ich habe diesen Staat, der bis vor kurzem als ärmstes Land der Welt galt und erst unlängst wieder schlimme Unwetter durchleiden musste, selbst mehrmals bereist und bin davon ebenso fasziniert wie Mankell.
...In Ihrem neuen Buch "Der Chronist der Winde" lassen Sie den Bettler Jose Antonio Maria Vaz die Geschichte des zehnjährigen Nelio nacherzählen. Nelio ist also unwesentlich älter als das Nachbürgerkriegsmocambique, er ist der Anführer einer Kinderbande, die in der Stadt zu überleben versucht. Dieses Leben ist ein Risiko. Für einen kleinen Mocambiqueno wie Nelio bietet es kaum eine Chance.
Nelson Mandela hat einmal gesagt, die Beseitigung der politischen Apartheid ist die eine Sache. Viel schwieriger wird es, Apartheid aus den Köpfen der Leute zu vertreiben. Er hatte zweifellos Recht. Ich belauschte erst kürzlich in Maputo in einem Kaffeehaus das Gespräch zweier weißer Damen, Gattinnen von irgendwelchen Entwicklungshelfern allem Anschein nach, typische weiße Ehefrauen eben, wie man sie dort unten überall sieht. Die eine beklagte sich heftig über ihren Gärtner, der natürlich ein Schwarzer ist und den sie wohl bald entlassen wird. "Er ist so unglaublich blöd, typisch Afrikaner", meinte sie, "ich habe ihm aufgetragen, dafür zu sorgen, dass die Tomaten jeden Tag gewässert werden. Und was sehe ich gestern, wo es doch den ganzen Tag geregnet hat? Was tut der Idiot? Er steht im Regen und wässert die Tomaten." Ich bin zu den Damen hingegangen und habe ihnen erklärt, dass man dem Gärtner immer und immer wieder gesagt und er inzwischen gelernt hat, er müsse nicht denken, sondern gehorchen. Also gehorcht er und denkt nicht. Seine eigenen Tomaten hat er allerdings an diesem Tag ganz bestimmt nicht gewässert.
Hat es etwas genützt?
Was weiß ich. Vielleicht. Vielleicht nicht.
"Ich war allein dort in der Nacht", schildert Vaz das Ende seiner Begegnung mit dem Straßenkind Nelio, "der große Ofen war heiß in Erwartung des Brotes, das bald für den hungrigen Tag gebacken werden sollte. Ich schob Nelios Körper in den Ofen, schlug die Klappe zu und wartete genau eine Stunde. So lange würde es dauern, hatte er gesagt, bis sein Körper verschwunden wäre. Später, als ich die Klappe wieder öffnete, war nichts mehr übrig. Sein Geist wehte an mir vorbei, wie ein kühler Hauch aus der höllischen Hitze, und das war alles." Mich dünkt "Der Chronist der Winde" ein melancholisches, streckenweise sogar ein trauriges Buch.
Ich würde eher sagen, es ist ein intensives Buch. Ein Buch der Emotionen, das uns daran erinnert, wozu Menschen - im Guten wie im Bösen - fähig sind. ...
Lassen Sie mich zum Abschluss unseres Gesprächs doch noch das eine und andere zu Ihren Kriminalromanen und zu Inspektor Wallander fragen. Wie lange arbeiten Sie normalerweise an einem dieser Bücher?
So ungefähr drei bis vier Monate. Ja, ich bin eher ein Schnellschreiber. Allerdings bereite ich mich gut vor, ich habe immer einen exakten Plan. Was mich an der Figur Wallander interessiert, ist sein Denken. Wie er einen Fall einkreist, wie er sich das Umfeld überlegt und so weiter.
Nehmen Sie wirkliche Fälle als Vorlagen?
Nein. Meine Bücher sind Romane. Auch die Landschaften sind, so real sie daherkommen, oft verändert. Ich liebe es, eine Kirche an einen Platz zu stellen, wo es keine Kirche gibt. Oder einen See von einer Gegend in die andere zu transponieren. Die Leser allerdings sind überzeugt, dass alles genau so ist, wie ich es beschreibe, Südschweden eben und dann natürlich die Gegend um Ystad. Es gibt ja inzwischen Wallander-Landkarten und Wallander-Touren, die vor allem bei den Deutschen sehr beliebt sind. Die sind dann oft erstaunt, wenn etwas anders ist, als sie es sich ausgemalt haben.
Wie wird es mit Wallander weitergehen?
Ich muss festhalten, dass ich mit der Figur des Inspektors Wallander aufgehört habe. Es gibt inzwischen neun Bücher mit ihm in der Hauptrolle. Jetzt ist Pause. Im neunten Buch beschließt nämlich seine Tochter, ebenfalls Polizist zu werden. Ich habe vor, einige Bücher mit ihr im Mittelpunkt zu schreiben. Ich werde Wallander also eher als Randfigur, als Beobachter sozusagen, mitzunehmen haben.
Neben der bestechenden Art, wie Sie die Figuren zum Leben erwecken, begeistert uns Krimienthusiasten vor allem die bedächtige Akribie, mit der Wallander in seinen Untersuchungen vorgeht. Haben Sie selber mal bei der Polizei gearbeitet?
Nein. Mein Vater war Richter, und ich habe tatsächlich immer Menschen aus dem Gerichtswesen in meinem Umfeld gehabt. Und natürlich weiß ich, wie man recherchiert.

Christoph Braendle in FALTER 29/2000 vom 21.07.2000 (S. 48)


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