Eine CD lang
Liebesgeschichten

von Rosemarie Poiarkov

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Zsolnay
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 12/2001

Mit ihren "Liebesgeschichten" riskiert Rosemarie Poiarkov einiges, verliert vieles und lässt hoffen.Am Ende aber sind sogar die U-Bahn-Benutzer glücklich.

Als "Liebesgeschichten" sind die zwölf Stories ausgewiesen, die Rosemarie Poiarkov in ihrem Debüt unter dem Titel "Eine CD lang" versammelt hat. Und doch wird in der Titelgeschichte schon mit dem ersten, in der Folge etwas penetrant variierten Satz die Paradoxie dieses Unterfangens festgehalten: "Ich möchte eine Liebesgeschichte erzählen, aber es gibt keine Geschichten mehr über die Liebe." Warum eigentlich? Dass die Sache mit dem jungen Mann, den die Icherzählerin in einem Lokal (allem Anschein nach dem Flex) aufgabelt, "keine Liebesgeschichte", sondern "die Beschreibung eines ganz normalen One-Night-Stand" ist, wie dem Leser überflüssigerweise noch ausgedeutscht wird, dürfte klar sein. Aber dann gibt es ja noch den fernen Geliebten, der ihr am Grab der Mutter die Hand gehalten hat. Der fehlt ihr jetzt. "Aber ich weiß ja, dass immer etwas fehlen wird. Das ist der einzige Satz, der mir einfällt, der aus einer Liebesgeschichte stammen könnte, die sich vor Jahren ereignet hat."

Der Schlüsselsatz zu den Liebesgeschichten, die die Autorin dann doch geschrieben hat, findet sich in dem mit Abstand besten Text, der abschließenden und in halb entschlossener Kleinschreibung verfassten Geschichte "Vor dem Sommer": "wir alle suchen doch geborgenheit und verlorene sehnsüchte, darüber können wir alle lieder singen, und ich fang gleich an, sonst traut sich keiner."

Rosemarie Poiarkov traut sich was. Zum Beispiel schreibt sie "Sehnsucht", wenn sie Sehnsucht meint. Das geht freilich nicht immer so gut wie in der zitierten Passage, in der eine burschikose Ironie dem Pathos die Waage hält. Andere Geschichten sind schlicht missglückt und wären besser in der Schreibtischlade verblieben. Die "Vertreibung aus dem Paradies" etwa, in der sich die Erzählerin als "das erste weibliche Wesen der Welt" träumt (warum eigentlich nicht einfach "Frau"?), ist zwar voller Sehnsucht, aber ohne die Sprache, die diese vor dem Absturz in kitschige Plattitüden zu retten vermag. Oder die märchenhafte, gleichwohl um Realitätsverankerung bemühte "Geschichte", die keinen eigenen Ton findet, dafür aber einen fragwürdigen Stilwillen verrät, wenn - nur ein Beispiel - ein Kindermädchen als "warmer Engel des Kinderschlafs" bezeichnet wird.

Gefährlich wird es immer dann, wenn sich die potenziellen Liebespaare in die Augen schauen. Da sind dann "unsere Blicke ineinander versunken (...) unsere blauen Augen ein einziges Meer"; da entdeckt die Erzählerin "den Blick all dessen, was gewesen war, in seinen Augen"; und wenns mal nicht so toll läuft, liegt Bernhard blöd auf dem Bett herum, "seinen Blick im Fernsehbild verschmolzen".

Die Liste solcher missglückter Bilder ließe sich noch fortsetzen, würde aber auch den Blick für die Qualitäten dieser Prosa trüben. Und die liegt im bereits erwähnten Mut. Beherzt wird da eine Story ("Nächte") auch schon einmal mit ein paar kess verholperten Anapästen eröffnet ("Über Markus sagte Petra im Torso zu mir"), um nach der Zäsur auch gleich noch hinterherzureimen: ",Ihm liegt viel an dir.'" Und was den stilistischen Absturz nachgerade provoziert, das Nebeneinander verschiedener Tonlagen, trägt dem Umstand Rechnung, dass sich unser Sehnsuchts- und Pathosreservoir eben nicht mit jeder x-beliebigen Sprache auffüllen lässt. Poiarkov weigert sich, die Nachfrage nach lakonisch-tougher Generationen-Prosa zu befriedigen. Sie hat weder Angst davor, an den Rand des animierten Geplappers zu geraten, noch davor, das Hohelied der Sehnsucht anzustimmen.

Im besten Falle aber geht eh beides zusammen. Die Erzählerin aus der eingangs erwähnten Geschichte "Vor dem Sommer" ist orgasmusgroggy, aber trotzdem gut drauf. Zwischen all den Michaels, Emmanuels und Haralden hetzt sie in akzelerierenden und retardierenden Hauptsatzketten durch die Tage und Nächte, flegelt im Vorbeirennen Peter Handke an, ist ganz aufgekratzt, nicht nur der schieren erotischen Potenzialität wegen, sondern weil sie von einer nachgerade nietzscheanischen Seinstrunkenheit erfasst ist und diese nicht für sich behalten will. Zwar ist ihr klar, dass auch sie "nicht mit allen menschen dieser welt zusammenwohnen (kann)", aber immerhin will die in verzückter Selbstapotheose durch Wien Zappelnde ein bisschen von ihrer "tiefen kosmosekstase" an die grauen, eingeschlafenen U-Bahn-Gesichter abstrahlen: "die menschen waren schön und glücklich als sie mich sahen weil sie nur das glück in meinen augen sahen und mein leuchten spürten ich rauchte heute auch weniger (...)".

Glück ist nicht nur gesund, sondern auch ansteckend. Und für die Überbringung dieser frohen Botschaft muss man Rosemarie Poiarkov doch dankbar sein.

Klaus Nüchtern in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 18)


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