Der unterirdische Himmel
Roman

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Polis
Genre: Belletristik
Erscheinungsdatum: 30.07.2001

Der zwanzigjährige Billy, die bezaubernde Lucia und der Hund Drooby folgen ihren Träumen und nehmen die Route 66 Richtung Westen, zur Sonne, zum Meer. Aber der Weg nach Kalifornien ist weit. Ein Buch voller Bilder, Landschaften, Musik und einer Ahnung, daß das Leben mehr sein könnte, als es ist. Soti Triantafillous Roman ist nicht nur eine mitreißende Roadnovel, sondern auch eine Geschichte über die griechischen Einwanderer in Amerika. Soti Triantafillou, 1957 in Athen geboren, lebt dort als freie Schriftstellerin. Bisher wurden von ihr Kurzgeschichten, ein Kinderbuch und mehrere Romane veröffentlicht.

Rezension aus FALTER 41/2001

Die Romanhelden von Ersi Sotiropoulos und Soti Triantafillou können mit den Sehnsuchtsangeboten Griechenlands nicht besonders viel anfangen.

Was tut man mit seinen Sehnsüchten, wenn man in einem Land lebt und arbeitet, das ausschließlich als Sehnsuchtsort wahrgenommen wird? Eine Frage, die in vielen Romanen griechischer Autoren abgehandelt wird. In manchen findet sich auch eine gute Antwort. Sie lautet: sich verweigern. Denn die Leute, mit denen man es in den Büchern von Ersi Sotiropoulos und Soti Triantafillou zu tun hat, können rein gar nichts anfangen mit Partyinseln, geliehenen Mofas oder Tavernen, die aussehen, als würde gleich Alexis Sorbas durch die Türe kommen.
Die idyllische Gegend, in der etwa die 1953 in Patras geborene Ersi Sotiropoulos ihren Roman "Bittere Orangen" ansiedelt, hat ihren Protagonisten nicht viel zu bieten. Lia liegt mit einer unheilbaren Krankheit im Spital, das Einzige, was sie am Leben hält, sind die Besuche ihres jüngeren Bruders Sid. Der lebt seit Jahren allein, von den Eltern erfährt man, dass der Vater die Kinder geschlagen hat und die Mutter überfordert war.
Wenn man so will, ist "Bittere Orangen" ein griechischer Anti-Heimatroman. Je öfter die malerische Landschaft mit weiß getünchten Häuschen, Hafenpromenade und Fischerbooten beschworen wird, desto deutlicher wird sie als Kulisse des Niedergangs erkennbar. Die Kinder, die am Meer sitzen und den Möwen im Abendlicht zuschauen, hoffen, dass ein Feuer ausbricht. Das Einzige, was den Erwachsenen noch Abwechslung bietet, sind die Unfälle auf der Landstraße. Am Ende wird Sid einen Hammer nehmen und gemeinsam mit seinem Freund, dem jungen Krankenpfleger Sotiris, einem Mädchen auflauern. Dem Verfall des Dorfes ist der Verfall des Körpers gleichgesetzt. Konnte Lia am Anfang noch ihrer Krankheit trotzen, ist ihr Körper am Ende selbst zum Fiebern zu schwach. Sie erliegt einem rätselhaften Virus, das ihr Immunsystem dazu bringt, sich gegen den eigenen Körper zu richten.
Was das Buch in all seiner Nüchternheit auch anrührend macht, sind die Freiräume, die die Autorin ihren Figuren trotz aller Ausweglosigkeit zugesteht. Sid und Lia retten sich in ihre Geschwisterbeziehung. Die Tristesse der Dorfbewohner wird gemindert, als der Krankenpfleger einen sprechenden Vogel nach Hause bringt. Die Frau im Krankenbett neben Lia entzieht sich der Kommunikation. "Etwas kaum Merkliches, das sie in den vorangegangenen Tagen flüchtig wahrgenommen hatte, ordnete sich jetzt in einer logischen Reihenfolge. Poder, Lope, Soppe, Schatolle. Das war's, so ließ sich alles erklären. Die alte Frau hatte alle u in ihrer Sprache abgeschafft."Um Freiräume geht es auch der 1957 in Athen geborenen Soti Triantafillou. Billy Morrow, Sohn griechischer Einwanderer, die in den Fünfzigerjahren in den USA gestrandet sind, will gemeinsam mit seiner Freundin Lucia raus aus dem öden Indianapolis. In einem auffrisierten Ford machen sie sich auf den Weg nach Kalifornien. "Der unterirdische Himmel" ist ein road novel, und das Amerika, durch das Triantafillou uns führt, ist ein Patchwork aus den Träumen der Einwanderer und den Hoffnungen der Eingesessenen, den Wünschen der Jungen und den Illusionen der Alten. Man kommt damit nicht weit, und Billys und Lucias Reise endet abrupt, bevor die beiden ihren Sehnsuchtsort erreicht haben, eine Stadt mit dem bezeichnenden Namen Arcadia. Auch formal folgt der Roman dem Prinzip der Collage. Immer wieder wird die Handlung von Musikerbiografien, Statistiken oder Landkarten unterbrochen. Und was in Bezug auf eine Automarke als "Spielart eines typischen amerikanischen Phänomens" beschrieben wird, kann auch als Prinzip des Romanes gelten – nämlich "die Dinge protzig, verspielt, originell und irgendwie geschmacklos zu machen".
Dazu passend ist das Buch in einem Tonfall gehalten, der wie ein Destillat aus den Büchern Richard Brautigans und John Updikes wirkt: "Die Zukunft war eingetroffen, und am zweiten Tag in Corpus Christi fuhren Dudes und Lucia mit dem Hot-rod ins Einkaufszentrum, um einen Job für einen Tag zu finden." Dazwischen finden sich als Einsprengsel immer wieder Songtitel oder Werbesologans – die Sprache des amerikanischen Traumes beherrscht Triantafillou ziemlich akzentfrei.

Gemeinsam ist den beiden Autorinnen der souveräne Umgang mit ironischer Distanz. Soti Triantafillou etwa hält den Figuren in regelmäßigen Abständen sehr auktorial und schulmeisterlich ihre Unwissenheit vor. "Die Hot-rods sind Teil der amerikanischen Literatur, aber Dudes liest Western." Im Gesellschaftspanorama von Ersi Sotiropoulos wiederum gibt es Passagen, in denen die Figuren plötzlich aus sich heraustreten und das Geschehen ins Surreale kippt. Dann verändert sich die Erzählperspektive, und während er an den Dorfjungen vorbeischlendert, darf sich Sid wie ein amerikanischer Filmstar fühlen. "Er hat ein Ziel und, und nichts kann ihn aufhalten. Der Held geht weiter und schaut gerade aus. Hat er das Gefühl, lächerlich zu sein? Ich glaube nicht." Es sind diese kleinen Momente der Verweigerung, die den Charme der beiden Romane ausmachen.

Verena Mayer in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 4)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Bittere Orangen (Ersi Sotiropoulos, Doris Wille)

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