Die Flugschau von Brescia
Kafka, d'Annunzio und die Männer, die vom Himmel fielen

von Peter Demetz

€ 20,50
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Übersetzung: Andrea Marenzeller
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 256 Seiten
Erscheinungsdatum: 16.09.2002

Rezension aus FALTER 1-2/2014

Der Himmel über Wien

Im August 1918 wurde Wien zum ersten Mal bombardiert – mit Texten des italienischen Krieger-Dichters Gabriele d'Annunzio

Der Augenzeuge holte ein Opernglas hervor, um die Flugzeuge zu beobachten. "Plötzlich sah ich ziemlich deutlich, wie das führende Flugzeug Papierchen auswarf, die im heftigen Wind abwärts taumelten."
Am 10. August 1918 zitierte die Presse einen Maler, der den kuriosesten Angriff des Ersten Weltkriegs von seinem Dachatelier aus verfolgt hatte – den Flug Gabriele d'Annunzios nach Wien.
Der 55-jährige Schriftsteller war am Morgen des vorangegangenen Tages mit einem aus elf Flugzeugen bestehenden Geschwader in der Nähe von Padua gestartet. Drei Flugzeuge fielen bei dem 1000 Kilometer langen Flug aus, eines musste in der Nähe von Wiener Neustadt notlanden. Um 9.10 Uhr holte d'Annunzio in einer Höhe von 3000 Metern sein Notizbuch heraus und notierte, dass die Sonne über dem Wienerwald aufgestiegen sei, zehn Minuten später erreichten die sieben Flugzeuge die Wiener Innenstadt. Über dem Graben und dem Stephansdom kippten sie die Körbe und ließen die Propagandazettel in die Tiefe rieseln.

"Wiener! Lernt die Italiener kennen!", stand auf einem der grün-weiß-roten Papiere. "Wenn wir wollten, wir könnten ganze Tonnen von Bomben auf Eure Stadt hinabwerfen, aber wir senden Euch nur einen Gruß der Trikolore, der Trikolore der Freiheit."
Obwohl die Militärbehörden vor der Möglichkeit von Bombenangriffen aus der Luft gewarnt hatten, reagierten die Wiener mit einer Mischung aus Neugier und Staunen. Sie eilten auf die Dächer, um das Spektakel zu beobachten. Auf der Straße liefen die Menschen zusammen, um nach den vom Himmel fallenden Papiere zu schnappen.
Einer der Piloten fotografierte die Aktion. Das Bild zeigt die Peterskirche, die Tuchlauben, den Hohen Markt; vielleicht landete ein Flugblatt ja sogar auf der späteren Falter-Redaktion in der Marc-Aurel-Straße.
Einige Kommentatoren äußerten ihre Bewunderung für das Husarenstück: "Dass es feindlichen Fliegern gelingen konnte, Wien zu erreichen, ist jedenfalls eine hervorragende Leistung, der die Anerkennung nicht versagt werden kann", schrieb die Arbeiter-Zeitung. Gabriele d'Annunzio (1863–1938), der in den Medien als Initiator der Aktion genannt wurde, war in Wien kein Unbekannter. Sein Kollege Hugo von Hofmannsthal widmete bereits 1893 dem "originellsten Künstler, den Italien augenblicklich besitzt", einen enthusiastischen Essay. Im Jahr 1900 kam er mit seiner Geliebten Eleonora Duse nach Wien. Der Bühnenstar hatte im Burgtheater einen Auftritt in d'Annunzios Stück "La Gioconda".

Seine öffentlich zelebrierten Liebesaffären und skandalösen Romane, die von Inzest, Selbstmord und Liebesqualen handeln, machten ihn zum bunten Hund der europäischen Literaturszene. "Er saugte Blut und Gefühle aus seinen Frauen, und wenn sie nicht genügend litten, quälte er sie psychisch und labte sich an ihren Erniedrigungen", schreibt der Literaturhistoriker Peter Demetz.
Er inszenierte sich als Renaissancefürst mit Köchen, Dienstmädchen, Dienern und Gärtnern. Auch wenn einige Bücher Bestseller waren, konnte er sich diesen Lebensstil nicht leisten; 1910 muss er vor den Gläubigern nach Frankreich flüchten. Erst der Krieg bot ihm dann die Gelegenheit zur Rückkehr nach Italien. Nun konnte er seinen Größenwahn ausleben.
In der Figur des Fliegers sah d'Annunzio einen nietzscheanischen Übermenschen, der sich, erregt von den "leuchtenden Stößen des Lebens", über die Niederungen der christlichen Moral erheben konnte. In Schrei­ben an die italienische Heeresführung entwarf er Pläne zur Bombardierung deutscher Industrieanlagen.
Was wenige Jahre später in den Giftgasangriffen italienischer Flieger auf Libyen und Äthiopien tödlicher Ernst werden sollte, hatte bei d'Annunzio noch etwas Abenteuerlich-Theatralisches. Bei einem Flug über Istrien führte er 1916 einen Korb mit vier Bomben mit sich, die er über den gegnerischen österreichischen Stellungen abwarf.

D'Annunzio gehörte zu einer Übergangs­generation. Er war ein brillanter, mitunter auch unerträglich kitschiger Stilist des Fin de Siècle und gleichzeitig ein Pionier des Kinos und des modernen Bühnenbilds – und ein Propagandist der Tat, dessen Verherrlichung von Krieg und Geschwindigkeit die Ästhetik des Faschismus vorwegnahm.
Mit den Futuristen teilte er die Verachtung für das rückwärtsgewandte Habsburgerreich und die "senile Stadt" Wien, die aus der Luft von der überlegenen italienischen Rasse bezwungen werden sollte.
Wie viele österreichische Intellektuelle und Künstler begrüßte d'Annunzio den Krieg als Therapie jener verweichlichten Dekadenz, deren literarischer Vertreter er nicht zuletzt selbst war.
Hofmannsthal konstatierte als Grundzug seiner Novellen "eine unheimliche Willenlosigkeit", die sich als Grundzug des in der gegenwärtigen Literatur gespiegelten Lebens herausstelle. Diesem Dämmerschlaf folgte wenige Jahre später der atto puro, der reine Willensakt, der auf der Bühne als Lustmord und im wirklichen Leben als Fronteinsatz zum Ausdruck kam.
"Aufsehen machen um jeden Preis war immer schon sein Grundsatz", schrieb die Presse nach seinem Wien-Flug und traf damit einen Wesenszug der künstlerischen Avantgarde: reale Machtlosigkeit durch medialen Schlachtenlärm auszugleichen. Der klapprige Doppeldecker des Typs Ansaldo S.V.A. 10, mit dem der Dichter im letzten Kriegssommer nach Wien flog, wird heute in Gardone Riviera am Gardasee ausgestellt. Das Anwesen Il Vittoriale degli Italiani am rechten Seeufer ist eine Mischung aus Künstlermuseum, Mausoleum und nationaler Pilgerstätte.
In einem weitläufigen Park stehen – in Nachbarschaft zu André Hellers botanischem Garten – ein Kriegsschiff und ein Freilichttheater. Großzügig vermachte der Künstler das Gesamtkunstwerk dem italienischen Volk, eine typische Übertreibung. Der faschistische Staat hatte durch Geldspenden den ganzen Irrsinn erst möglich gemacht.

Die Verehrung des Dichter-Soldaten ist auch nach fast 100 Jahren ungebrochen. An den Kiosken vor dem Vittoriale werden Postkarten verkauft, die d'Annunzio im Gespräch mit Mussolini zeigen. Kein kritischer Kommentar verweist auf die fragwürdige Kriegsgläubigkeit d'Annunzios und seine Komplizenschaft mit dem Faschismus, der im nahe gelegenen Saló seine letzte, apokalyptische Phase erlebte.
Auch im Quirinal-Palast, dem Sitz des italienischen Staatspräsidenten, hängt ein Gemälde, das d'Annunzio feiert. Alfredo Gauro Ambrosis "Flug über Wien" (1933) ist ein Beispiel der Aeropittura, der futuristischen Flugmalerei.
Es zeigt die durch einen aufgewirbelten Himmel jagenden Bomber über einer kubistisch zersplitterten Stadt. So modern wurde die untergehende Kaiserstadt selten einmal gemalt.

Matthias Dusini in FALTER 1-2/2014 vom 10.01.2014 (S. 25)


Rezension aus FALTER 49/2002

"Die Flugschau von Brescia" von 1909 war prominent besucht: Peter Demetz erzählt, was Gabriele d'Annunzio, Franz Kafka und Giacomo Puccini dort getrieben und gesehen haben.

Der 11. September war ein bedeutender Tag in der Geschichte des Flugwesens. Aber nicht so sehr die Ereignisse selbst, sondern deren Wahrnehmung machen ihn zu einem historischen Datum: Bei ruhigem Wetter konnte der italienische Dichterfürst Gabriele d'Annunzio seinen ersten Flug unternehmen - was im Jahr 1909 noch eine Sensation war, auch wenn man sich dabei mitunter kaum oder nur wenige Meter vom Erdboden entfernte. D'Annunzio war dennoch aus dem Häuschen: "Fliegen ist göttlich", erklärte er der Presse, nachdem er am Nachmittag mit dem US-Rekordflieger Glenn Curtiss mehr übers Feld geholpert denn geflogen war, sich am Abend dann aber schließlich an Bord der Maschine des italienischen Lokal-Helden Leutnant Mario Calderara zehn Meter in die Lüfte erhoben hatte (den Höhenbewerb vermochte übrigens Henri Rougier mit 198,5 Meter für sich zu entscheiden).

Unter anderen besuchten auch die Prager Freunde Franz Kafka, Max und Otto Brod das Spektakel, zu dessen Eröffnung 40.000 Menschen kamen. Kafkas Reportage "Die Aeroplane von Brescia" war am 29. September in der Prager Tageszeitung Bohemia erschienen und kann heute, so Peter Demetz, "als einzigartiger Text gelesen werden, der zwischen den Anforderungen eines Zeitungsartikels und seinen eigenen, sich erst entwickelnden Schreibgewohnheiten schwankt".

In seinem soeben erschienenen Buch "Die Flugschau von Brescia" hat der 1922 in Prag geborene und heute dort sowie in Yale unterrichtende Literaturwissenschaftler dieses Zusammentreffen illustrer Persönlichkeiten zum Anlass genommen, um das Schicksal der Protagonisten ein Stück weit zu verfolgen: neben den genannten Dichtern auch noch der ebenfalls nach Brescia gereiste Giacomo Puccini (an dem der mehr an Physiognomien, denn an den aeronautischen Leistungen interessierte Kafka vor allem die "Trinkernase" wahrnahm) sowie die bedeutendsten Piloten. Bei der Strukturierung des Stoffes orientierte sich Demetz, wie er im Gespräch mit dem Falter erzählt, an Thornton Wilders "Die Brücke von St. Luis Rey": "Da kommen fünf Charaktere zur Brücke, Malheur passiert, dann ists aus, aber wir wissen alles über die fünf Personen. Bei mir kommen die Charaktere nach Brescia, kein Malheur, und ich bin neugierig, was danach passiert."

Auf diese Weise erfahren wir aus dem, bis in die "unbedeutendsten" Details recherchierten Buch (es bleibt nicht unerwähnt, dass der Trientiner Pilot Guido Moncher seine spätere Frau am 23. Juni 1904 um 12.15 Uhr zum ersten Mal küsste) etwa auch, dass Demetz' erklärter Liebling, Leutnant Calderara, nach der Ermordung des sozialistische Abgeordneten Giacomo Mateotti durch Mussolinis Geheimpolizei den diplomatischen Dienst in Washington D.C. quittierte und sich als Geschäftsmann in Paris niederließ. In dem dichten, aber überaus vergnüglichen Text wird weder chronologisch erzählt noch eine These aufgestellt. "Die Geschichte hat keine Pointe", erklärt Demetz. "Die einzige, die mir aufgefallen ist, war die arkadische Atmosphäre, dieses völlig Unschuldige. Wenn man daran denkt, welche Energien da investiert wurden und wie die Fliegerei fünf, zehn, fünfzig Jahre später aussah. Man wusste nicht: Ist das Zirkus, Sport oder eine gesellschaftliche Angelegenheit. Kafka hatte so den Verdacht, dass das nicht gut ausgehen kann."

Auf die gern gestellte Frage, ob sein Vater Kafka gekannt habe, pflegt Demetz zu antworten: "Es war schwer, ihn nicht zu kennen! Prag war eigentlich eine Kleinstadt. Wenn jemand nur zwei Gedichte fürs Prager Tagblatt geschrieben hat, dann war er eben bekannt. Es war kein Wunder, dem Kafka Franzl am Altstädter Ring zu begegnen." Mit Kafka befasst sich Demetz schon seit über einem halben Jahrhundert. Nach dem Krieg schrieb er einen Aufsatz für Otto Basils Zeitschrift Der Plan: "Ich habe das meiste aus einer in Zürich erschienenen Dissertation gehabt. Aber so war ich der Erste, der in Österreich über Kafka geschrieben hat."

An seinem jüngsten Buch hat Demetz - mit Unterbrechungen - zwei Jahre lang geschrieben (dass die Materialien seiner Recherchen in Brescia, die er der italienischen Spezialpost anvertraute, prompt verloren gingen, verzögerte die Fertigstellung erheblich); Kafkas Artikel aber hatte er schon als Student für sich entdeckt. Der Charme des überaus genauen, aber dennoch erfrischend unsystematischen und anekdotenreichen Buches geht nicht zuletzt von der Grundverschiedenheit seiner Protagonisten aus. Gemeinsam ist etwa dem nüchternen, mit einem Auge für technische Belange ausgestatteten Kafka, dem impressionistischen Max Brod und dem um Myth(olog)isierungen nie verlegenen, großtuerischen d'Annunzio nur das Interesse an Damenmode. Allein die Beschreibung der hölzernen Hangars spricht Bände: D'Annunzio erblickt in ihnen Werftschuppen, in denen in alten Zeiten Galeeren ausgebessert wurden; Brod vergleicht sie mit Bootshäusern eines Ruderklubs, und in Kafkas Text erinnern sie an große Pissoirs.

Demetz' Blick auf die Dinge ähnelt am ehesten demjenigen Kafkas. Gegen d'Annunzios Stilisierung der Flugpioniere zu nietzscheanischen Übermenschen hält er deren wissenschaftliches, ökonomisches und überlebenstechnisches Kalkül: Gerade Curtiss war ein überaus gewissenhafter und vorsichtiger Pilot, der den italienischen Meister der Selbstdarstellung wohl gar nicht an Bord nehmen wollte. Ursprünglich hatte es d'Annunzio ja auch bei dem berühmtesten Flieger seiner Zeit, Louis Blériot, versucht - eine Szene, die Demetz mit dem für ihn typischen lakonischen Witz beschreibt: "Beim Hangar angekommen, zitierte d'Annunzio vor Blériot auch gleich aus seinem ,Ikarus', der Pilot reagierte nicht darauf und wechselte das Thema. Die Einladung zum Fliegen blieb aus."

Klaus Nüchtern in FALTER 49/2002 vom 06.12.2002 (S. 26)


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