Die sterbenden Europäer
Unterwegs zu den Sepharden von Sarajevo, Gottscheer Deutschen, Arbereshe, Sorben und Aromunen

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Zsolnay, Paul
Genre: Belletristik
Erscheinungsdatum: 09.03.2001

Karl-Markus Gauß, dessen Aufmerksamkeit seit langem den randständigen Nationalitäten gilt, ist in den vergangenen Jahren immer wieder aufgebrochen zu jenen kleinen Völkern, denen Europa seine Vielfalt an Kultur verdankt. Seine Reisebilder verbinden Naturbeschreibung, Stadtporträt, Exkurs in unbekanntes Gelände der Kulturgeschichte, politische Skizze und Erzählung von unverwechselbaren Menschen zu einer wunderbaren Form von Literatur. Karl-Markus Gauß, geboren 1954 in Salzburg, wo er heute als Autor und Herausgeber der Zeitschrift "Literatur und Kritik" lebt. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt und mit etliche Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem Europäischen Essaypreis Charles Veillon.

Rezension aus FALTER 23/2014

Bei den kleinen Völkern Europas

Rund um die Jahrtausendwende reiste der Salzburger Essayist Karl-Markus Gauß, der dieser Tage 60 Jahre alt wurde, zu fünf ethnischen Minderheiten in Europa – und verfasste darüber fünf groß angelegte Reportagen.
Gauß besuchte etwa in Sarajevo sephardische Juden. Er bereiste weiters das Land der Gottscheer, Abkömmlinge deutscher Siedler in Slowenien, und jenes der Arbëreshe, süditalienischer Albaner. Schließlich schaute Gauß bei den slawischen Sorben im Osten Deutschlands vorbei und bei den Aromunen, auch genannt Vlachen, der romanischsprachigen Minderheit in Mazedonien.
Das Ergebnis all dieser Reisen ist ein über weite Strecken grandioses Reportagenbuch. Es zeigt, wie kleinräumig und vielschichtig der europäische Kontinent immer noch ist, trotz aller Vernichtung und ethnischer Flurbereinigung im Zweiten Weltkrieg. Gerade angesichts der EU-Wahlen und der Vorgänge in der Ostukraine lohnt es sich, das Buch wieder zu lesen.

Josef Gepp in FALTER 23/2014 vom 06.06.2014 (S. 17)


Rezension aus FALTER 51-52/2001

Aromunen trifft man selten. Sorben auch nicht oft. Karl-Markus Gauß hat sich auf die Suche nach ihnen und anderen vergessenen Europäern gemacht. Seine Reise beginnt bei den Sepharden in Sarajevo und endet bei den Aromunen in Mazedonien. War Sarajevo früher einmal "Klein Jerusalem", so geht die fünfhundertjährige Geschichte der sephardischen Juden langsam zu Ende. Den anderen Volksgruppen, die Gauß auf seiner Reise durch Europa getroffen hat, geht es kaum besser. Die Aromunen etwa, eines der ältesten Völker Europas, das ähnlich wie die Kurden auf vier Staaten verteilt wurde und zu denen - behaupten zumindest die Aromuren - auch Alexander der Große zählte. Oder die Sorben in Deutschland, die unter den Nazis zwischen Assimilation, Umsiedlung oder Vernichtung wählen sollten und nun nur mehr an die sechzigtausend Mitglieder zählen.

In fünf leicht zu lesenden, aber trotzdem nicht oberflächlichen Reportagen schildert Gauß die Geschichte kleiner Völker, die es nie zu einem eigenen Staat gebracht haben. Er schreibt über die Arbereshe in Kalabrien, die nicht verstehen können, dass ihre aus Albanien nach Süditalien geflüchteten Brüder nicht wissen wollen, wie die albanische Kultur von ihnen seit Hunderten Jahren gepflegt wird, sondern lieber lernen möchten, wie man im Kapitalismus schnell reich wird.

Obwohl klar ist, dass es diese Völker, die oft nicht einmal als Minderheit anerkannt sind, bald nicht mehr geben wird, ist in diesem Buch trotzdem kein Platz für Nostalgie oder Bitterkeit. Denn, wie ein sephardischer Jude aus Sarajevo meint, "wenn der Mensch ein Tier wäre, das in der Vergangenheit lebt, dann hätte er seine Augen im Genick, um zurückschauen zu können".

Erich Klein in FALTER 51-52/2001 vom 21.12.2001 (S. 22)


Rezension aus FALTER 26/2001

Karl-Markus Gauß' Buch über "Die Sterbenden Europäer" ist eigentlich ein Plädoyer für den Inlandsurlaub.

Zum Thema "Rand" fällt mir als Erstes Peter Handke ein. In der wunderbaren Sammlung "Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt" erwies sich der Kärntner Dichter schon im Jahr 1969 als ein Praktiker des Ephemeren. Unter den gesammelten Texttrümmern finden sich unsterbliche Stücke wie die pflichtgemäße und dabei ellenslange Beantwortung der Frage nach der besten Verbindung zu dem bundesdeutschen Ort Stock ("Zugauskunft") oder so profane Dinge wie "Das Rätsel vom 17. August 1968" oder "Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968". Mit der lyrischen Textmontage "Der Rand der Wörter 2" hat Handke eine Etüde des Randes geschaffen, die zu lesen noch heute lohnt:

"Wir sitzen am Rand des Feldweges und reden.

Die größte Not ist lange vorbei, denn am
Gletscherrand lagern die Leichen ab.

Wer steht am Rand des Feldes, am Rande des
Highway? - Cary Grant".

Karl-Markus Gauß, der im Zentrum von Europa (Salzburg) eine der besten österreichischen Literaturzeitschriften (Literatur und Kritik) herausgibt und dessen Person in den Zentren des deutschsprachigen Feuilletons zu den gefragtesten zählt, setzt sich in seinen Texten seit vielen Jahren mit einem speziellen Rand, nämlich dem Rande Europas, auseinander. Dort, wo das Geld und die Kultur des Zentrums nicht mehr ganz hinreichen, hält er Nachschau nach einem Europa der verschwindenden Volkskulturen und der Differenz und damit auch nach einem Europa, das in den Augen dessen, der es mit seinen Augen vielleicht ein letztes Mal sieht, das eigentliche Europa ist.

"Die sterbenden Europäer" nennt Gauß folgerichtig seinen neuen Textband und meint damit nicht, dass etwa die Briten krank, die Franzosen siech und die Deutschen schon halbtot seien, nein: Das Europa des Karl-Markus Gauß stirbt von den Rändern her. Fünf Regionen und fünf in ihrer Existenz gefährdete Volksgruppen hat Gauß für den neuen Band ausgewählt: die sephardischen Juden in Sarajevo; die deutschsprachigen Gottscheer in einem ausgedehnten Waldgebiet an der Grenze zwischen Slowenien und Kroatien; die albanisch-stämmigen Arbereshe im Süden Italiens; die legendenumwobenen Aromunen im Grenzgebiet von Makedonien und Griechenland (deren berühmtester Spross der rumänische Fußballer George Hagi ist) sowie die Sorben auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, "Slawen von nebenan".

"Plötzlich, im tiefen Wald, begriff ich, dass ich mitten im Dorf stand" - mit diesem Satz beginnt Gauß' Reportage über die Gottscheer und gibt damit den übrigen Texten ein Muster vor. Wie ein hungriger Tiger springt der Fremdling aus Österreich mitten in sein jeweiliges Zielgebiet, schon nach wenigen Federstrichen sind dem Leser Land und Leute präsent. Jener Jakob Finci beispielsweise, dem als Leiter des kleinen jüdischen Gemeindezentrums von Sarajevo Päpste und Präsidenten persönlich die Ehre erweisen, ein Akt, der in einem seltsamen Verhältnis zur Zahl jener Menschen steht, die Finci vertritt, und der bei den anderen, realpolitisch ungleich mächtigeren Repräsentanten der Stadt regelmäßig für Ärger sorgt.

Der Wald der Gottscheer, einige hundert Kilometer entfernt, hat keine Literarisierung nötig, er sieht ohnedies wie eine Gegend von Thomas Bernhard aus. So finden sich in ihm die Dörfer Verderb und Verdreng, und zu verdrängen haben die Leute dieser Gegend tatsächlich etwas. Karl-Markus Gauß rückt nur zögerlich damit heraus: "Allerdings, jetzt muss es gesagt werden: Es gab auch eine Schar junger Nationalsozialisten innerhalb der Gottscheer Volksgruppe." Warum auch sollten am Rand keine Nazis gewesen sein?

Dem erlebnisartigen Einstieg in die Randzonen, in denen der Autor sein erzählerisches Talent voll entfaltet, folgt im zweiten Abschnitt der Reportagen in schöner Gleichförmigkeit eine historische Erkundung der jeweiligen Räume und Minderheiten. Gauß trägt sein Wissen in einer sanften und niemals schulmeisterhaften Art vor und kehrt nach Beendigung der jeweiligen Lehreinheiten spielend leicht zum literarisch-feuilletonistischen Tonfall zurück. Eher angedeutet als ausgeführt finden sich die Voraussetzungen der Texte: Die Tatsache etwa, dass Gauß' eigene Familie aus der Wojwodina stammt, wird in einer kleinen Nebenbemerkung mitgeteilt. "Ah, Schwaba", wird Gauß geantwortet, als er einmal kurz von seiner eigenen Geschichte erzählt.

Die stärksten Momente hat der Rand dort, wo Erscheinungen aufblitzen, als täten sie es in der Gauß'schen Berührung auch schon zum letzten Mal. Seine stärkste Konkurrenz findet der Rand im Zentrum, das - einmal auf die schönen Ränder aufmerksam gemacht - diese sogleich zu integrieren sucht. An den Sorben der Oberlausitz, angesiedelt an Orten wie Cottbus, Hoyerswerda und Bautzen, zeigt sich der unabwendbare Einfluss des Fremdenverkehrs auf die Volkskultur. Der Osterritt zwischen den Gemeinden Wittichenau und Ralbitz findet in ununterbrochener Folge selbst über Kriege hinweg seit dem Jahr 1540 statt. Seit der Ritt in den Prospekten der Region vermarktet und hübsch bebildert wird, nehmen an dem Spektakel zwar immer mehr Menschen, aber immer weniger Sorben teil. Vielleicht kann man auch daraus eine Lehre ziehen. Wer die Ränder Europas noch eine kleine Weile erhalten will, macht es anders als Karl-Markus Gauß: Er bleibt zu Hause und liest dieses Buch.

Erich Klein in FALTER 26/2001 vom 29.06.2001 (S. 63)


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